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West Wing: Pearl Harbor ohne Krieg

Von Gabor Steingart, Washington

Die Krise des Dollars alarmiert die Weltpolitik. Seit Einführung des Euro hat er 24 Prozent seines Werts verloren, jetzt könnte auch noch China aus der Währung fliehen - die USA müssen sich dringend Sorgen machen.

Was haben das brasilianische Starmodel Gisele Bündchen und die Volksrepublik China gemeinsam? Die Antwort lautet seit vergangener Woche: Beide misstrauen dem Dollar.

Das derzeit erfolgreichste Model der Welt ließ über ihre Zwillingsschwester und Managerin Patricia Bündchen mitteilen, Verträge in Euro seien ihr deutlich lieber als solche in Dollar. Die chinesische Zentralbank erklärte fast zeitgleich, dass der Dollar seinen Status als Weltwährung verlieren werde.

Nun könnte man die Währungsvorlieben der Schönheit getrost überhören. China aber ist das Biest, das den Amerikanern im Nacken sitzt.

Das für Amerika wichtigste Land der Erde heißt nicht England, Deutschland, Saudi-Arabien, Russland oder Irak. Das wichtigste, weil am wenigsten verzichtbare Land für die USA heißt China. Ohne dessen Bereitschaft, nahezu unbegrenzt US-Staatsanleihen zu kaufen, gäbe es kein amerikanisches Konsumwunder. Ohne Konsumwunder gäbe es kein Wirtschaftswachstum. Kurz gesagt: Ohne China stünde die Großmacht Amerika deutlich kleiner da.

Bisher verhält sich Peking wie der gütige Kaufmann, der seinen Kunden anschreiben lässt. Die Amerikaner bekommen Fernseher, Kinderspielzeug und Unterhosen geliefert, ohne dass die Chinesen im gleichen Umfang dafür US-Waren importieren. Die Lücke zwischen Einkaufen und Verkaufen liegt bei rund fünf Milliarden Dollar – pro Woche.

Die Chinesen geben sich mit US-Staatsanleihen zufrieden, auch um ihren wichtigsten Kunden flüssig zu halten. Mittlerweile verfügt die Staatsbank in Peking über einen Devisenschatz von 1,4 Billionen Dollar.

Geradezu mit Eselsgeduld sahen die Chinesen zu, wie ihr bester Kunde seine Lieferfähigkeit verlor.

Der Verfall des Dollars aber kann den Männern in Peking nicht gleichgültig sein. Er entwertet den Dollarschatz ihrer Zentralbank. In ihm ist ein Teil der chinesischen Exporterfolge zu Geld geronnen.

Ein Rückzug der Chinesen aus dem Dollar würde für die USA ein Pearl Harbor ohne Krieg bedeuten. Die größte Volkswirtschaft der Welt würde von der am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaft der Welt herausgefordert. Der Lebensstandard von Millionen würde in Mitleidenschaft gezogen. Das derzeit ohnehin wackelige Selbstbewusstsein der Amerikaner würde erneut Schaden nehmen. Auf ihrem ureigensten Feld, dem der Ökonomie, müssten die USA einen empfindlichen Schlag einstecken.

Und die USA könnten den Chinesen kaum einen Vorwurf machen. Denn sie sind keine Kamikaze-Politiker. Der Angriff auf den Dollar wird nicht heimtückisch vorbereitet. Im Gegenteil, die Vorbereitung findet in aller Öffentlichkeit statt. Was die Chinesen den Amerikanern in der vergangenen Woche auf ihre höfliche Art mitgeteilt haben, heißt auf Texanisch übersetzt: Wenn nichts passiert, kommt der große Rumms.

Schon seit längerem ist die Entwicklung der US-Volkswirtschaft an Dramatik kaum zu überbieten. Mit dem Aufstieg der asiatischen Volkswirtschaften - erst Japan, dann China, zuletzt Indien - setzte eine historische Trend-Umkehr ein. Die einst stolze Exportnation USA wurde zum Importweltmeister. Das Handelsbilanzdefizit betrug 1992 erst 84 Milliarden Dollar, 2007 wird es oberhalb von 700 Milliarden Dollar abschließen.

Der größte Kreditgeber der Welt ist innerhalb einer Generation zum größten Schuldner der Welt abgestiegen, ohne dass die USA ernsthaft versucht haben, diesen Umstand zu ändern. Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem, heißt es in Washington lapidar.

Die US-Regierung reagierte auch in der vergangenen Woche, wie sie stets auf derartige Ermahnungen reagiert: kaltschnäuzig und dickfellig. Der Dollar sei nicht ohne Grund zur Weltreservewährung aufgestiegen, sagte Finanzminister Hank Paulson mit leicht beleidigtem Unterton.

Dabei müssten er und George W. Bushs Regierung handeln, anstatt zu schmollen. Die Lieferfähigkeit der USA müsste erhöht, ihre industrielle Basis erneuert werden. Der Konsum von Staat und Privaten, der in Wahrheit ein Zukunftsverzehr ist, müsste gedrosselt werden. Das Wachstum wäre dann geringer, aber nachhaltiger.

Die Bemerkung des Pekinger Zentralbankers in der vergangenen Woche ist als Warnung zu verstehen, nicht als Drohung. China hat angesichts der anhaltenden Dollarschwäche gar keine andere Wahl als zu reagieren.

Ein Angriff auf die US-Volkswirtschaft ist deshalb das bestprognostizierbare Ereignis der kommenden Jahre. Der Angreifer kann für sich sogar den Verteidigungsfall reklamieren.

Was ist der Unterschied zwischen der US-Regierung des Jahres 1941 und der heutigen? Womöglich keiner. Der japanische Angriff auf die Pazifik-Flotte in Pearl Harbor galt als undenkbar - obwohl die Geheimdienste Anhaltspunkte gemeldet hatten. Damals war man sich in Washington sicher: Die Japaner würden es nicht wagen und nicht schaffen, einen Angriff über 8000 Kilometer Distanz zu organisieren.

Die Mannschaften schliefen, als die Kampfbomber kamen.

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