Westerwelle in Nordafghanistan: Sightseeing ohne Schussweste

Aus Masar-i-Scharif berichtet

Außenminister Westerwelle mit afghanischen Gastgebern Zur Großansicht
DPA

Außenminister Westerwelle mit afghanischen Gastgebern

Er weihte einen Flughafen ein, eröffnete ein Konsulat, besuchte eine Moschee: Mit betont zivilen Terminen demonstrierte Außenminister Westerwelle in Nordafghanistan, dass sich die deutsche Mission wandelt. Zweite Botschaft: Der Abzug der Bundeswehr bis Ende 2014 ist unumkehrbar.

Vor der Blauen Moschee lockert Guido Westerwelle die Schnürsenkel seiner schwarzen Lederschuhe. Vor ihm, unter dem kunstvoll verzierten Eingangsportal, hocken alte Afghanen mit gegerbten Gesichtern und langen Bärten. Der Gouverneur von Masar-i-Scharif, recht weltlich mit Anzug und Prada-Sonnenbrille, sagt, das seien die Wächter der Moschee. Ihnen murmelt er zu, der Gast sei ein Freund Nordafghanistans, er habe schon viel für die Region getan.

Dann geht es hinein in die Moschee, es ist das Heiligtum der Muslime in Nordafghanistan. Seite an Seite schreiten Westerwelle und der Gouverneur am Sonntagnachmittag auf Socken durch die hohen Hallen und kommen schließlich zum Schrein, in dem sterbliche Überreste vom Schwiegersohn Mohammeds liegen sollen. Westerwelle steht lange vor dem goldenen Käfig, lässt sich die Verzierungen erklären und staunt. Beeindruckend sei die Moschee, sagt er. Dann setzt einer der Imame zum Gebet an, der Gouverneur lächelt zufrieden.

Es war Westerwelles siebter Besuch in Afghanistan seit er Außenminister ist, kaum ein deutscher Minister war so oft am Hindukusch wie er. Dieses Mal aber sollte die Visite einen ganz anderen Charakter haben als sonst. Statt Lage-Briefings des Militärs und Krisengesprächen in Ministerien stellte sich Westerwelle ein ziviles Programm für seine Afghanistan-Reise zusammen. Zuerst eröffnete er das deutsche Generalkonsulat in der Provinzmetropole, dann weihte er den neuen Flughafen der Stadt ein. Die Botschaft: Die Mission am Hindukusch wandelt sich.

Doch abseits der schönen Bilder aus der Moschee kam der Besuch immer noch recht martialisch daher. Mit Dutzenden Panzerwagen, schusssicheren Westen am Leib und Stahlhelmen auf dem Kopf ging es vom Regierungsflieger in die Stadt. Bei jedem Fahrradfahrer am Straßenrand krächzte es durch die Funkgeräte, man solle aufpassen. Schwerbewaffnete Elitekämpfer des Kommandos Spezialkräfte (KSK) sicherten die Eingänge zu den Terminen. Trotzdem war es eine Premiere, wohl noch nie hat ein deutscher Politiker sich so frei in Afghanistan bewegt wie Westerwelle.

Es waren zwei Nachrichten, die Westerwelle transportieren wollte:

Die eine war das Zeichen in Richtung Heimat, dass die deutsche Mission am Hindukusch sich verändert, vom Kampf hin zu einer zivilen Unterstützung. Von 2014 an soll es nur noch ein deutsches Feldlager in Nordafghanistan geben. Dort trainieren dann zwar immer noch einige hundert Bundeswehrsoldaten die Afghanen, kämpfen aber sollen sie nicht mehr. Man lasse Afghanistan nach 2014 nicht im Stich, so Westerwelle bei jeder Gelegenheit, statt der Unterstützung durch Soldaten soll dann aber hauptsächlich Geld fließen.

Die zweite Message richtete auch an die Afghanen selbst. Schon in Kabul am Samstag, gerade hatte Westerwelle für 45 Minuten den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai getroffen, machte er klar, dass der deutsche Abzug "planmäßig" verlaufe. Überall in Afghanistan packen die Deutschen Kisten und Container und fliegen sie gen Deutschland. Das Symbol war klar: Auch wenn sich die Sicherheitslage am Hindukusch in den kommenden Monaten weiter verschlechtern sollte, ist der Abzug der Deutschen und der Nato bis Ende 2014 unumkehrbar.

Dass es nicht gerade gut aussieht, verschwieg Westerwelle nicht. Längst haben er und die Bundesregierung sich vom Traum eines blühenden und freien Afghanistans nach dem Abzug verabschiedet. Zunächst lieferte er neben dem afghanischen Außenminister im Garten des Palasts trotzdem die Dauerforderung nach Reformen und nach freien und fairen Wahlen im kommenden Jahr ab. Dann aber ging er auch auf die vielen Zweifel ein, wie die Zeit bis dahin verlaufen werde. Er jedenfalls mache sich da nichts vor, so der Minister, es werde noch viele schwere Rückschläge geben.

Das Symbol für die Rückschläge besuchte Westerwelle am Ende des Trips. Mit einem Truppenpfarrer stand er vor dem Ehrenhain in Masar-i-Scharif, hier erinnern Marmorplatten an die Gefallenen. Eine der Platten ist neu, am 4. Mai war der Elitesoldat Daniel W. bei einem Hinterhalt der Taliban erschossen worden. Bis heute gibt es wegen des Vorfalls Zweifel an den afghanischen Partnern der Bundeswehr. Sie hatten sich bei dem Gefecht im Mai zurückgezogen. Einige in der Truppe vermuten bis heute, Teile der Einheit könnten mit dem Feind kooperieren.

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1.
dwg 10.06.2013
Zitat von sysopEr weihte einen Flughafen ein, eröffnete ein Konsulat, besuchte eine Moschee: Mit betont zivilen Terminen demonstrierte Außenminister Westerwelle in Nordafghanistan, dass sich die deutsche Mission wandelt. Zweite Botschaft: Der Abzug der Bundeswehr bis Ende 2014 ist unumkehrbar. Westerwelle besucht Flughafen und Moschee in Afghanistan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/westerwelle-besucht-flughafen-und-moschee-in-afghanistan-a-904790.html)
Auch durch Wiederholung wird es nicht besser. Wie und wohin schießt den eine Schussweste? Die Dinger heißen ballistische Schutzweste, Flakweste oder von mir aus nicht ganz richtig kugelsichere Weste. Oder plant der Autor etwa das Pflanzen eines Neologismus?
2.
hinifoto 10.06.2013
Das Foto gefällt mir. Der Fachmännische Blick unseres Aussenministers. Mein Guido erklärt den staunenden Afghanen ihre Moschee.
3. Man stelle sich mal vor
thorsten wulff 10.06.2013
die Union gibt der FDP zwei Prozent Leihstimmen, und der Typ bleibt vier weitere Jahre im Amt…
4. Es muss heißen:
Niamey 10.06.2013
Zitat von sysopEr weihte einen Flughafen ein, eröffnete ein Konsulat, besuchte eine Moschee: Mit betont zivilen Terminen demonstrierte Außenminister Westerwelle in Nordafghanistan, dass sich die deutsche Mission wandelt. Zweite Botschaft: Der Abzug der Bundeswehr bis Ende 2014 ist unumkehrbar. Westerwelle besucht Flughafen und Moschee in Afghanistan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/westerwelle-besucht-flughafen-und-moschee-in-afghanistan-a-904790.html)
Reiseminister WW, bitte schön! Einer von knapp über 600 Vielreisenden in der Regierung und dem Deutschen Bundestag. Dazu kommen dann noch die 16 Länderparlamente und die Ministerien auf Landes und Bundesebene. Und daneben gibt es dann noch die ganzen sonstigen aus unseren Steuergeldern finanzierten Faulenzer und Wichtigtuer. zum Beispiel Politische Stiftungen genannt, die sich im Ausland in bester Lage in den Hauptstädten nicht nur einmieten sondern großzügig Immobilien zulegen. Aber Papa WW zeigt es hier den Afghanen mal so richtig. Wir können Moscheebau richtig! Hey, bei Islamunterricht in Schulen des Abendlandes müssen wir das einfach können! Aber ein bisschen Verständnis habe ich für die FDP: Bei der nächsten Wahl fliegen die aus dem Bundestag und da muss man schon mal vorbauen. Was man hat, hat man!
5.
uezegei 10.06.2013
Man sieht am "Grußarm", wo Guido und seine Kumpanen sich demnächst am liebsten sehen würden: Alleinherrscher über Deutschland. Die Umgehung des Parlaments und demokratischer Strukturen wurde und wird ja bereits fleissig geübt. O-Ton Merkel: "Kein Rechtsanspruch auf Demokratie auf alle Ewigkeit"
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Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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