Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

West Wing: Ruf nach Leadership

Von Gabor Steingart, Washington

Im Schlussspurt zu den amerikanischen Vorwahlen dreht sich alles um die Führungsqualitäten der Präsidentschaftsbewerber. Sie müssen nicht beliebt sein. Die Wähler erwarten vielmehr Erfahrung, Härte und Pragmatismus.

Washington - Will man einen durchschnittlichen Amerikaner vom Deutschen unterscheiden, empfiehlt sich ein kleines Menschenexperiment. Man rufe lauthals das Wort "Leader", Führer, in den Raum und blitzschnell werden die Unterschiede sichtbar. Der Amerikaner spitzt erwartungsvoll die Ohren, dem Deutschen gefrieren die Gesichtszüge. Der Amerikaner denkt, je nach politischer Veranlagung, an Roosevelt oder Kennedy. In Deutschland trägt das Wort Führer noch immer einen Hitler-Bart.

Demokratische Präsidentschaftsbewerber Clinton und Obama: Er empfindet sie als konventionell, sie nennt ihn naiv
REUTERS

Demokratische Präsidentschaftsbewerber Clinton und Obama: Er empfindet sie als konventionell, sie nennt ihn naiv

Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, wo Anfang Januar mit einer Vorentscheidung über die beiden Spitzenkandidaten zu rechnen ist, wird Führung nicht erduldet, sondern erwartet. Jetzt mehr denn je, sagen die Meinungsforscher. Sie registrieren einen "cry for leadership", einen Ruf nach Führung, der in dieser Dringlichkeit vor allem mit der Erfolglosigkeit des jetzigen Amtsinhabers zu erklären ist.

George W. Bush hat sein Land zwar geführt, aber bestenfalls im Kreis. So ist der Wettbewerb um die Bush-Nachfolge vor allem ein Wettbewerb um die richtigen Führungsqualitäten. Es wird gefragt: Aus welchem Holz soll ein künftiger Präsident geschnitzt sein? Wie viel Erfahrung ist nötig und welchen Schuss an Naivität kann man sich leisten? In welchem Mischungsverhältnis müssen Härte und Mitgefühl zueinander stehen?

Tastend oder in Siebenmeilenstiefeln vorwärts?

Der dunkelhäutige Senator Barack Obama von den Demokraten verspricht eine "visionäre Führung", seine Kontrahentin Hillary Clinton offeriert Pragmatismus. Ihre Führungskraft beruhe auf Erfahrung, seine auf Ideen, sagt sie. Sie will sich tastend vorwärtsbewegen, er in Siebenmeilenstiefeln. Er empfindet sie als konventionell, sie nennt ihn naiv.

Bei den Republikanern ist "Leadership" nur mit dem Zusatz "strong" zu haben, was so autoritär klingt, wie es gemeint ist. Die eher labbrige Führungskraft von Bush versprechen alle republikanischen Anwärter durch ein Konzentrat aus Unnachgiebigkeit und Härte zu ersetzen: Mehr Geld für das Militär wird angekündigt, mehr Kontrollen an der Grenze zu Mexiko soll es geben, ein härterer Umgang mit den rund zwölf Millionen Illegalen wird in Aussicht gestellt. Technik und Geld dafür seien vorhanden, sagt der republikanische Bewerber Rudy Giuliani. Woran es bisher gemangelt habe, seien Willenskraft und Führungsstärke. Das Wort Leadership taucht in seinem gleichnamigen Buch auf mehr als 200 Seiten auf.

Ein guter Führer, darin sind beide Parteien sich einig, muss nicht beliebt sein. Ein erfolgreicher Regierungschef, das weiß man ja inzwischen, ist nicht notwendigerweise auch ein guter Ehemann und Menschenfreund. George Washington war ein großer Präsident und ein großer Sklavenhalter. Kennedy und Bill Clinton haben zwar nicht ihr Volk, wohl aber ihre Frauen betrogen.

Auch in Deutschland waren die streitbarsten Kanzler die besten. Dem Stur- und Muffelkopf Konrad Adenauer verdanken wir die Westintegration, die von manchen Zeitgenossen als Verrat an der deutschen Einheit bezeichnet wurde. Willy Brandt war die umstrittenste Figur seiner Zeit - heute steht er auf dem Altar. Auch Gerhard Schröder hatte seinen stärksten Auftritt, als er den Reformkanzler gab – und sich damit gründlich unbeliebt machte.

Demokratie nach US-Lesart

In Amerika machen etliche Bewerber ihre offensichtliche Unbeliebtheit gern zum Thema. Sie sei voller Narben aus den unzähligen politischen Kämpfen, sagt Hillary Clinton. Er sei wahrlich kein netter Mann, sagt New Yorks Giuliani auf seinen Wahlkundgebungen, aber: "Ich bin der, vor dem sich diejenigen fürchten, die ihr fürchtet."

Anders als bei uns wird Demokratie in Amerika nicht mit Volksherrschaft übersetzt. Sie wird als ein Auswahlverfahren angesehen, das nach Möglichkeit die Besten befördert und die Mittelmäßigen in ihrem Entfaltungsdrang etwas dämpft. Demokratie in der amerikanischen Lesart soll Führung ermöglichen, aber sie nicht ersetzen.

Interessanterweise verschwinden die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern, wenn wir das wirtschaftliche Geschehen betrachten. Das kleine Menschenexperiment würde hier nicht gelingen. Die traumatischen Erfahrungen mit Gewerkschaftskonzernen und volkseigenen Kombinaten haben mitgeholfen, dass das Wort "Führung" im Wirtschaftsleben einen weit besseren Klang besitzt. Wenn erst Herr Jedermann und Frau Wichtig in der Firma das große Wort führen, ist der Abstieg nicht mehr weit.

Nach allgemeiner Auffassung darf die Welt der Wirtschaft daher ruhig so funktionieren wie die Welt des Spitzensports. Ein paar Spieler muss es schließlich geben, die den Sportplatz in der festen Absicht betreten zu siegen - und nicht nur, um ein bisschen frische Luft zu schnappen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: