West Wing Vernünftige Zauberei

Die Berliner Rede des Barack Obama war ein Meisterstück politischer Verzauberungskunst – er versprach, die Wunden der Welt zu heilen. Doch auf die wirklich drängenden Fragen lieferte er keine Antworten. Auch weil er wohl fürchtet, die Romantiker könnten es ihm verübeln.

Von Gabor Steingart, New York


Barack Obama wird in diesen Tagen oft mit einem Popstar verglichen. Dabei ist das Geschäft des Politikers deutlich schwieriger.

Bei den Heroen des Showgeschäfts ist der Auftritt bereits das fertige Produkt, Schein und Sein bilden eine Einheit. What you see is what you get, wie die Amerikaner sagen. Es gibt keinen Tag danach.

Für den Politiker aber ist das Wort nicht die Tat, sondern die angekündigte Tat, oft auch nur die behauptete und manchmal sogar nur die vorgetäuschte Tat. Schein und Sein bilden - notgedrungen oder aus Kalkül - einen Widerspruch.

"Amerika ist die unentbehrlichste Nation auf dieser Welt", so tönte Bill Clinton, wenn zu Hause ein Schuss Patriotismus gefragt war: "Die großartigste Demokratie der Welt wird eine Welt der Demokratien führen." Seine Politik aber vom Respekt gegenüber anderen Völkern geprägt, nicht von Triumphalismus.

"Wenn wir eine arrogante Nation sind, wird man uns das übelnehmen. Sind wir hingegen eine bescheidene, aber starke Nation, wird man uns willkommen heißen", so redete George W. Bush im Wahlkampf 2000. Die Wertlosigkeit dieser Aussagen ist heute bekannt. Damals wurden sie geglaubt.

Bei Barack Obama ist noch kein Abgleich möglich. Weder ein Gesetzesvorhaben noch ein Reformkonzept, nicht mal eine Konzerthalle in seinem Wohnort Chicago verbinden sich mit seinem Namen. Bisher ist er eher ein Volksredner denn ein Politiker.

Reden aber kann er wie kein zweiter, das hat er in Berlin erneut bewiesen. Am Donnerstagabend lieferte er ein Meisterstück politischer Verzauberungskunst. Er versprach, die Wunden der Welt zu heilen, von den schmelzenden Polkappen bis nach Israel. Die Weltreligionen will er versöhnen, Schwarze und Weiße einander näher bringen, Europa und Amerikaner auch, der Genozid in Darfur soll beendet werden, und die Probleme der Globalisierung will er durch einen Welthandel lösen, der nicht nur frei, sondern auch fair ist. Man kann das in dieser Ballung beeindruckend finden - oder schamlos.

Der Ort für die Verkündung der Großvision von der einen Welt hat er jedenfalls richtig gewählt. Berlin ist die Welthauptstadt der kühnen Reden. Was im Londoner Hyde Park die Speakers Corner ist, wo jedermann sich auf eine Kiste stellen und reden darf, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, ist Berlin seit dem Weltkrieg für amerikanische Politiker. Hier verkünden die Großen Großes, und neuerdings reden hier auch solche, die ihre Größe erst noch beweisen müssen.

Die 200.000 Zaungäste seines Auftritts sollten uns nicht täuschen: Zuschauen heißt nicht zustimmen. An Obama scheiden sich die Geister, aber eben nicht entlang der Parteigrenzen.

Es ist ohnehin ein weitverbreiteter Irrtum, die heutigen Wähler der westlichen Nationen in rechts und links, in aggressiv und friedliebend, in marktwirtschaftlich und kapitalismuskritisch einzuteilen. In Wahrheit gibt es nur zwei Sorten von Wählern: die romantischen Demokraten stehen den Vernunftdemokraten gegenüber.

Die einen lieben die großen Momente und das schöne Wort. Sie bevorzugen den hohen Ton und schauen daher als erstes auf den Mund des Politikers. Für den Pragmatiker haben sie oft nicht viel mehr als Verachtung übrig.

Ihnen gegenüber stehen die Vernunftdemokraten, die vor allem auf die Hände des Politikers schauen. Nicht was er sagt, sondern was er tut, interessiert sie. Sie verlangen Erfolgsbilanzen und Konzepte zur Veränderung, sie sind oft regelrecht allergisch gegen die politische Predigt. Hat die Regierung sich mächtig ins Zeug gelegt für das Volk, oder wurde wieder nur repräsentiert und finassiert? Hat der Kandidat solide Alternativen vorzuweisen, oder ist er ein Blender?

Obama ist bisher der Kandidat der Romantiker. Sein Kunsthandwerk ist das Verzaubern durch Worte. Was auch immer gegen ihn vorgebracht wird, legen seine Anhänger zu seinen Gunsten aus. Der Mann ist ein unbeschriebenes Blatt – welche Unbeflecktheit! Der Mann ist vermessen - nein, er ist visionär! Die ganze Welt will er retten - ja, aber hat die das nicht bitter nötig?

Auf die drängenden Fragen der Vernunftdemokraten liefert er bislang keine Antworten, auch weil er wohl fürchtet, die Romantiker könnten es ihm verübeln.

Natürlich hätten die Vernunftdemokraten gern gewusst, wie er den Kampf gegen den Klimaerwärmung führen will in einem Land, das drauf und dran ist, neue Erdölquellen vor der Küste Kaliforniens und Floridas zu erschließen, und in dem das Überleben der Autokonzerne in Detroit davon abhängt, dass es keine Obergrenzen für den Spritverbrauch gibt.

Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wie die Versöhnung von Muslimen und Christen aussehen soll, wo er kurz vor seiner Abreise der Islamischen Republik Pakistan mit einem Militärschlag im Grenzgebiet zu Afghanistan gedroht hat? Ihre Souveränität ist den Pakistanern so heilig wie den Amerikanern die ihre.

Ist es nicht tollkühn, den Abzug der US-Armee aus dem Irak binnen 16 Monaten den Wählern fast schon zu garantieren, wenn doch die Generäle einen neuen Bürgerkrieg befürchten? Auch in Vietnam, sagen die, war mit dem Abzug der Armee nicht das Sterben beendet.

Und dann diese geradezu atemberaubende Liste der innenpolitischen Versprechen, die bezahlbare Krankenversicherung für 47 Millionen heute unversicherter Amerikaner, die Steuerbefreiung aller Rentner unter 50.000 Dollar-Jahresrente, die höheren Mindestlöhne, das Milliarden-Infrastrukturprogramm und zuletzt auch noch eine Steuergutschrift für die Mehrheit der Amerikaner zur Ankurbelung der Konjunktur. Wie soll das bezahlt werden, ohne die Steuern der Mittelklasse zu erhöhen, was Obama kategorisch ausgeschlossen hat? Oder will er die Verschuldung weiter nach oben treiben, was er mit gleicher Vehemenz bestreitet?

Aber der Kandidat hat jetzt wohl keine andere Chance, als den Weg ins Wolkige weiterzugehen. Viele Wahlstrategen meinten zunächst, die Wähler würden nach den Erfahrungen mit Bush den Politikern nichts mehr glauben. Interessanterweise ist das Gegenteil der Fall: Sie glauben derzeit alles.

Die Romantiker, das hat Obama zuerst erkannt, sind derzeit in der Überzahl. Was für seine Wähler romantisch klingt, ist für den Wahlkämpfer daher vor allem eines: vernünftig.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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Albedo4k8, 25.07.2008
1. Kein Konzept auf beiden seiten!
Ich denke der gute alte Steingart sollte sich da mal nicht soweit aus dem Fenster lehnen. Auf der dt. Politikseite herscht Konzeptlosigkeit pur. Die dt. Show-Physikerin hat Regierungsbilanztechnisch absolut NULL vorzuweisen. Die Republikanische Kannone McCain ist auch ziemlich konzeptlos bzw. das was er anbringt ist bisher eher Kategorie: Dumm und daemlich. Das komische daran ist, der einzigste Politiker einer groesseren Industrienation mit einem Konzept ist momentan Gordon Brown und den mag scheinbar keiner.
kleinbürger 25.07.2008
2. wunderheiler
was die vernunftspolitiker zustande bringen oder auch anrichten sieht man im eigenen land. schröder hätte mehr sein können, er wollte oder konnte es nicht. die leute sind müde von den versprechen der vernunftspolitiker, die nicht mal die gesetzgebung zur pendlerpauschale abschließend verabschieden können. da ist ein mann wie obama wie die verheißung einer besseren welt, die großes denkt und großes will, die sich atemberaubend abhebt von der art und weise der sich selbst genügenden politikerkaste in diesem lande. der jubel galt nicht dem amerikaner obama, sondern der großartigen erfahrung, dass es soetwas wie einen obama tatsächlich gibt.
Jugendstil 25.07.2008
3. Visionär
Wenn ich all das lese, was diese Tage über Obama geschrieben wird und er mit McCain verglichen wird, denke ich vor allem an eines. Mit ist ein motivierender, mitreissender Visionär lieber als ein Veteran im Rentenalter, von dem ich nichts Neues erwarten kann. In jedem Managementlehrgang lernen gute Führungskräfte, Leute einzustellen, die besser sind als der Führende selber. Genau das erwarte ich von Obama. Auf den Feldern, auf denen er selber noch lernen kann, holt er sich Experten ins Boot, und im Team lösen sie Aufgabe für Aufgabe, vor allem USA intern. In Verbindung mit einem echten Generationswechsel in der US-Politik ist dies mehr als Hoffnung. Ein Chef, der die Welt motivieren kann und ein Team, das Ahnung hat von den wichtigsten Problemlösungen, was besseres kann der Welt nicht passieren. Teamwork unter Verbündeten, incl. Rußland, ist jetzt angesagt, unter Einbeziehung von China und Indien können dann richtig Weichen gestellt für eine bessere Zukunft. Damit wird auch der Anlaß für Terrorismus kleiner. In diesem Sinne: Mr. Obama, yes, we can, and you should do!
cashcow 25.07.2008
4. Wer allen alles verspricht...
... hält meist wenig. Herr Obama ist kein Zauberkünstler, der nur "Abrakadabra, dreimal schwarzer Carter" zu murmeln braucht, um die angestauten Probleme zu lösen. Irgendjemand hat seinen Wahlkampf finanziert und erwartet entsprechende "Gegenleistungen" - so wie bei allen bisherigen Präsidentschaftskandidaten auch. Zuweilen lohnen solche "Investments" dann über alle Erwartungen - wie beispielsweise bei George Walker Bush... Obama ist weder ein weisser Ritter noch untouchable und wer sich von ihm die Lösung der Weltprobleme verspricht könnte bitter enttäuscht werden: http://www.uswahl2008.de/index.php?/archives/873-Obamas-Skandal-Rezko,-der-Slumlord.html Gelegenheit macht Politiker.
Peskin 25.07.2008
5.
Gabor Steingart mag Barack Obama nicht. Das wissen jetzt langsam alle. Wir werden damit leben können.
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