Gewinner und Verlierer im TV-Duell: Obamas Offensive, Romneys Patzer

Von , New York

War das jetzt schon der Befreiungsschlag? Barack Obama hat beim TV-Duell gegen Mitt Romney mit einem aggressiven Auftritt gepunktet. Er profitierte von einem Ausrutscher seines Rivalen. Es war die bisher beste Debatte.

DPA

Das Obama-Lager dürfte nach dieser Redeschlacht aufatmen. Wie ausgewechselt gab sich der US-Präsident in der zweiten TV-Debatte in der Nacht zum Mittwoch (lesen Sie hier das Minutenprotokoll). Er ließ seinem Gegner Mitt Romney nichts durchgehen, Barack Obama ging zum Angriff über: "Was Gouverneur Romney sagt, ist einfach nicht wahr" - gleich mehrfach fuhr der Präsident seinem Herausforderer in die Parade. Kein Vergleich zum ersten TV-Duell, als der Amtsinhaber müde und lustlos wirkte.

"Er zeigte den Kampfgeist, den er in der ersten Debatte vor zwei Wochen nicht gezeigt hat", kommentierte die "New York Times" nur Minuten nach dem Rededuell. Drei Wochen vor dem Wahlgang am 6. November wird immer deutlicher: Es könnte eine der spannendsten Wahlen in der jüngsten Geschichte werden.

Doch Romney wehrte sich tapfer, er konfrontierte den Präsidenten erneut mit der hohen Arbeitslosigkeit, mit der schlechten Wirtschaftslage. Romney: "Ich weiß, wie es besser geht. Ich habe mein Leben in der Privatwirtschaft verbracht." Das ist unterdessen zu seinem Credo geworden. Kein Wunder, dass sich erste Kommentatoren eher zurückhaltend geben. "Romney hatte einen soliden Auftritt... aber Obama die Nase vorn", meinte der CNN-Experte David Gergen.

Das ist auch die Tendenz der ersten Umfragen. Gegenüber CNN/ORC sagten 46 Prozent der befragten Wähler, der Amtsinhaber habe die TV-Debatte gewonnen. 39 Prozent sahen den Republikaner Romney vorn. Die Autoren der Erhebung betonten allerdings, dass die Differenz von sieben Punkten im Fehlerbereich der Umfrage liege.

Wer hat gewonnen? Wer verloren? Und wie geht es jetzt weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur TV-Debatte.

WER WAR DER SIEGER?

Obama. Der Präsident war Romney überlegen, in Stil wie Substanz. Er nutzte jede Antwort, um den Rivalen aggressiv zu attackieren, zu diskreditieren, zu schmälern. Um zu "siegen", musste Obama eigentlich nur nicht ganz so schlecht sein wie beim letzten Mal, als er quasi sein faules Double vorschickte. Doch er tat diesmal viel mehr: Er stand unter Strom, verteidigte seine erste Amtszeit (wenn auch mit Übertreibungen), jonglierte mit allen Themen, warf Romney immer wieder Lügen vor, empörte sich sichtlich über dessen Aussagen. "Was Gouverneur Romney gerade gesagt hat, ist einfach nicht wahr", sagte er schon nach wenigen Minuten - und wiederholte das dann noch siebenmal. Die Obama-nahe MSNBC-Anchorfrau Rachel Maddow bezeichnete den Auftritt sogar als beste Debatte in Obamas Karriere.

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US-Wahlkampf: Obama und Romney im zweiten TV-Duell
Es gab noch eine zweite Siegerin: CNN-Moderatorin Crowley. Sie ignorierte die Vorschrift beider Seiten, sich nicht einzumischen, keine Nachfragen zu stellen - und bescherte Romney damit seinen wohl schwierigsten Moment des Abends. Als er behauptete, Obama habe nach dem Anschlag aufs US-Konsulat in Bengasi nicht von "Terrorakt" gesprochen, korrigierte sie ihn sofort: Obama habe das sehr wohl gesagt.

Die Wahrheit ist etwas komplizierter: In der Tat hatte Obama in besagtem Auftritt im Rosengarten des Weißen Hauses von "acts of terror" gesprochen, allerdings nur in indirektem Zusammenhang mit Bengasi, und auch seine Uno-Botschafterin Susan Rice hatte anfangs bestritten, dass der Angriff auf das Konsulat ein Terroranschlag gewesen sei. Doch im schnellen Wortwechsel der TV-Debatte stand Romney als Verlierer dieses dramatischen Austauschs da. Auch an anderer Stelle wies Crowley Romney zurecht: "Können Sie sich bitte wieder hinsetzen?"

Dritter Sieger war das Publikum. Dies war eine Debatte voller Feuer, die neun Minuten über die Zeit ging, doch noch viel länger hätte laufen können, so viel Spaß machte das.

WER WAR DER VERLIERER?

Romney, selbstverschuldet. Zwar sahen die allerersten Blitzumfragen Obama nur als knappen Sieger. Doch Romney stolperte vor allem über den Bengasi-Fauxpas, der ihm für den Rest des Abends anhaftete. Der Missgriff ließ ihn sichtlich irritiert zurück. Trotzdem konnte er in wirtschaftpolitischen Themen punkten, und auch bei der Steuerpolitik konnte ihn Obama nicht richtig packen. Stattdessen demontierte Obama seine Attacke gegen Romneys diffuse Steuerpläne, indem er deren Kosten auf acht Billionen (!) Dollar hochschraubte - eine kaum belegbare Horrorsumme, mit der sich der Präsident, obwohl er faktisch das bessere Argument hatte, nur unglaubwürdig machte.

Am Ende bekam Romney sicher auch ein paar Sympathiestimmen: Er sah im Lauf des Abends so mitgenommen aus, mit geschwollenen Adern und Schweißfilm auf der Stirn, dass er einem fast leidtat. Klarstes Zeichen einer Romney-Niederlage: Selbst der konservative Kabelsender Fox News räumte ein "Patt" ein.

WER LIEFERTE DEN SCHLIMMSTEN FAUXPAS?

Romneys Bengasi-Flop. Zweiter Platz: Beim Versuch, mit weiblichen Wählern zu punkten, erzählte Romney eine Anekdote aus seiner Zeit als Gouverneur von Massachusetts. Als er Bewerbungen für sein Kabinett gesichtet habe, seien das "alles Männer" gewesen. Darauf habe er gesagt: "Können wir nicht ein paar Frauen finden, die auch qualifiziert sind?" Seine Helfer hätten ihm daraufhin "Ordner voller Frauen gebracht". Der Ausdruck "binders full of women" verbreitete sich sofort ebenso rasend wie spöttisch durchs Internet und ließ Twitter geradezu explodieren. Obama nutzte die Frage nach den Frauen seinerseits geschickt, um die restriktive Frauen- und Abtreibungspolitik der Republikaner herauszustellen - ein Thema, das in der letzten Debatte zu kurz gekommen war.

WAS WAR DER BESTE MOMENT?

Da fällt die Wahl schwer. Es ging schon rasant los, als Crowley den Präsidenten fragte, ob es wirklich in der Macht der Regierung liege, die Spritpreise zu senken. Obama nutzte die Steilvorlage, um seine Energiepolitik zu preisen, das klang erst langweilig, doch dann wurde es auf einmal munter. Romney unterbrach Obama trotzig, es entspann sich ein heftiges Hin und Her, beide beharkten sich, standen von ihren Hockern auf, gingen geradezu drohend aufeinander zu. Romney bellte: "Beantworten Sie die Frage!" Und: "Ich bin noch nicht fertig." Es war der erste dramatische Moment dieses Abends und setzte somit den restlichen Ton.

Weitere Top-Momente: Obamas Zwischenruf, als Romney später schon wieder dazwischen redete ("Candy, ich bin dran gewöhnt, unterbrochen zu werden"). Und, an den mutmaßlichen Outsourcer und China-Profiteur Romney: "Gouverneur, Sie sind die letzte Person, die hart gegen China durchgreifen würde." Romney versuchte sich zu revanchieren, indem er Obama vorhielt, seine Rente sei doch ebenfalls teilweise im Ausland investiert. Darauf Obama: "Gouverneur, ich gucke nicht so oft in meine Rente. Sie ist nicht so groß wie Ihre."

Ansonsten können fast alle Fragen der Studiozuschauer als "beste Momente" gelten. Sie waren clever, informiert, vielseitig, interessiert - was wohl auch an der Vorauswahl durch Crowley lag. Sie sorgte dafür, dass sich die Themen nur so jagten, nur wenige Aspekte ganz ausgespart wurden (etwa der Klimawandel) und es nie langweilig wurde.

WIE GEHT ES JETZT WEITER?

Nach zwei Debatten steht es nun 1:1. Wie sich das auf die Umfragen auswirkt? Romney hat in den letzten zwei Wochen kräftig aufgeholt. Ob der jüngste Erfolg für Obama reicht, um seinen verlorenen Vorsprung wieder zu vergrößern, ist ebenso ungewiss wie die Frage, ob Romney noch einmal kontern kann. Es bleiben nur noch drei Wochen, und die dritte Debatte, am Montag in Florida, kommt womöglich zu spät, um etwas dramatisch zu ändern. Die meisten Wähler haben sich inzwischen schon festgelegt, und in 15 US-Bundesstaaten läuft das "early voting" bereits. Sprich: Millionen Stimmen sind bereits abgegeben.

Schlimmstenfalls erwarten einige Demoskopen am 6. November ein seltenes Unentschieden. In der Tat erhöhen sich nun die Chancen, dass beide Kandidaten je 269 Wahlmännerstimmen auf sich vereinen. Was dann? Dann entscheidet das neugewählte US-Repräsentantenhaus, wer Präsident wird - aber erst in seiner ersten Sitzungswoche im Januar 2013. Dabei bekommt jede Bundesstaaten-Delegation eine Stimme.

Mit Material von dpa

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insgesamt 146 Beiträge
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1. Show nichts als Show
senn-heist-er 17.10.2012
glaubt denn wirklich noch einer mit gesundem Menschenverstand daß die sich da bekriegen? Egal wen man wählt, es wird immer der richtige Vasalle sein. Das Stimmvieh wird in jedem Fall hinters Licht geführt und übers Ohr gehauen. So eine Farce kann einem auch nur Amiland bieten. Kopfschüttel.
2.
uezegei 17.10.2012
Zitat von sysopREUTERSWar das jetzt schon der Befreiungsschlag? Barack Obama hat beim TV-Duell gegen Mitt Romney mit einem aggressiven Auftritt gepunktet. Er profitierte von einem Ausrutscher seines Rivalen. Es war die bisher beste Debatte. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Treffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/wer-war-besser-obama-und-romney-im-tv-duell-a-861705.html
Die ständigen Berichte über eine dubiose Fernsehsendung weit, weit weg über den Atlantik haben mittlerweile ein Nervpotential erreicht, das seinesgleichen sucht. Wen interessiert, was zwei Wirtschaftslobbyisten sich gegenseitig an den Kopf werfen? Bekommen wir demnächst auch einen Liveticker von der nächsten KP-Sitzung aus der großen Halle des Volkes in Beijing?
3. Schade...
fatherted98 17.10.2012
...ich hatte schon auf Rommney gehofft. Leider ist der US-Wahlkampt letztlich eine Medienschlacht...und Obama weiß sich zu verkaufen. Vielleicht war die schwache Vorstellung des ersten Schlagabtausches sogar gewollte Absicht...um sich dann zu steigern und zur Wahl hin die letzten Prozente einzusammeln. Heute morgen in den ÖR Morgenmagazinen sagte man das viele US Bürger schon ihren Wahlzettel per Briefwahl abgegeben hätten...ob das wohl stimmt? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen...
4. Übersetzungsfehler?
Rpunkt 17.10.2012
"indem er deren Kosten auf acht Billionen (!) Dollar hochschraubte - eine kaum belegbare Horrorsumme" Obama hat sicherlich von einer englischen "Billion" gesprochen, was eine Milliarde entspricht, ein beliebter Übersetzungsfehler.
5. Gute Zusammenfassung des Duells!
curlygerman.de 17.10.2012
Aber der letzte Absatz "In der Tat erhöhen sich nun die Chancen, dass beide Kandidaten je 269 Wahlmännerstimmen auf sich vereinen...." kommt wohl doch ein wenig zu dramatisch und zu früh und ist für den Artikel über die zweite von drei Debatten drei Wochen vor der Wahl unnötig. Genauso wie die Formulierung "Es könnte eine der spannendsten Wahlen in der jüngsten Geschichte werden." - da ist Herr Pitzke nur auf einer haltlosen (typisch amerikanischen!) Rekordejagd unterwegs. Denn wie jung ist "jüngste Geschichte"? War die "historische Wahl" von 2008 nicht spannend? Schlägt überhaupt irgendeine Wahl die von 2000 Gore vs. Bush in puncto Dramatik?
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Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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