Westerwelle in Washington Mister Europa

Der Euroretter Deutschland blieb den Amerikanern lange ein Rätsel, denn Berlins Spitzenpersonal machte sich rar in Washington. Nun trat dort ausgerechnet Pannen-Außenminister Guido Westerwelle auf, um die Krise zu erklären - und machte das ziemlich gut.

Westerwelle, Clinton: Eine nicht mal unsympathische Stimme
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Westerwelle, Clinton: Eine nicht mal unsympathische Stimme

Von , Washington


Deutschland, in der Eurokrise lange die stumme Supermacht, hat wieder eine Stimme in Washington. Es ist eine zurückhaltende Stimme, zu deren tastendem Vokabular das Wort "Respekt" gehört, das Wort "Partnerschaft", das Wort "Solidarität". Es ist eine gar nicht mal unsympathische Stimme, die keine Hemmungen hat, sich nach dem richtigen Wort zu erkundigen, wenn es auf Englisch nicht gleich präsent ist ("Relaxation of the markets, kann man das sagen?").

Es ist, das ist das Erstaunlichste daran, die Stimme von Dr. Guido Westerwelle.

Der deutsche Außenminister, nach seinem pannenbelasteten Amtsbeginn in den USA abwechselnd als "Guido Who?" oder als "Guido, Oh My God" gehandelt, ist in Amerikas Hauptstadt gekommen, um für Deutschland zu sprechen, natürlich. Er trifft IWF-Chefin Christine Lagarde, er berät sich mit Amtskollegin Hillary Clinton, er konsultiert US-Finanzminister Timothy Geithner.

Aber vor allem will er Europas Währung erklären: "The Euro and the Future of Europe", so heißt sein Vortrag an Washingtons renommiertester Denkfabrik, der Brookings Institution.

Man könnte sagen: Darunter macht es ein Guido Westerwelle nicht. Man kann aber auch sagen: Darunter kann es Deutschland gar nicht mehr machen.

"Es hilft schwächeren Ländern nicht, wenn die starken schwächer werden"

Denn dass ohne Berlin in Europa kaum noch etwas läuft, das hat sich in der US-Hauptstadt längst herumgesprochen. Auch in einem Weißen Haus, das nervös auf die Eurokrise schielt, weil eine weltweite Rezession die eigenen Wahlkampfchancen mindern könnte. Nicht zuletzt auch in Denkfabriken, die beeindruckt Deutschlands neues kleines Wirtschaftswunder analysieren. Brookings hat gerade ein Papier vorgelegt, warum die Deutschen so viel besser durch die Krise marschiert sind.

Was hat Deutschland aus der neuen Aufmerksamkeit in Washington gemacht? Wie gut hat es seinen Eurokurs erklärt? Bislang so gut wie gar nicht. Berlins Minister blieben meist in Berlin, der Außenminister kreiste um sich selbst. Als Deutschlands "Transatlantik-Beauftragter" dient seit Juli der FDP-Abgeordnete Harald Leibrecht, dessen auffälligste Qualifikation sein Geburtsort nahe Chicago zu sein scheint.

Zwischenzeitlich stand beinahe zu befürchten, Polit-Exilant Karl-Theodor zu Guttenberg werde mit seinem bald beginnenden "Dialogformat" an einer anderen Washingtoner Denkfabrik Deutschlands Stimme in den USA.

Jetzt will Westerwelle derlei Versäumnisse vergessen machen, und er macht es gar nicht schlecht. Der Minister erläutert, warum Europa zwar kurzfristiges Krisenmanagement brauche, aber auch langfristige Sparvorgaben. Weshalb europäische Solidarität wenig bringe ohne "Schuldenbremsen". Dass ein 200-Milliarden-Hilfspaket einer Billion Dollar in den USA entsprechen würde - und auch das starke Deutschland bei solchen Summen an seine Grenzen stoße. "Es hilft den schwächeren Ländern nicht, wenn die starken Länder schwächer werden", so Westerwelle.

Amerikaner mögen den "human touch"

In einem "persönlichen" Einschub berichtet der 50-Jährige vom Zeltausflug nach Frankreich als junger Schüler, die französische Krämerin wollte ihm nichts verkaufen, sie weinte stattdessen, wegen ihrer schlechten Erinnerungen an den Krieg und an die Deutschen. Damals habe er begriffen, wie wichtig die europäische Aussöhnung sei.

Amerikaner mögen diesen "human touch". Sie haben schon Kanzlerin Angela Merkel bejubelt, als sie vor dem US-Kongress von ihrer Sehnsucht nach Blue Jeans zu DDR-Zeiten berichtete.

Sie lachen auch, als Westerwelle der amerikanischen Europa-Schelte - gerade im republikanischen Vorwahlkampf omnipräsent - die Spitze zu nehmen versucht. Verschmitzt weist er darauf hin, ganz Europa habe anders als von den Republikanern suggeriert dem Sozialismus schon vor zwanzig Jahren abgeschworen - und stelle heute sieben der zehn wettbewerbsfähigsten Länder der Welt.

Werden so alle amerikanischen Fragen an Berlin beantwortet? Natürlich nicht, manches verstehen ja auch viele Deutsche nicht, etwa das lange deutsche Zögern zu Beginn der Eurokrise.

Manche Missverständnisse lassen sich auch nicht einfach weg erklären: So sehen zahlreiche Amerikaner Deutschland nicht einfach als ein Land, das Euro-Solidarität zeigen kann. Sondern als eins, das dazu regelrecht verpflichtet ist, weil es als Exportweltmeister so massiv von der europäischen Einigung und vom Euro profitiert hat.

Die EU - eine "Lebensversicherung in Zeiten der Globalisierung"

Zu diesem heiklen Thema äußert sich Westerwelle kaum - genauso wenig wie zur Frage, warum das Projekt Europa über die Nachkriegs-Aussöhnung hinaus fundamental wichtig ist.

Er deutet zwar an, die Europäische Union sei eine "Lebensversicherung in Zeiten der Globalisierung". Doch dass die gemeinsame Währung auch ein politisches Pfund für Europas Rolle in der Welt darstellt, deren Ende doppelt schwer wiegen würde, erläutert er den Amerikanern nicht näher.

Dennoch liefert Westerwelle einen guten Auftritt für Europa ab - in ordentlichem Englisch, obwohl seine Brookings-Gastgeber zuvor YouTube-Videos von seinen englischsprachigen Wortbeiträgen angeschaut hatten, aus Sorge, er beherrsche die Sprache nicht gut genug.

Entspannt wirkt der Minister, zwei Tage nach seiner rauschenden Berliner Geburtstagsfeier - und einer kleinen Guido-Glückssträhne mit Erfolgen wie Berlins konstruktiver Rolle bei der Anbahnung von Verhandlungen zwischen Amerikanern und Taliban.

Und doch ist es auch eine ungewöhnliche Visite: Europas Elite kreist derzeit so um sich selbst, dass sie sogar in Washington vorwiegend über ihre eigene Währung und ihre eigene Krise parliert. Doch das dürften die Amerikaner verstehen, wahrscheinlich freut es sie gar. Denn der Euro ist nicht alles. Aber ohne den Euro ist alles nichts. Das gilt auch für das transatlantische Verhältnis.



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
naturfreund 20.01.2012
1. Gut?
Gut für wen?
max9 20.01.2012
2. ?
Entschuldigung was will mir diese Nachricht suggerieren? Das Westerwelle auf einmal anfängt seinen Job zu machen und halbswegs Englisch sprechen kann? Unglaublich der unscheinbarste Aussenminister in der Geschichte Deutschland hat es geschafft eine anständige Rede zu halten..Hut ab.
KnoKo 20.01.2012
3.
Zitat von naturfreundGut für wen?
Für seine Verhältnisse.
Rodri 20.01.2012
4. ...
Zitat von sysopDer Euroretter Deutschland blieb den Amerikanern lange ein Rätsel, denn Berlins Spitzenpersonal machte sich rar in Washington. Nun trat dort ausgerechnet Pannen-Außenminister Guido Westerwelle auf, um die Krise zu erklären - und machte das ziemlich gut. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810489,00.html
Wenn Europäer in den USA einen guten Eindruck hinterlassen ist das meistens schlecht für uns. Verstehen wir den Artikel mal als Alarmsignal.
gsualkg 20.01.2012
5.
Westerwelle macht einen guten Job. Die Kritik bestimmter Medien oder auch von manchen Kommentatoren war teilweise weit unter der Gürtellinie. Immer wieder Anspielungen, teilweise tief verletztende gegenüber seiner Person aufgrund seiner sexuellen Neigung sind beschämend. Ebenso wurde er kritisiert, dass er sich gegen einen Militäreinsatz in Libyen ausgesprochen hatte. Wo sind gerade diese Kritiker, wenn es um die tausendfache Tötung und Misshandlung von Zivilisten in Syrien geht ? Einen Militäreinsatz in Libyen zu fordern aber den Einsatz der Bundeswehr in Libyen abzulehnen war und ist zynisch.
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