Westerwelles Abgang Einmal noch die Welt retten

Auch für ihn ist es nun vorbei: 17 Jahre lang mischte Guido Westerwelle in der deutschen Politik mit, als Noch-Außenminister darf der FDP-Mann vor dem Ende seiner Karriere noch einmal auf die große Bühne der Uno. Eine bittere Abschiedsreise für ein umstrittenes Ausnahmetalent.

Westerwelle in New York: Letzte Reise als Außenminister
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Westerwelle in New York: Letzte Reise als Außenminister

Aus New York berichtet


Sich jetzt bloß nichts anmerken lassen! Guido Westerwelle steht am Dienstagmorgen vor dem Deutschen Haus in New York. Der schwarze Anzug sitzt tadellos, die Augen sind trotz Nachtflug hellwach, der Rücken durchgestreckt. So kennt man den Außenminister. Routiniert rattert Westerwelle herunter, was in den kommenden Tagen wichtig wird: ein bisschen Hoffnung auf Bewegung im Syrien-Konflikt, vielleicht ein neuer Anstoß bei den Atom-Gesprächen mit Iran. Was sich eben ergibt, wenn bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Außenminister und Präsidenten zusammenkommen.

Über sein persönliches Drama sagt der 51-Jährige wenig. Klar, er habe sich nicht über den Wahlausgang gefreut. Das aber sei keine "Frage von persönlichen Empfindungen", und natürlich stehe "die Welt nicht still, weil Deutschland Bundestagswahlen hat". Er jedenfalls mache pflichtgemäß weiter als Außenminister, bis die Regierungsbildung abgeschlossen sei. Wer ihn kennt, sieht die Unzufriedenheit in seinem Gesicht. Im Ausland, das hielt er immer so, spricht man nicht über Innenpolitik. Und hier, im Schatten des Uno-Towers, macht er schließlich nicht weniger, als die Welt ein bisschen zu retten.

Die Uno-Vollversammlung ist ein politischer Marathon, den Westerwelle in den vergangenen vier Jahren lieben gelernt hat. Außer seiner großen Rede am Samstag ist das Programm vollgestopft mit bilateralen Gesprächen mit allen relevanten Außenministern, Dutzenden Arbeitsgruppen, sogar einem Treffen mit dem neuen iranischen Präsidenten. Westerwelle kennt sich auf dem Parkett mittlerweile gut aus. Dass er wie sein Vorbild Hans-Dietrich Genscher unermüdlich um den Globus reiste, in vier Jahren 102 Länder besuchte, zahlt sich nun am Ende seiner Amtszeit aus. Seine Kollegen kennen und achten ihn, das weiß er.

Der fünftägige Trip nach New York war schon lange geplant, ganz egal wie die Wahlen auch ausgehen würden, jemand muss Deutschland ja bei der Uno vertreten. Trotzdem schob das Auswärtige Amt (AA) kurz vor Abflug noch nach, die Kanzlerin habe Westerwelle trotz des Wahldebakels noch einmal gebeten, die Reise zu machen. Auf keinen Fall sollte die Reise wie die Flucht eines Verlierers aussehen. Eine gute Dreiviertelstunde telefonierten die beiden am Montag. Dabei dürfte es kurz um die Außenpolitik und lang um Westerwelle selbst gegangen sein. So hart das Polit-Geschäft ist, auch die Kanzlerin kennt Mitleid.

Gescheitert, aber nicht weinerlich

Der FDP-Absturz beendet die furiose Karriere eines politischen Ausnahmetalents. In fast 30 Jahren kämpfte sich der Jurist von den Jungen Liberalen bis auf den FDP-Thron vor, erfand sich immer wieder neu, schälte sich vom spaßigen Guido mit dem quietschgelben Wohnmobil zum omnipräsenten Oppositionsvertreter, dann zum Kanzlerkandidaten der FDP, schließlich in der schwarz-gelben Koalition 2009 zum Außenminister. Seine Geschichte, so steht es in einem Porträt, "hat das Zeug zu einer Tragödie". Die Katastrophe ist am Sonntag eingetreten: Statt vier weitere Jahre Chef des Außenamts ist Guido Westerwelle nun noch nicht einmal mehr Bundestagsabgeordneter, nach 17 Jahren.

Der Gescheiterte aber will auf keinen Fall weinerlich wirken. Am Montagabend sitzt er im VIP-Abteil des Regierungs-Airbus "Theodor Heuss". Kurz nach Mitternacht ist der Jet, man könnte den A340 auch Westerwelles zweites Wohnzimmer nennen, in Berlin-Tegel in Richtung USA gestartet. Lächelnd begrüßt Westerwelle, in der Hand ein Schwenker mit edlem "Châteauneuf du Pape"-Rotwein, die mitgereisten Journalisten. Für einen Moment wirkt die Szene auf dem Flug GAF 906 wie bei jeder der Hunderten Dienstreisen, die Westerwelle in den vergangenen Jahren hinter sich brachte: Wegen der eisigen Klimaanlagenluft hat er seinen blauen Kaschmir-Cardigan angezogen, nun soll vor dem Schlafengehen noch das Programm skizziert werden.

Doch bei dieser Reise ist nichts normal, natürlich muss Westerwelle auch etwas zum vergangenen Sonntag sagen. Es wird ein ziemlich langes Gespräch. Es geht um die Wahlnacht und die Zeit davor. Darum, wie sich Westerwelle seit gut zwei Wochen darauf vorbereitete, dass es die FDP nicht über fünf Prozent schafft, und dann trotzdem schockiert war, als am Sonntag die ersten Zahlen kamen, wie er am Boden zerstört war. Es ist einer dieser typischen Westerwelle-Momente: Gerade hat er begonnen, über sich zu sprechen, da wird es ihm unangenehm. Es soll hier nicht um ihn gehen. Einen Satz später dreht sich auch schon alles um die vielen treuen Mitarbeiter der FDP, die nun ihren Job verlieren.

Bitteres Ende für einen, der sich immer neu erfunden hat

Die Parteifreunde, die in Berlin gerade allesamt zurückgetreten sind, dürfen von Westerwelle nicht viel Beistand erwarten. Seit er 2011 vom Parteivorsitz verdrängt wurde, hat er für die neue Führung wenig warme Worte. Und natürlich hätte er, der erfahrene Wahlkämpfer, in den vergangenen beiden Wochen fast alles anders gemacht - die beiden Zehntel, die der FDP zum Einzug in den Bundestag fehlten, sind ja nur 100.000 Wählerstimmen. Doch auf den alten Hasen wollte niemand hören.

Für Westerwelle ist das Ende bitter. Ja, es war ein vergurkter Start als Minister. Da waren die deutsche Enthaltung in Sachen Libyen-Intervention im Uno-Sicherheitsrat und zahllose Peinlichkeiten wie die Episode mit einem britischen Journalisten, den er vor laufenden Kameras belehrte, ihn doch auf Deutsch zu befragen. Da war der Vergleich von Hartz-IV-Leistungen mit "spätrömischer Dekadenz", für den er viel Kritik einstecken musste, auch in der eigenen Partei. Doch in den vergangenen beiden Jahren hat er sich in seinem Amt neu erfunden. Selbst auf Beliebtheitskalen rangierte er wieder in der Top Ten, machte zuletzt unermüdlich Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Genutzt hat der Kraftakt nichts, selbst dort kam die FDP nur auf knapp über fünf Prozent.

Wie es nun weitergehen soll, das will Westerwelle noch nicht sagen. Vor ein paar Wochen hatte er auf die Frage, was er bei einer Wahlniederlage tun werde, noch mit "Weiter, einfach weiter" geantwortet. Damals jedoch ging es nur um den Verlust des Regierungsamts und nicht um die Pulverisierung seiner Partei. Aus dieser war nun zu hören, dass Westerwelle vielleicht noch mal Zugpferd für die Europa-Wahl im kommenden Jahr werden könnte. Die Frage danach lässt der Noch-Minister unbeantwortet. Sein Blick aber sagt ziemlich klar: Vergessen Sie es einfach.

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spon-facebook-10000241298 24.09.2013
1. Ausnahmetalent?
Westerwelle war und ist kein Ausnahmetalent - nur jemand, der die ganz große Klappe hat....
CHANGE-WECHSEL 24.09.2013
2. merkwürdig
Die meisten Menschen haben ihn aber eher als außergewöhnliche Niete und nicht als Ausnahmetalent in Erinnerung. Obwohl, seine Wähler zu belügen und betrügen wie Altkanzler Macho Schröder, dazu gehört auch viel Talent.
Peter.Lublewski 24.09.2013
3. Umstrittenes Ausnahmetalent?
Zitat von sysopphotothekAuch für ihn ist es nun vorbei: 17 Jahre lang mischte Guido Westerwelle in der deutschen Politik mit, als Noch-Außenminister darf der FDP-Mann vor dem Ende seiner Karriere noch einmal auf die große Bühne der Uno. Eine bittere Abschiedsreise für ein umstrittenes Ausnahmetalent. http://www.spiegel.de/politik/ausland/westerwelles-letzte-dienstreise-als-aussenminister-nach-new-york-a-924261.html
Umstrittenes Ausnahmetalent? Ich sehe hier nichts weiter als den Abgang des schlechtesten deutschen Außenministers seit Joachim von Ribbentrop.
THINK 24.09.2013
4. politisches Ausnahmetalent ???
Zitat von sysopphotothekAuch für ihn ist es nun vorbei: 17 Jahre lang mischte Guido Westerwelle in der deutschen Politik mit, als Noch-Außenminister darf der FDP-Mann vor dem Ende seiner Karriere noch einmal auf die große Bühne der Uno. Eine bittere Abschiedsreise für ein umstrittenes Ausnahmetalent. http://www.spiegel.de/politik/ausland/westerwelles-letzte-dienstreise-als-aussenminister-nach-new-york-a-924261.html
Ich denke die Welt kann sehr gut auf solche "politischen Ausnahmetalente" verzichten, deren einzige Fähigkeit darin besteht, heisse Luft abzulassen. In der realen Welt nennt man solche Leute "Dummschwätzer".
DasVerkehrswesen 24.09.2013
5.
Sehe für Herrn Westerwelle eine furiose Zukunft. Falls niemand seine Vorträge hören möchte, kann er sich doch ein spätrömisch-dekadentes Leben von Hartz IV machen. Kann den pessimistischen Grundton des Artikels nicht ansatzweise nachvollziehen.
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