Geiseldrama in Algerien: Gasfeld befreit, 55 Menschen tot
Algerische Soldaten haben das Geiseldrama auf dem Gasfeld In Amenas gewaltsam beendet. Alle Geiselnehmer und alle noch verbliebenen Geiseln sind tot. Der Westen rechtfertigt das Vorgehen der Armee - für die Todesopfer seien die Terroristen verantwortlich.
Algier - Vier Tage lang hielten islamistische Kämpfer die algerische Gasanlage In Amenas besetzt, sie hatten Hunderte Geiseln in ihrer Gewalt. Bei der gewaltsamen Befreiungsaktion tötete die algerische Armee am Samstag elf Geiselnehmer - die sieben verbliebenen ausländischen Geiseln kamen ebenfalls ums Leben. Es sei "entsetzlich und unannehmbar", dass es Todesopfer gegeben habe, sagte der britische Verteidigungsminister Philip Hammond bei einer Pressekonferenz mit seinem US-Kollegen Leon Panetta, das liege aber in der "alleinigen Verantwortung der Terroristen".
Auch der französische Präsident François Hollande verteidigte die algerischen Sicherheitskräfte: Da Verhandlungen nicht möglich waren, scheine der Angriff die beste Option gewesen zu sein. Die Regierung in London verlangte von der algerischen Regierung allerdings "mehr Details über die exakte Situation und Zahl der Getöteten sowie möglicherweise Befreiten", sagte der britische Verteidigungsminister Hammond.
Bei ihrem Angriff am Samstagnachmittag stürmte die Armee die Anlage und tötete alle elf Geiselnehmer, die sieben ausländischen Geiseln wurden von den Soldaten tot aufgefunden. Offenbar hatten die Entführer am Samstagmorgen damit begonnen, ihre Geiseln hinzurichten, daraufhin hat sich die Armee zum Angriff entschlossen. Für die Ausländer - drei aus Belgien, zwei aus den USA, einer aus Großbritannien und einer aus Japan - kam jede Hilfe zu spät. Die Informationslage ist allerdings sehr unübersichtlich, die Zahlen unsicher. Auch ist noch unklar, ob es Überlebende gibt. Insgesamt sind nach offizieller Zählung mindestens 23 Geiseln und 32 Entführer tot.
Islamistische Kämpfer hatten am Mittwoch das Raffineriegelände, sowie die Unterkünfte der Arbeiter gekapert und zahllose Gefangene genommen - Hunderte algerische Arbeiter wurden aber rasch wieder freigelassen. Das eigentliche Augenmerk der Islamisten galt den westlichen Geiseln. Am Donnerstag unternahm die algerische Armee einen ersten Befreiungsversuch, wobei nach Regierungsangaben zwölf algerische und ausländische Geiseln getötet wurden. Zugleich waren bei der Aktion algerischen Regierungsangaben zufolge 685 algerische und 107 ausländische Geiseln befreit worden. Von den Geiselnehmern seien dabei 18 "außer Gefecht gesetzt" worden - sie hätten über Raketenwerfer und Maschinengewehre verfügt.
Obama sichert Unterstützung zu
Die algerische Armee verteidigte ihr umstrittenes Vorgehen. "Die Terroristen hatten entschieden, alle Geiseln zu töten und ein wahres Massaker anzurichten - der Einsatz war die Antwort darauf", sagte ein Armeesprecher. Auch US-Verteidigungsminister Panetta wies in London Kritik an Algerien wegen der fehlgeschlagenen Befreiungsversuche zurück. "Sie sind in der Region, sie verstehen die Bedrohung durch den Terrorismus", sagte er. "Ich denke, es ist wichtig, dass wir mit ihnen weiter daran arbeiten, eine regionale Herangehensweise zu entwickeln."
Auf eine Frage zu al-Qaida in Nordafrika sagte Panetta, die Vereinigten Staaten planten nicht, "Bodentruppen in dieses Gebiet" zu entsenden, al-Qaida müsse aber wissen, "dass es keinen Fluchtpunkt gibt. Wir werden keine Verstecke zulassen, von wo aus solche terroristischen Akte ausgeführt werden können." Die Geiselnehmer in Algerien hatten unter anderem ein Ende des französischen Militäreinsatzes im Norden Malis gefordert, der von Islamisten kontrolliert wird.
US-Präsident Barack Obama sagte am Samstag, dass die Attacke in Algerien erneut an die Bedrohung erinnere, die von al-Qaida und extremistischen Gruppen in Nordafrika ausgehe. Er sicherte der algerischen Regierung Unterstützung zu.
Auswärtiges Amt: Keine Deutschen unter den Geiseln
Verwirrung gab es zeitweise durch Berichte, dass auch Deutsche unter den Geiseln seien. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte dazu mit, dass zwei deutsche Staatsangehörige, die in Algerien waren, ausgeflogen werden. Am Samstagabend sollten sie in London landen. Die beiden Mitarbeiter einer Bohrfirma hätten sich aber nicht unter den Geiseln befunden.
Der Ölkonzern BP, der die Gasförderanlage gemeinsam mit einem algerischen Staatsbetrieb und der norwegischen Statoil betreibt, teilte mit, dass 14 seiner dortigen Mitarbeiter in Sicherheit seien, vier weitere würden allerdings noch vermisst. Auch das Schicksal von fünf Briten und fünf Norwegern war noch ungeklärt. Großbritanniens Premier David Cameron äußerte sich am Samstag besorgt über den Verbleib der Vermissten. Er fürchte um deren Leben. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte am Samstagabend in Oslo: "Wir müssen der Möglichkeit ins Auge sehen, dass auch norwegische Menschenleben verloren sein können."
Norwegen hatte das harte Vorgehen der algerischen Armee erst kritisiert, jetzt stellte sich die Regierung aber ebenfalls hinter die Aktion: "Es war in der betreffenden Situation notwendig, schnell einzugreifen, um so viele Geiseln wie möglich zu retten", sagte Außenminister Espen Barth Eide.
nck/sun/AFP/Reuters/dpa/dapd
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- Samstag, 19.01.2013 – 19:51 Uhr
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