West Wing Supermacht der schlechten Laune

Im Heimatland des Optimismus wächst der Frust. Irak-Feldzug, Dollarschwäche und das Ergrauen der Babyboomer vermiesen den Amerikanern die Stimmung. Paradox: Die Wähler wünschen sich den Wechsel - aber ohne wirkliche Veränderung.

Von Gabor Steingart, Washington


Washington - Wer wissen will, warum Amerika schlechte Laune hat, der braucht nur den Lokalteil einer Tageszeitung aufschlagen. Die Toten des Irak-Feldzugs lächeln ihm von Passfotos entgegen.

Washingtoner Capitol: Amerika zweifelt an sich selbst
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Washingtoner Capitol: Amerika zweifelt an sich selbst

Wer wissen will, warum in Amerika Zweifel an der eigenen Großartigkeit aufkommen, muss nur einer Essenseinladung des Washingtoner Bürgermeisters folgen. Seine Vision sei es, sagt Adrian Fenti, dass alle Schüler ihre Schulbücher zum Beginn des Schuljahres bekommen und nicht erst in der Mitte. Auf die Nachfrage, ob er weitere Visionen habe, nickt er eifrig. Sein Ziel sei es, die Sicherheit an den Schulen zu erhöhen. Es sollte wieder möglich sein, dass man unverletzt den Klassenraum verlasse.

Wer wissen will, warum die einst stolze Wirtschaftsmacht Amerika neuerdings so verunsichert wirkt, muss nur der Autorin Sara Bongiorni in den nächsten Supermarkt folgen. In ihrem Buch "Ein Jahr ohne "Made in China" beschreibt sie die zwiespältigen Gefühle, die mittlerweile selbst jene beschleichen, die sich "smart shopper" nennen: "Wenn ich das Schild "Made in China" sehe, sagt ein Teil von mir: Gut für China. Ein anderer Teil spürt aufkommende Sentimentalität, weil ich etwas verloren habe, ohne genau zu wissen, was es ist."

Wer die Zukunftsangst der Amerikaner kennen lernen will, muss ihre Vergangenheit besuchen, also zum Beispiel nach Gary im Bundesstaat Indiana fahren. "Wir stellen auch Tote ein", hieß es spöttisch zu jener Zeit, als noch die weltgrößte Stahlfirma hier ihren Hauptsitz hatte.

US Steel zog aus aller Welt Tagelöhner an, darunter auch die Familie des späteren Popstars Michael Jackson. Die Stahlkocher von Gary pumpten den Wohlstand ins Land hinaus. Im heutigen Amerika steckt ein gutes Stück Gary drin.

Der amerikanische Optimismus hat gelitten

Mittlerweile leidet die Stadt an Herzflimmern. US Steel hat den Hauptsitz verlagert und die Fabriken eingedampft. Es geht dem Ort heute nicht besser als seinem bekanntesten Sohn. Beide haben ihre besten Tage hinter sich, mit dem Unterschied, dass Gary nicht mal genug Geld für ein Facelifting hat. Jeder zweite der einst 200.000 Einwohner ist mittlerweile entflohen.

Gary ist nicht Amerika. Aber viele Amerikaner haben das Gefühl, das sich das gerade ändert. Der Optimismus im Lande, von dem man glaubte, er sei im Gen-Code der Amerikaner angelegt, hat in letzter Zeit erheblich gelitten.

Die Demoskopen zeichnen das Bild einer leicht melancholischen, hartnäckig unzufriedenen, in Teilen auch verbitterten Nation, wobei der Frust weit über den ungeliebten Präsidenten George W. Bush hinaus reicht.

60 Prozent meinen, dass es der nächsten Generation schlechter gehen wird als der ihren. Der Regierung traut eine Mehrzahl der Amerikaner die Lösung der Probleme nicht zu. 62 Prozent glauben, dass alles, was die Regierung anpackt, misslingt. "Ich liebe mein Land, aber ich fürchte die Regierung", steht auf den T-Shirts, die derzeit überall im Angebot sind.

68 Prozent der Amerikaner sehen ihr Land in jeder Hinsicht auf einem falschen Weg. Selbst 1974, im Katastrophenjahr der amerikanischen Politik, war es mit dem Pessimismus nicht so arg, sagen die Demoskopen. Damals zog sich die US-Armee aus Vietnam zurück und in Washington führte der Watergate-Skandal zur Amtsenthebung von Präsident Richard Nixon. Die "New York Times" spricht vom "Happiness-Gap", einer "Fröhlichkeits-Lücke", die sich im Volk auftue.

Es gibt derzeit in der Tat wenig, worauf ein Amerikaner stolz sein kann, wenn er nicht gerade einen Jahresbonus eingestrichen oder den Friedensnobelpreis gewonnen hat. Das einzige, was sich in den sieben Bush-Jahren verdoppelt hat, ist der Militäretat. Das durchschnittliche Familieneinkommen, nur zum Vergleich, stagniert seit fast zehn Jahren.

Auch der Blick auf das Armaturenbrett der Volkswirtschaft verschafft keine Entlastung. Der Anteil Amerikas an den weltweiten Exporten hat sich seit 1960 halbiert. Das Handelsbilanzdefizit betrug 1992 rund 80 Milliarden Dollar und wird 2007 bei über 700 Milliarden enden. Der Dollar büßte gegenüber dem Euro 24 Prozent seines Werts ein.

Immerhin wachse Amerika schneller als Europa, erwidert die amerikanische Regierung allen Skeptikern. Der Konsum treibe die Volkswirtschaft. Aber seit wann ist ein Volk, so möchte man zurückfragen, durch Konsum reich geworden?

"Happy talk"- Die Ausnahme wird zur Regel umgedeutet

Es ist diese Normalität des Unnormalen, dieses Umdeuten der Ausnahme zur Regel, dieser ständige "happy talk", von dem Hillary Clinton jüngst in Chicago vor Wirtschaftsleuten sprach, der den Menschen die Stimmung verdirbt.

Selbst Alan Greenspan, nach seinem Ausscheiden aus der US-Notenbank weniger vernuschelt als zuvor, relativiert heute seinen früheren Optimismus. Vor Studenten einer Washingtoner Universität warnte er kürzlich vor "rosy assumptions", schöngefärbten Zukunftsszenarien. Da gab es im Publikum ernste Gesichter.

Alles ist den Amerikanern erträglich, nur nicht der Gedanke dass sich etwas nicht zum Besseren verändern lässt. "If you can dream it, you can do it" war das Motto der Siedler - was du träumen kannst, kannst du auch wahr machen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn die Nacht traumlos bleibt, sieht es bald auch am Tage trübe aus. Für Amerika gilt: Die Hoffnung stirbt zuerst.

Der früh schon begonnene Präsidentschaftswahlkampf würde die Melancholie im Lande vertreiben, hatten viele gedacht. Je näher das Ende der Ära Bush, desto besser. Wahlkampfzeit in Amerika ist immer auch eine Zeit zum Träumen.

"The American Dream", das große Versprechen auf eine bessere Zukunft, ist das wichtigste Werkstück, das ein Kandidat abliefern muss, bevor er ins Weiße Haus einziehen darf. Wenn die staatlichen Institutionen das Skelett des politischen Körpers sind, so der Publizist William Safire, dann ist der Amerikanische Traum seine Seele.

An ihren Träumen kann man sie erkennen. Für ihn, sagte einst Ronald Reagan, sei der amerikanische Traum "die Chance für jedes Individuum, so hoch zu fliegen wie seine Kräfte reichen". John F. Kennedy träumte von einer "Welt ohne Krieg". Richard Nixon träumte von sich, als er 1960 auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner sagte: "Das einzige, was ich Euch heute Nacht sagen kann, ist, dass ich an den amerikanischen Traum glaube. Weil ich gesehen habe, wie er in meinem eigenen Leben wahr geworden ist."

Man träumt von der Vergangenheit

Die Träume der diesjährigen Saison sind aus Nostalgie gewebt. Überall ist von "restoring", "rethinking" und "reshaping" die Rede - vom Wiedererlangen der Weltmachtstellung, dem Wiederfinden der Identität, dem Wiederherstellen nationaler Geschlossenheit.

Jüngst hatten die Republikaner im Washingtoner Mayflower Hotel eigens einen Kongress zum American Dream veranstaltet, erkennbar in der Absicht, sich ein wenig Zukunftsmut einzuflössen. Im abgedunkelten Ballsaal wurde ein Sternenhimmel an die Decke projiziert. Im Publikum saßen Männer in Anzügen und mit weißen Cowboyhüten.

Etliche Präsidentschaftskandidaten gaben sich die Ehre. Den größten Aufmerksamkeitserfolg aber erzielte ein Redner, der den Sieg über den Kommunismus noch mal nachfeierte. Zur allgemeinen Erheiterung hatte er ein Dia des ostdeutschen Trabis an die Wand geworfen: "Das passiert, wenn die Planwirtschaft gewinnt", rief er. Das tat den Anwesenden gut. Wer hätte gedacht, dass der Kalte Krieg auch heute noch so wärmen kann.

Zukunftsvisionen haben hingegen keine Konjunktur. Das Wahlvolk, auch darin dem deutschen ähnlich, weiß nicht so recht, was es will.

Die Erderwärmung gibt in dieser Hinsicht die größten Rätsel auf. Doppelt so viele Amerikaner wie vor einem Jahr sagten den Befragern von NBC News, die Klimafrage sei das "weltgrößte Umweltproblem". Die Anzahl derer aber, die strengere Vorgaben für den Benzinverbrauch befürworten, schrumpfte seither dahin.

In der Gesundheitspolitik das gleiche Spiel. "Ja" sagt die Mehrheit zu Hillarys Clintons Forderung nach einem Gesundheitsschutz für alle. "Nein" sagt eine Mehrheit, sobald die damit verbundenen Mehrkosten in Rechnung gestellt werden sollen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
hasenstein, 26.11.2007
1. Was ist am niedrigen Dollar schlecht - für die USA?
Natürlich wird im Artikel der niedrige Dollar angeführt als Zeichen, dass dem Land harte Zeiten bevorstehen. Wieso? Der Dollar Kurs führt doch dazu, dass der Konsum zurückgeht - nach den vielen vielen Artikeln der letzten Jahre, dass die Amis über ihre Verhältnisse leben, wohl nicht die schlechteste Nachricht, oder? Außerdem wird der Export aus den USA einfacher. Da lacht nicht nur Boeing, die ganze IT Branche feiert da mit. Noch ein Effekt: Amerikas Schulden werden immer kleiner! Schließlich sind US Schulden in Dollar ausgezeichnet! Also ich würde sagen, am niedrigen Dollar hat vor allem der Rest der Welt zu knabbern. Alles in allem ein vollkommen sinnfreier Artikel voll von "opinion" statt "facts and information". Aber genau deswegen werden schon morgen einige tausend Forumartikel hier drin stehen, denn über "nichts" lässt sich ja viel besser durch viel mehr Leute ewig diskutieren... ja, wenn man stattdessen (als Spiegel-Schreiber) mit gehaltvollen Artikeln sein Geld verdienen müsste, eine Zumutung!
Voll Mann, 26.11.2007
2. Eine Weltmacht ohne Zukunft?
Der Frust wächst weil die Realität den Optimismus verdrängt. Es reicht auf Dauer nicht nur die besten Waffen zu haben und am meißten zu konsumieren. Eine Weltmacht muß Ziele aufzeigen denen die Völker folgen wollen, wenn sie das nicht schafft wenden sie sich Anderen zu. Weder Asien noch den arabischen Völkern kann Amerika heute noch eine Zukunft zeigen. Russland, Indien und Südamerika haben eigene Visionen von ihrer Zukunft. Eine sich verstärkende Erderwärmung wird diese Situation verschärfen und der Schuldige ist schnell gefunden, gerade wenn er seine Führungskraft verliert. Wenn Amerika nicht bald eine neue Vision entwickelt wird ihr Abstieg unaufhaltsam sein.
oberhuber, 26.11.2007
3. und da liegt der Hund begraben .....
Zitat von hasensteinNatürlich wird im Artikel der niedrige Dollar angeführt als Zeichen, dass dem Land harte Zeiten bevorstehen. Wieso? Der Dollar Kurs führt doch dazu, dass der Konsum zurückgeht - nach den vielen vielen Artikeln der letzten Jahre, dass die Amis über ihre Verhältnisse leben, wohl nicht die schlechteste Nachricht, oder? Außerdem wird der Export aus den USA einfacher. Da lacht nicht nur Boeing, die ganze IT Branche feiert da mit. Noch ein Effekt: Amerikas Schulden werden immer kleiner! Schließlich sind US Schulden in Dollar ausgezeichnet! Also ich würde sagen, am niedrigen Dollar hat vor allem der Rest der Welt zu knabbern. Alles in allem ein vollkommen sinnfreier Artikel voll von "opinion" statt "facts and information". Aber genau deswegen werden schon morgen einige tausend Forumartikel hier drin stehen, denn über "nichts" lässt sich ja viel besser durch viel mehr Leute ewig diskutieren... ja, wenn man stattdessen (als Spiegel-Schreiber) mit gehaltvollen Artikeln sein Geld verdienen müsste, eine Zumutung!
Da liegt ja das Problem. Der Amerikaner schwelgt doch im Glauben, dass Konsum frei macht. Ich gebe Ihnen aber recht, Steingart's Artikel ist gewohnt seicht.
FaripiY, 26.11.2007
4. Dollar schon seit Jahrzehnten in einer Abwärtsspirale
Zitat von hasensteinNatürlich wird im Artikel der niedrige Dollar angeführt als Zeichen, dass dem Land harte Zeiten bevorstehen. Wieso? Der Dollar Kurs führt doch dazu, dass der Konsum zurückgeht - nach den vielen vielen Artikeln der letzten Jahre, dass die Amis über ihre Verhältnisse leben, wohl nicht die schlechteste Nachricht, oder? Außerdem wird der Export aus den USA einfacher. Da lacht nicht nur Boeing, die ganze IT Branche feiert da mit. Noch ein Effekt: Amerikas Schulden werden immer kleiner! Schließlich sind US Schulden in Dollar ausgezeichnet! Also ich würde sagen, am niedrigen Dollar hat vor allem der Rest der Welt zu knabbern. Alles in allem ein vollkommen sinnfreier Artikel voll von "opinion" statt "facts and information". Aber genau deswegen werden schon morgen einige tausend Forumartikel hier drin stehen, denn über "nichts" lässt sich ja viel besser durch viel mehr Leute ewig diskutieren... ja, wenn man stattdessen (als Spiegel-Schreiber) mit gehaltvollen Artikeln sein Geld verdienen müsste, eine Zumutung!
Der Rest der Welt, der bisher die USA durch Anleihen, Dollarreserven finanziert, wird nur solange knabbern, bis die Schmerzgrenze erreicht ist. Die Chinesen etc sind bestimmt nicht glücklich darüber, dass das Vermögen immer weiter schmilzt. Deshalb wird zunehmend in andere Währungen investiert, Dollar abgestoßen, was gleichzeitig den Abwärtstrend beschleunigt. Nicht umsonst ist auch, wie ein Artikel in der FAZ darlegte, eine Starke Währung ein Symbol für das Selbstbewußtsein eines Staates.
herbert1080 26.11.2007
5. Optimismus
Es reicht auf Dauer nicht nur die besten Waffen zu haben und am meißten zu konsumieren. Eine Weltmacht muß Ziele aufzeigen denen die Völker folgen wollen, wenn sie das nicht schafft wenden sie sich Anderen zu. Welche Ziele sollen das denn sein ? Die Welt mit Militär zu überziehen wird wohl über kurz oder lang zum abstieg führen. Asien und Südamerika warten schon auf den Kollaps nur Europa spielt noch immer Blindekuh
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