Westjordanland: Israel dreht Palästinensern den Solarstrom ab

Von Juliane von Mittelstaedt, Tel Aviv

Mit deutschem Geld wurden im Westjordanland Solarmodule errichtet, sie versorgen viele Palästinenser mit Strom. Doch plötzlich will Israel die Anlagen abreißen. Ein Racheakt für Kritik der EU?

Westjordanland: Solarstrom für die Palästinenser Fotos
AP

Am schönsten sei es, sagt Elad Orian, wenn abends in den Zelten das Licht angeht, in einem nach dem anderen. Licht, das war hier, in den Hügeln südlich von Hebron, bisher keine Selbstverständlichkeit, denn Elektrizität gab es gar nicht oder sie war teuer, verfügbar nur wenige Stunden am Tag, produziert von einem Diesel schluckenden, lärmenden Generator. Dann kamen Elad Orian und Noam Dotan, beide Physiker, Israelis und müde vom Konflikt. Sie bauten vor drei Jahren die ersten Solarkollektoren und Windräder auf. Inzwischen stehen sie in 16 Gemeinden, 1500 Palästinenser haben jetzt Ökostrom.

Die Frauen müssen ihre Butter nicht mehr von Hand schlagen, sie können den Schafskäse, von dessen Verkauf sie leben, im Kühlschrank aufbewahren; die Kinder können abends Schulaufgaben machen. Und alle zusammen können sie Fernsehen schauen und Anschluss an die Welt finden, die vom Rand der judäischen Wüste aus betrachtet weit weg erscheint. Es ist eine kleine Revolution für wenig Geld, ein gutes Beispiel für gelungene Entwicklungshilfe.

Doch damit könnte es bald vorbei sein. Denn Israel droht mit dem Abriss, in sechs Gemeinden wurden in den vergangenen Wochen sogenannte "Stop Work"-Anordnungen erteilt, das ist der erste Schritt zu einem Abrissbefehl. Das Problem: Die Anlagen stehen im sogenanntem C-Gebiet, das 60 Prozent des Westjordanlands umfasst und von Israel verwaltet wird. Gebaut werden darf dort nur mit israelischer Genehmigung, doch die gibt es so gut wie nie - zumindest nicht für Palästinenser.

Die Bewohner leiden daher unter schlechten Straßen, Strom- und Wassermangel, sie können keine Landwirtschaft betreiben und keine Fabriken bauen. Deswegen leben im C-Gebiet nur noch 150.000 Palästinenser, dafür aber 310.000 bestens versorgte israelische Siedler. Das Solar-Projekt sollte dazu beitragen, das Leben für Palästinenser in den C-Gebieten ein wenig erträglicher zu machen. Genau das gefällt Israel offenbar nicht.

Signal an die Bundesregierung

Manche der Anlagen stehen dort schon seit zwei Jahren, schwer vorstellbar, dass die Behörden sie erst jetzt bemerkt haben wollen. "Die Abrissbefehle sollen ein klares Signal an alle EU-Länder sein: Mischt euch nicht ein, investiert nicht in den C-Gebieten", sagt Projektgründer Noam Dotan. Das Signal könnte vor allem Deutschland gelten. Denn die Bundesrepublik hat den größten Teil des Projekts finanziert, mit insgesamt rund 600.000 Euro, umgesetzt wurde es von der Hilfsorganisation Medico International und der von den beiden Israelis gegründeten Organisation Comet-ME.

Auch europäische Diplomaten in Ramallah und Tel Aviv argwöhnen, die Abrissbefehle könnten im Zusammenhang stehen mit einem von ihnen kürzlich verfassten, ungewöhnlich kritischen Bericht zur Situation in den C-Gebieten. Darin heißt es: "Das Fenster für eine Zweistaatenlösung schließt sich mit der anhaltenden Expansion der israelischen Siedlungen rapide." Die Schlussfolgerung: Die EU müsse ganz gezielt in Wirtschaft, Entwicklung und bessere Lebensbedingungen der Palästinenser in den C-Gebieten investieren.

Vor einigen Monaten wurde ein ähnliches, von der spanischen Regierung mitfinanziertes Projekt zum Abriss freigegeben - was mit massivem diplomatischem Druck bisher verhindert werden konnte. Schon oft wurden Projekte ausländischer Hilfsorganisationen oder der Europäischen Union zerstört, das berühmteste Beispiel ist der Flughafen von Gaza, von der EU einst mit 38 Millionen Dollar gefördert und von Israel kurz darauf zu Schutt gebombt. Meist aber ging es dabei um Sicherheitserwägungen. Dass Israel nun gegen harmlose Solarzellen vorgeht, die humanitäre Grundbedürfnisse stillen sollen - das ist neu.

Als Außenminister Guido Westwelle vor zwei Wochen nach Israel reiste, sprach er daher mit Premier Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak nicht nur über den Friedensprozess und über das iranische Nuklearprogramm, sondern auch über Windräder und Solarkollektoren in Orten wie Schaab al-Buttum.

Das Projekt brachte Israelis und Palästinenser zusammen

Hundert Menschen leben in dem Dorf, es sind die Ärmsten der Armen. Sie sind Schafhirten, früher zogen sie durch die Gegend, aber das geht nicht mehr, seit Israel 1967 das Westjordanland besetzt hat. Also bleiben sie jetzt hier, im Winter sammeln sie Regenwasser, im Sommer kaufen sie Trinkwasser teuer ein, ein Lastwagen bringt es dann, über eine Schotterpiste, denn eine richtige Zufahrt zu ihrer Gemeinde gibt es nicht. Dabei liegt Schaab al-Buttum zwischen zwei israelischen Außenposten. Diese israelischen Siedlungen sind illegal, verfügen aber auf wundersame Weise über alles, was den palästinensischen Nachbarn fehlt: Strom, Wasser, Straßen.

Seit vier Monaten beliefern nun zwei Windräder und 40 Solarkollektoren auch die palästinensischen Dorfbewohner mit Strom: 40 bis 60 Kilowattstunden pro Tag. In Europa wäre das nicht viel, im Westjordanland reicht die Menge, um ein ganzes Dorf zu versorgen.

Die israelische Anthropologin Schuli Hartman, 60, hat in Schaab al-Buttum für ein Vierteljahr gelebt. Sie wollte herausfinden, was Elektrizität mit dem Menschen macht. Hartman hat beobachtet, wie Frauen jetzt mehr Zeit haben, weil die Arbeit leichter ist, wie sie unabhängiger werden, weil sie mit Handys telefonieren können, die sie vorher nirgendwo aufladen konnten. Und wie ein Dorf, in dem bisher jede Familie für sich kämpfte, plötzlich Gemeinschaft lernt. Ein alter Dorfbewohner hat ihr gesagt: "Der Strom ist für uns wie Wasser für einen Menschen, der durch die Wüste läuft."

Nicht zuletzt hat das Projekt auch Israelis und Palästinenser zusammengebracht. "Die Palästinenser hier kannten Israelis bisher nur als Siedler und Soldaten", sagt Schuli Hartman. "Wir wollten nicht mehr nur demonstrieren und Teil des Konflikts sein, wir wollten Teil der Lösung sein", ergänzt Noam Dotan. Aber eine Lösung ist offenbar nicht erwünscht. Wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht, dann bleiben die Zelte in Schaab al-Buttum demnächst wieder dunkel.

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