Von Andreas Lorenz, Peking
Kurz nachdem US-Präsident Barack Obama versprach, zur Klima-Konferenz nach Kopenhagen zu reisen, kündigte auch Peking an, einen hochrangigen Politiker nach Dänemark zu schicken. Allerdings wird nicht Staats- und Parteichef Hu Jintao ins Flugzeug steigen, sondern Ministerpräsident Wen Jiabao. Der 67-Jährige ist in Chinas kompliziertem Machtgefüge die Nummer drei.
Womöglich ist Wen die bessere Wahl: Er leitet die Nationale Führungsgruppe Klimawandel, kennt sich also in der komplizierten Materie von Kohlendioxid, fossilen Brennstoffen und erneuerbaren Energien bestens aus. Viel Spielraum wird er in Kopenhagen allerdings nicht haben: Chinas Führung entscheidet stets im Kollektiv und reagiert deshalb auf neue Situationen wenig flexibel.
Immerhin wirkt er weniger hölzern als der Präsident. Wens Markenzeichen ist der Zeigefinger, den er gern oberlehrerhaft in die Luft streckt, wenn er seinem Volk etwas erklärt. Die Chinesen mögen ihn dennoch. Viele nennen ihn "Großvater" oder "Onkel" Wen. Er ist einer der wenigen Politiker Chinas, die menschliche Regungen zeigen. Zuweilen weint er, etwa beim Erdbeben in Sichuan im vorigen Jahr oder nach Minenunglücken.
In Kopenhagen wird er Chinas Klimaziele verkünden. Bis 2020 will Peking die Kohlendioxidemissionen um 40 bis 45 Prozent senken, allerdings nicht gemessen an der Menge des Ausstoßes, sondern "pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts". Die Rechnung beginnt im Jahr 2005.
Die Klimaziele sind bisher nur innenpolitisch verpflichtend
Im Klartext heißt das: China will fortan Energie sparsamer in der Produktion einsetzen. Für eine Tonne Stahl zum Beispiel soll weniger Strom verbraucht werden als bisher. Das heißt aber auch: Wächst die Wirtschaft des Landes weiter so schnell (in den ersten neun Monate 2009 waren es 7,7 Prozent), werden auch mehr Abgase als bisher in die Atmosphäre fliegen. Pessimisten rechneten gar aus, China werde 2020 fast doppelt so viel Treibhausgase ausstoßen wie heute - vorausgesetzt, China steigert seine Produktion so energisch wie in den vergangenen Jahren.
Für "nicht außergewöhnlich" halten internationale Fachleute das Ziel, das Wen in Kopenhagen vortragen wird: Ohnehin sei es schon offizielle Politik ist, Chinas Industrie effizienter zu organisieren. 1990 bis 2003 gelang es bereits, die sogenannte Kohlendioxidintensität um die Hälfte nach unten zu drücken.
International wird die Volksrepublik vorerst keine Verträge unterzeichnen. Bislang sprechen Pekings Funktionäre davon, dass die Klimaziele nur innenpolitisch verpflichtend seien. Immerhin wird Premier Wen in Kopenhagen versprechen, den Anteil "nicht-fossiler" Energiequellen auf 15 Prozent zu steigern. Dazu zählen die Chinesen erneuerbare Energie, die aus Wind, Wasser, Sonnenstrahlung und Biomasse gewonnen wird. Schon jetzt drehen sich in vielen Landstrichen Windräder, in der Inneren Mongolei ist ein riesiges Sonnenkraftwerk geplant. Allerdings gehören nach Ansicht Pekings auch Atomkraftwerke in diese Kategorie. Zu den elf bereits arbeitenden Reaktoren werden in den kommenden elf Jahren rund 40, womöglich sogar 60 hinzukommen. Allein in diesem Jahr wurde der Bau von fünf Meilern begonnen.
Bislang liegt der Anteil der Kohle bei Chinas Energieverbrauch bei knapp 69 Prozent. "Die Emission per Energieeinheit war viel höher als der Weltdurchschnitt, was es enorm schwierig macht, die CO2-Emissionen zu verringern", heißt es selbstkritisch in einem Regierungsbericht von diesem November.
China ist derzeit für die Hälfte des Zuwachses des Kohlendioxidausstoßes weltweit verantwortlich. Pekings Regierung hat die Dramatik der Situation erkannt. Denn wenn das Klima wärmer wird, sich Dürren häufen, das Meer womöglich über seine Ufer tritt, könnte es schwerer werden, die Bürger zu ernähren. Gleichwohl sind die Funktionäre davon überzeugt, dass die traditionellen Industriestaaten den Anfang machen müssen.
Sie halten die Volksrepublik für ein Entwicklungsland, dessen Bürger das gleiche Recht auf Wohlstand haben wie Europäer und Amerikaner. Von der massiven Industrialisierung des Landes wollen sie auf keinen Fall abweichen. Peking fordert deshalb, dass die entwickelten Länder China Technologien übertragen und einen Teil der Kosten für Energiesparprogramme bezahlen.
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