West Wing Die Supermacht soll Soft Power werden

In den USA zeichnet sich eine außenpolitische Wende ab: Nach den Exzessen der Neokonservativen setzen John McCain und Barack Obama auf internationale Kooperation und eine Rückkehr zur Diplomatie - auch gegenüber Schurkenstaaten. Das neue Zauberwort heißt Soft Power.

Von Gabor Steingart, Washington


Das Neue zeigt sich im Alten: Der Abschied von der Außenpolitik des George W. Bush, deren Markenzeichen die gezückte Pistole war, hat begonnen. Der US-Präsident selbst leitete ihn ein, wenn auch nicht öffentlich.

Es war die Vertraulichkeit eines Vier-Augen-Gespräches, in der ein ausländischer Besucher den US-Präsidenten um Klarheit bat. Ob er denn tatsächlich in der noch verbleibenden Amtszeit Iran wegen seiner Nuklearpläne bombardieren wolle? George W. Bush, der öffentlich vom dritten Weltkrieg gesprochen hatte, antwortete klar und klug: "You can't bomb knowledge."

Viele Monate vor dem eigentlichen Machtwechsel in Amerika zeichnet sich ein Politikwechsel ab, über dessen Größe und Umfang heute nur spekuliert werden kann. Aber der Keim einer neuen Außenpolitik ist gesät. Die neokonservative Strategie, die Diplomatie als Zeitverschwendung und den militärischen Erstschlag als Grundrecht der USA ansah, hat sich als unfruchtbar erwiesen. Sie wird keinen neuen Trieb hervorbringen, wer auch immer im Weißen Haus einzieht.

Die Wirklichkeit hat Amerika eine bittere Lektion erteilt. Die Kriege im Irak und in Afghanistan sind auch Jahre nach dem Einmarsch nicht gewonnen. Bush dient dem radikalen Islam als fleißigster Rekrutierungshelfer. Und im Nahen Osten, wo sich neben Syrien ein wirtschaftlich prosperierender Iran zur Ordnungsmacht berufen fühlt, ist der Krieg näher als der Frieden.

Wo geredet wird, wird nicht geschossen

McCain und Obama (Archivbild): Gemeinsamkeiten hinterm Wahlkampfnebel
AP

McCain und Obama (Archivbild): Gemeinsamkeiten hinterm Wahlkampfnebel

Amerika steht einsam da, auch im Westen. Mit dem Rücktritt Tony Blairs ist der letzte europäische Vasall abhandengekommen. In Asien (wo jeder zweite Erdbewohner lebt) besitzt Amerika zwar viele Militärbasen, aber nahezu keine Freunde. Der schwache Dollar macht zudem die Ölbesitzer in Moskau und Persien stark und frech.

Die Voraussetzung für das Neue ist immer das Scheitern des Alten. So war es auch Ende der sechziger Jahre, als sich die Entspannungspolitik durchzusetzen begann. Die amerikanische Politik des Rollback, also das Zurückdrängen des Sowjetkommunismus, brach den Kommunisten nicht das Genick, sondern stärkte der Sowjet-Armee den Rücken. In Berlin wurde die Mauer gebaut, die Kuba-Krise brachte die Welt an den Rand eines Atomkrieges, verlustreiche Stellvertreterkriege in Angola und Vietnam nahmen ihren Lauf.

Wo geredet wird, wird nicht geschossen, lautete bald schon die neue Parole. Willy Brandt fuhr nach Moskau, Richard Nixon besuchte Mao, später erzielte Ronald Reagan ein spektakuläres Abrüstungsabkommen.

Der Niedergang der Sowjetunion ist den USA nicht gut bekommen. Die Großmacht wurde großmäulig. Dabei war schon der Grundgedanke der Neokonservativen falsch. Die Welt, glaubten sie, bestehe aus Gut, Böse und den Weichlingen aus "Old Europe", wie der einstige Verteidungsminister Donald Rumsfeld sich ausdrückte. Das Böse lasse sich isolieren oder gar ausmerzen, die Weichlinge müsse man ignorieren.

Außenpolitik nicht nur mit Hammer und Brecheisen

Aber die Welt besteht nicht aus Gut und Böse, sondern aus unterschiedlichen Interessen und Werten. Kluge Politik versucht diese zu verstehen und auszubalancieren. Nicht jeder Schreihals wird zum neuen Hitler ernannt. Nicht jeder Kritiker der USA als Anti-Amerikaner wahrgenommen.

Das Trennende verkleinern, das Gemeinsame vergrößern und so viel wie möglich gemeinsam mit anderen Staaten unternehmen. Das ist die Idee der Soft-Power-Politik, die das politische Washington derzeit fasziniert. In diesem Konzept wird wieder der gesamte Werkzeugkasten der Außenpolitik zur Hand genommen, nicht nur Hammer und Brecheisen.

Soft Power-Politik bringt neben Militärmacht und Wirtschaftskraft eine dritte Dimension, die kulturelle und argumentative Kraft einer Nation zur Wirkung, sagt der Erfinder des Konzepts, Joseph S. Nye Jr., einst Vorsitzender im National Intelligence Council der USA. Soft-Power-Politik bedeutet demnach Vorbild sein, reden, verhandeln, locken und drohen, kooperieren und sanktionieren, die Tür öffnen, die Tür zuschmeißen, um sie wieder zu öffnen. Es wird blockiert, geblufft und erst wenn gar nichts anderes fruchtet, wird auch bombardiert.

"Unsere Bereitschaft zu reden macht es paradoxerweise sogar leichter eine harte Politik einzuschlagen", sagt Dennis Ross, einst Nahost-Koordinator der Clinton-Regierung.

Verhandeln lohnt immer, selbst wenn eine Einigung praktisch unmöglich ist, sagen die Soft-Power-Befürworter. Es gilt die chinesische Volksweisheit: Die Hand, die du nicht abhacken kannst, sollst du schütteln. Was im Umkehrschluss eben auch bedeutet: Wenn die Chance sich ergibt, wird das Hackebeil geschwungen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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Mustermann 26.05.2008
1. Der Wolf will Kreide fressen
Zitat von sysopIn den USA zeichnet sich eine außenpolitische Wende ab: Nach den Exzessen der Neokonservativen setzen John McCain und Barack Obama auf internationale Kooperation und eine Rückkehr zur Diplomatie - auch gegenüber Schurkenstaaten. Das neue Zauberwort heißt Soft Power. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,555319,00.html
Wieviele US-Präsidenten haben nach dem zweiten Weltkrieg *keinen* Krieg geführt?
Monark, 26.05.2008
2. Only good news is good news
Na, das ist doch mal was. Ich drücke für die Präsidentschaftswahlen natürlich trotzdem Obama die Daumen. Aber dass auch McCain, wohl wegen seiner eigenen bitteren Erfahrungen aus dem Vietnam-Krieg, einen diplomatischeren Weg einschlagen will, gibt doch Grund zur Hoffnung. Die Welt braucht Amerika, wenn sie vorwärts kommen will. Das ist leider so. Aber die Vorzeichen ändern sich, zum Glück.
family, 26.05.2008
3. Frage:
In wie fern kann der Praesident entscheiden ob "Zuckerbrot" oder "Peitsche" bei einem Schurkenstaat angewendet wird? Wird nicht schlussendlich das Machtwort vom Senat entscheident sein, was getan werden muss?
marc_malone 26.05.2008
4. Good News
Zitat von MonarkNa, das ist doch mal was. Ich drücke für die Präsidentschaftswahlen natürlich trotzdem Obama die Daumen. Aber dass auch McCain, wohl wegen seiner eigenen bitteren Erfahrungen aus dem Vietnam-Krieg, einen diplomatischeren Weg einschlagen will, gibt doch Grund zur Hoffnung. Die Welt braucht Amerika, wenn sie vorwärts kommen will. Das ist leider so. Aber die Vorzeichen ändern sich, zum Glück.
Das sind wirklich gute Nachrichten. Ich unterstelle, dass auch Clinton auf diese Linie einschwenken würden, bin aber trotzdem froh, wenn sie bald ihren Rückzug erklärt.
family, 26.05.2008
5. Keine Panik
Zitat von marc_maloneDas sind wirklich gute Nachrichten. Ich unterstelle, dass auch Clinton auf diese Linie einschwenken würden, bin aber trotzdem froh, wenn sie bald ihren Rückzug erklärt.
Frau Merkel wird auch mit Obama klar kommen. Und vielleicht ist sie sogar froh dass sie nichts mit Frau Clinton zu tun haben wird.
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