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West Wing: In der kleinen Welt des Dick Cheney

Von Gabor Steingart, Washington

Nur ein Politiker ist unbeliebter als US-Präsident Bush: sein Vize Dick Cheney. Ein Mittagessen im National Press Club sollte den wahren Cheney zeigen - was auch gelang. Szenen einer Selbstbezichtigung.

Washington - Wer deutlich machen will, dass er ein guter Mensch ist, lässt einen bösen Satz über Dick Cheney fallen. Das funktioniert im Kleinen (Freundeskreis) wie im Großen (US-Wahlkampf). Die demokratischen Wahlkämpfer rufen "Dick Cheney" in den Saal, und schon beginnen die Gefühle der Zuhörer aufzukochen wie die Milch, die man auf der Herdplatte vergessen hat.

Dick Cheney: "So arbeitet unser System."
AP

Dick Cheney: "So arbeitet unser System."

Als mich die Einladung des National Press Club in Washington zu einem Mittagessen mit dem Vizepräsidenten der USA erreichte, war ich daher entschlossen, dem Mann mit Wohlwollen zu begegnen, schon aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit. Er hat wahrlich genug Ärger am Hals.

Im Irak führt er den falschen Krieg mit bisher über 4000 toten US-Soldaten und knapp 30.000 Verletzten. An seinem Namen kleben die Worte Bösewicht, Kriegshetzer, Lügner.

Seine Tochter lebt mit einer Frau zusammen, was unter strammen Konservativen sicher nicht für die reinste Freude sorgt. Und dann diese schreckliche Tragödie: Einem Freund, dem Anwalt Harry Whittington, hatte er bei der Wachteljagd aus Versehen mit der Schrotflinte ins Gesicht geschossen.

Ich war also entsprechend milde gestimmt, als ich dem Mann am Montag begegnete. Rosig sah er aus, wohl genährt und das Gesicht fast faltenfrei, auch aus der Nähe. Die Sorgen, die einer wie er haben sollte, sah man Dick Cheney nicht an.

Wer sich ihm auf mehr als zwei Meter näherte, wurde diskret aufgefordert, alles aus der Hand zu geben. "Alles!", sagt der Sicherheitsmann noch mal zum Mitschreiben. Widerwillig musste ich auch meine "Washington Post" zurücklassen.

Erst fand ich das übertrieben, dann aber nahm ich all mein mitgebrachtes Wohlwollen zusammen und fand es konsequent. Die "Washington Post" und die anderen Medien sind im Leben von Cheney schließlich wie Schrotflinten. Jeden Tag bekommt er seine Ladung verpasst.

Zwei Dinge haben mich im Laufe des Mittagessens überrascht. Erstens: Der Mann sprach leise, wirkte zuweilen sogar leicht verlegen. Er schaute oft auf den Boden beim Sprechen, der Körper war wie ein Schutzwall um ihn versammelt.

Das Beherrschen fällt ihm schwer

Seine Sprache war monoton, da funkelte nicht viel. Ich hatte Verständnis für Henry Kissinger, der mit Cheney gekommen war, und früh schon die Augen zu einem kleinen Nickerchen schloss.

Zweitens: Cheney schaffte es innerhalb kürzester Zeit, meinen Sympathievorrat zu plündern. Genau genommen hat er ihn einfach weggesprengt.

Das Buch eines ehemaligen Pressesprechers des Weißen Hauses, das in diesen Tagen für Aufsehen in Washington sorgt, weil es von Lügen und Hinterhalt in der Regierung Bush erzählt, habe er nicht gelesen, werde er auch nicht lesen, und wenn es nach ihm ginge, dürfte es derartige Verräterliteratur gar nicht geben. Letzteres sagte er nicht. Aber es war unschwer aus seinen Gesichtszügen zu lesen.

Das Beherrschen fällt ihm schwer. "Go fuck yourself", hatte er vor Jahren dem Senator Patrick Leahy bei einem Fototermin im Kongress zugeraunzt. Er habe sich anschließend erleichtert gefühlt, teilte er nicht ohne Stolz mit. Cheney lebt in einer Welt, die er sich selbst gezimmert hat. Es ist eine kleine Welt. Er hat sie in den Presseclub mitgebracht.

Sie sieht aus wie eine Puppenstube, in der nur ein Zimmer für die Guten reserviert ist und viele für die Bösen. Das Zimmer der Guten sieht aus wie das Oval Office im Weißen Haus. In den Zimmern der Bösen herrscht Gedränge. Für den Zweifel hat sich in dieser Puppenstubenwelt kein Platz gefunden.

Fehler der Bush-Regierung vermochte er nicht zu erkennen

Die Politik von George W. Bush habe die Welt besser gemacht und Amerika sicherer, sagte er und lachte. Zum Beweis legte er eine von ihm geführte Statistik der nicht erfolgten Terroranschläge vor. Es habe, seitdem die Regierung ihren "Krieg gegen den Terror" führe, keine bedeutsamen Anschläge in den USA gegeben. Tausende seien noch am Leben, weil man aktiv geworden sei, sagte er.

Fehler der Bush-Regierung vermochte er nicht zu erkennen. In 15 Jahren werde die Richtigkeit des Vorgehens im Irak allgemein anerkannt sein. Man dürfe Politik nicht an Stimmungen und Meinungsumfragen ausrichten, sagte er. Die kleine, aber gehässige Frage der Präsidentin des Presseclubs, warum dann die Regierung so viele Umfragen in Auftrag gebe, ließ ihn das Gesicht verziehen. Dick Cheney mag solche Fragen nicht.

Die Medien sind ihm lästig, woraus er kein Geheimnis machte. Sie halten in seiner Puppenstube zu viele Zimmer besetzt. Für ihn wohnen sie auf dem Flur der Bösen. Dass die "New York Times" für einen Enthüllungsartikel über die Abhörpraktiken der Regierung den Pulitzer-Preis bekam, schmerzt ihn sehr. Da seien Geheimnisse an den Feind verraten worden, das war "wenig ehrenhaft". Es tue ihm leid, das gerade hier, auf Einladung des National Press Club, sagen zu müssen. Sein Gesicht sagt: Es ist mir eine Ehre und Freude, Ihnen das heute hier sagen zu können.

Über die neuere Irak-Strategie des Präsidenten, die besser wirke als die alte, werde hingegen zu wenig berichtet. "Die ist ein Erfolg", rief er. Aber gute Nachrichten seien eben keine Nachrichten, fügte er leicht beleidigt hinzu. "So arbeitet unser System." Mit "unser System" war die Demokratie gemeint.

Seine Bedeutung als Vizepräsident, das war ihm noch wichtig anzumerken, werde gemeinhin überschätzt. Im Grunde sei er für nichts verantwortlich: "I don't run anything", sagte er. Er sei lediglich der Berater des Präsidenten.

Als ich den Presseclub verließ, war ich unbeschwerter als bei der Ankunft. Cheney hat es mir leicht gemacht, ihn nicht zu mögen. Mein Zimmer liegt nicht auf demselben Flur wie seines.

Vor der Tür rannte ich einem kleinen Trupp von Demonstranten in die Arme. Knapp 20 Frauen waren es, die gegen den "Kriegsverbrecher Cheney" protestierten. "Wie ist er?", wollte eine wissen. "Gut", sagte ich.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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1. tricky Dick
reflexxion 03.06.2008
es ist sehr bedauerlich, dass jemand der so mit der Militärversorgung verbandelt ist, wie Cheney trotzdem Vizepräsident der USA sein kann. Es passt zu Bush sich so zu korumpieren. leider muss die Welt die beiden Kriegstreiber noch eine ganze Weile ertragen, wieviele US-GIs müssen in dieser zeit noch sterben - nur damit es Cheney & Co gut geht?
2. Mehr davon
mo.g 03.06.2008
Also das Ende ist ja nen bisschen merkwürdig. Sonst ist das aber ein guter Artikel geworden. Teilweise doch recht lustig.
3. gaboresk
schlafschule69, 03.06.2008
Zitat von mo.gAlso das Ende ist ja nen bisschen merkwürdig. Sonst ist das aber ein guter Artikel geworden. Teilweise doch recht lustig.
Das Ende versteh ich auch nicht. Aber ich finde auch den ganzen Artikel merkwürdig - gaboresk eben. Stilblüten wie: ...Einem Freund, dem Anwalt Harry Whittington, hatte er bei der Wachteljagd aus Versehen mit der Schrotflinte ins Gesicht geschossen. Ich war also entsprechend milde gestimmt,... kann echt nur Steingart raushauen.
4. "gut"?
kuchenbob, 03.06.2008
Bin ja beruhigt, dass ich nicht der einzige bin der das Ende nicht versteht.
5. -
P.Lush, 03.06.2008
Zitat von kuchenbobBin ja beruhigt, dass ich nicht der einzige bin der das Ende nicht versteht.
Dann bitte den Artikel noch einmal von vorne bis hinten lesen. Für mich ist das Ende völlig schlüssig und logisch.
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