Westjordanland Touristen sollen israelische Siedler schützen

Weinprobe und Zimmer im Außenposten: Die israelischen Siedler locken neuerdings gezielt Touristen ins Westjordanland. Sie hoffen, dass ihre Besucher sich mit ihnen solidarisieren - bevor die Regierung den Räumungsbefehl gibt.

Von Juliane von Mittelstaedt, Jerusalem

Getty Images

Schlomo Nizri wirbt für seine kleine Pension mit dem Spruch: "Ein Zimmer in Mizpe Hagit - ein Zimmer im Nirgendwo". Das ist sehr passend, denn Mizpe Hagit liegt auf einem Berg am Rande der Judäischen Wüste, es ist in keiner Straßenkarte eingezeichnet und kein Wegweiser führt dorthin. Trotzdem ist Mizpe Hagit leicht zu finden: Es klebt auf einem Felsvorsprung gleich oberhalb der Straße 458, zwischen Jerusalem und Jericho.

Weithin sichtbar, auch weil Schlomo Nizri ein Plakat an den Zaun gehängt hat, darauf seine Telefonnummer. Mizpe Hagit, das sind: ein Dutzend Häuser, Hütten und Wohncontainer für fünf Familien, ein Hühnerverschlag, ein Wasserturm, ein bissiger Wachhund und am Ende der geteerten Straße ein Tor, dahinter beginnt Schlomo Nizris Reich. Rechts das Wohnhaus aus weißen Holzplanken, links das Gästehaus aus Stein, dazwischen Swimmingpool und Jacuzzi. Tagsüber beschallt von Rockmusik, nachts sanft beschienen von pinkfarbenem Partylicht. Nizri ist ein muskulöser Glatzkopf Ende Vierzig, er empfängt seine Gäste in T-Shirt und Shorts. Stolz präsentiert er die Zimmer, beide mit Rosenbettwäsche und Flachbildfernseher. "Alles da", sagt er, und dass er fünf Monate daran gebaut hat, "alles mit meinen eigenen Händen."

Dabei dürfte es all das hier gar nicht geben, nicht die Pension, nicht den Swimmingpool und natürlich auch nicht Mizpe Hagit, benannt nach dem Mädchen Hagit, das von einem Palästinenser getötet wurde, ganz in der Nähe. Denn Mizpe Hagit ist ein Außenposten, eine illegale Siedlung, verboten nach israelischem Recht, nach internationalem sowieso. Zu stören scheint das niemanden, nicht den Staat Israel, der den illegalen Außenposten seit zehn Jahren toleriert und umgerechnet knapp 100.000 Euro für Infrastruktur bezahlt hat - und erst recht nicht Schlomo Nizri und seine Gäste. "Meine Zimmer sind ausgebucht", sagt er, etwa 40 Prozent seiner Besucher seien Religiöse, für die lässt er dann am Jacuzzi ein Rollo herunter. Die anderen kämen aus ganz Israel, aus Jerusalem, Tel Aviv, Haifa.

Neulich, erzählt Nizri, seien Studenten aus Jerusalem über Nacht in Mizpe Hagit gewesen. "Linke Siedlungsgegner", schnaubt er. "Aber als sie sich unterhielten, habe ich gehört, wie sehr es ihnen hier gefiel." Er lächelt breit. Er hat sich vor 20 Jahren in die Gegend verliebt, vor fünf Jahren ist er mit Frau und Tochter aus Tel Aviv hergezogen.

Und nun möchte er gerne, dass auch normale Israelis endlich einmal ins Westjordanland kommen, dass sie sehen, wie schön es hier ist, dass man hier gut leben kann, dass nicht alle Siedler fanatische Spinner sind. Sie sollen Schlomo treffen, so denkt sich das Schlomo Nizri, den netten, braungebrannten Siedler, Restaurantbesitzer und Naturliebhaber, der mit dem Wasser aus dem Jacuzzi auch noch Olivenbäume bewässert, ökologisch korrekt. Der jeden Morgen in der Quelle im Tal schwimmen geht und dort die Zeitung liest, bevor er zur Arbeit fährt. Die Besucher sollen in seinem Pool schwimmen mit Blick bis zum Toten Meer, sollen den Sonnenuntergang vom Jacuzzi aus genießen und das marokkanische Couscous essen, das seine Frau kocht. Und am Ende sollen sie mit dem Gefühl abreisen, dass es doch schade wäre, dieses Land einfach so den Palästinensern zu überlassen.

Neues Image für die Siedler

Wieder einmal wird um die israelischen Siedlungen im Westjordanland gerungen, 120 legale und 100 illegale; noch geht es nur um einen Baustopp, aber der nächste Schritt ist irgendwann der Rückzug, zumindest aus Teilen des Westjordanlandes. Es ist ein Moment, in dem die Siedler die Unterstützung der Bevölkerung brauchen, und zwar der normalen Israelis, die nicht besonders religiös sind und noch nie einen Fuß in eine Siedlung gesetzt haben. Es soll nicht wieder so kommen wie im Gaza-Streifen, wo, davon sind viele Siedler überzeugt, man die Räumung hätte verhindern können, hätten die Siedler damals nicht Steine auf Soldaten geworfen und mit Demonstrationen den Verkehr in Tel Aviv lahmgelegt.

Die Siedler brauchen ein neues Image, und so sind sie auf den Tourismus gekommen. Freizeit, Spaß, Erholung, so soll sich das Westjordanland anfühlen, ein von der Politik entkoppelter Raum des Urlaubsglücks. Nicht mehr nur ein abstrakter politischer Ballast, sondern ein erlebbarer Ort, wo man Wein genießen, wandern und schwimmen kann. Wo es Kirschfeste gibt, Klassikkonzerte und Cafés wie in Tel Aviv.

Auch der Siedlerrat, die politische Vertretung der Siedler im Westjordanland, hat das erkannt und im vergangenen Winter eine dreijährige PR-Kampagne gestartet: "Judäa und Samaria: die Geschichte jedes Juden." Auf über tausend Plakatwänden werben Kinder in biblischen Kostümen für das Westjordanland, außerdem gibt es eine aufwendige Website und Radiowerbung - beauftragt haben sie eine der bekanntesten Werbeagenturen Israels. Es geht auch um die Verbreitung der Vorstellung, dass Israel ein gottgegebenes Recht auf das Westjordanland hat. So schaffen sich die Siedler eine neue Existenzberechtigung, denn seit es keine palästinensischen Selbstmordattentate mehr gibt, zieht auch das Argument nicht mehr, ihre Siedlungen brächten mehr Sicherheit für das ganze Land.

Eines der touristischen Zentren ist Schilo, das mit dem Spruch wirbt: "Die Toskana ist hier - man muss gar nicht weit reisen." Darunter prangt das Logo des israelischen Tourismusministeriums. Dort, wo einst das biblische Schilo gelegen haben soll, wird jetzt eine Bibel-Show aufgeführt. Vorher kann man eine Ölpresse besichtigen und im Herbst bei der Olivenernte mithelfen.

In dem Außenposten Maale Rechavam, der eigentlich demnächst geräumt werden soll, finden Open-Air-Klassikkonzerte statt. Und bei der Siedlung Alon, ganz in der Nähe von Mizpe Hagit, wird Kamelreiten in den Bergen angeboten, ein Stück weiter kann man sich in einem Café erfrischen. Wer Natur liebt, kann in einem der vielen Parks im Westjordanland, die von der israelischen Nationalparkbehörde verwaltet werden, wandern. Oder mit der Feldschule von Kfar Ezion geführte Touren unternehmen, die "Auf den Pfaden unserer Vorväter" oder "Vereinigtes Jerusalem" heißen.

Oder man bucht gleich den Kaffeeklatsch mit etwas radikaleren Siedlern. Tomer Zanani organisiert Tagesausflüge ins Westjordanland, zur Sicherheit im gepanzerten Bus, mit Stopps bei der Weinkellerei der Siedlung Jizhar, am Berg Garizim bei Nablus, einer jüdischen Pilgerstätte, und bei den Bewohnern von Chavat Gilad, einem illegalen Außenposten. Mehr als 7000 Israelis und ein paar Ausländer nahmen im vergangenen Jahr an Zananis Touren teil, dieses Jahr sollen es mehr werden.

Wein nützt den Siedlern gleich mehrfach

Der größte Besucherschlager aber ist der Wein. Mehrere Winzer haben sich in den vergangenen Jahren im Westjordanland angesiedelt, etwa die Psagot Weinkellerei, eine der größeren hier. Das pastellfarbene, moderne Besuchergebäude steht an der Zufahrt zu der illegalen Siedlung Migron, östlich von Ramallah. Drinnen feiert gerade eine Gruppe von älteren Israelis das 30. Jubiläum ihrer Einwanderung ins heilige Land mit einer Weinprobe. Wenn sie auf den Boden schauen, sehen sie durch Plexiglasplatten hindurch auf die Holzfässer in der Höhle darunter, in denen der Wein reift.

Ein Großteil des Weines wird an den Hängen von Psagot angebaut, einer Siedlung nahe Migron, legal nach israelischem Recht. Aber sie dehnt sich illegal immer weiter auf palästinensisches Land aus, und dabei hilft vor allem der Durst der Israelis und der Europäer. Insgesamt 80.000 Flaschen im Jahr produziert die Weinkellerei von Psagot, mehr als die Hälfte davon geht ins Ausland, vor allem in die Europäische Union. Auf den Etiketten steht dann: "Made in Israel."

Wein sei in doppelter Hinsicht eine gute Sache für die Siedler, sagt Dror Etkes von der Menschenrechtsorganisation Jesch Din, die sich gegen den Siedlungsbau engagiert. "Sie besetzen mit den Weinstöcken immer mehr palästinensisches Land sehr günstig, ohne aufwendige Infrastruktur bauen zu müssen." Und zweitens, so Etkes, stehe Wein für Luxus, Spaß, gutes Leben. "Wein ist ein Weg, um normale Israelis ins Westjordanland zu bringen und ihnen zu zeigen, dass man hier ein gutes Leben führen kann." Das schaffe Unterstützung und bringe auch Geld in eine ansonsten strukturschwache Region, in der viele zur Arbeit nach Jerusalem pendelten.

Ob die Kampagne den Siedlern helfen wird? Schlomo Nizri ist sich nicht sicher. Nach dem Abendessen, die untergehende Sonne lässt die Berge rot aufleuchten, wird er melancholisch. "Ich kann den Abzug riechen", sagt er. "Vielleicht haben wir noch nicht mal mehr zwei Jahre." Er hofft, dass er vielleicht bleiben könnte, in einem künftigen Palästinenserstaat. Oder dass die israelische Regierung ihn entschädigt, ihm ein Haus hinstellt, drüben, auf der anderen Seite der Grünen Linie. Aber bis dahin baut er erst mal weiter. Der Frieden hat sich bisher noch immer verzögert.



Forum - Israels Siedlungspolitik - soll sich die EU einmischen?
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Michael Schnarch, 14.07.2009
1.
Sie spammen schon zum fünften Mal diesen Artikel. Vielleicht würde sich die Verzweiflung der Menschen in gaza legen, wenn sie nicht eine rassitische Terrororganiosation zu ihrer Vertretung gewählt hätten. Außerdem gräbt ja die hamas fleißig Tunnels. Viellleicht könnten duch diese Tunnels mehr lebensmittel und weniger Sprengstoff nach gaza gelangen.
tom gardner 14.07.2009
2.
"neewsweek" hat dazu einen sehr aufschlussreichen artikel veroeffentlicht: "Chosen Words - A pollster's recommendations on how to sell Americans on the idea of Israeli settlements" (http://www.newsweek.com/id/206105) - die dort zitierten "empfehlungen" kommen mir sehr vertraut vor - auch zum thema "iran und die bombe" - mir faellt nur nicht mehr ein, wo ich all die "empfohlenen argumente" schon 1.000 mal gelesen habe. na, ich komm noch drauf ... ;-)
BuenaBanana 14.07.2009
3.
Stimmt. Als Landräuber muss man keine staatliche Verfolgung fürchten.
mörk 14.07.2009
4. ...
Jeder, der sich die Einhaltung der Menschenrechte und das Lernen aus der Geschichte auf die Flagge geschrieben hat, sollte einschreiten. Die deutsche Arschkriecherei gegenüber Israel aus falschen Geschichtsverständnis heraus ist widerlich.
sysiphus, 14.07.2009
5.
Zitat von sysopDer Nahostkonflikt beschäftigt ein deutsches Finanzgericht: Darf die EU gegen Israels umstrittene Siedlungspolitik im Westjordanland mit Strafzöllen vorgehen? Ein Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,635845,00.html
Ja klar. Beide Seiten, gleichermaßen friedensunwillig, müssen durch spürbare Sanktionen zum Kompromiss gezwungen werden. Also Strafzölle, Handelsbeschränkungen, Aufhebung von Meistbegünstigungen und Marktzugang, Einstellung von offenen und verdeckten Subventionen, evtl. Einreiseverbote - für palästinensische wie israelische Waren, Dienstleistungen und ausgewählte Personen - bis greifbare und ausgewogene Verhandlungsresultate vorliegen. Wenn das die EU durchziehen würde, wäre das ihre beste und wirkungsvollste Friedensinitiative aller Zeiten.
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