Von Ulrike Putz und Christoph Sydow
Berlin/Beirut - Nur 54 Kilometer breit ist die sogenannte Straße von Hormus, die Iran von der Arabischen Halbinsel trennt. An klaren Tagen sieht man Iran von den Klippen der omanischen Provinz Musandam, im warmen Wasser dazwischen sind in den insgesamt nicht einmal zehn Kilometer breiten Fahrrinnen zu jeder Tages- und Nachtzeit Dutzende Schiffe unterwegs. Sie holen bei den rohstoffproduzierenden Anrainern des Persischen Golfs ihre kostbare Fracht, schippern sie durch diese enge Passage und von hier aus über alle Meere in die Welt.
Gut 40 Prozent des auf dem Seeweg transportierten Erdöls passieren diese Seestraße, das ist ein Fünftel des weltweit geförderten Öls: Die Straße von Hormus ist damit ein Lebensnerv der Weltwirtschaft. Und dieses Nadelöhr droht Iran zu blockieren, sollten die USA ihre Sanktionen gegen Teheran verschärfen.
Die Amerikaner reagierten, erst mit Worten, dann mit Taten: Am Donnerstag wurde bekannt, dass die US-Armee zwei Flugzeugträger und weitere Schiffe in die Nähe des Persischen Golfs entsandte. Am Montag verlegte das Militär die "Carl Vinson" ins Arabische Meer, in den nächsten Tagen soll ihr die "Abraham Lincoln" folgen. Amerikanische Militärs bezeichneten den Vorgang als Routinemaßnahme, die in keinem Zusammenhang mit den iranischen Drohungen stehe, die Straße von Hormus zu sperren. Gleichwohl wirft diese Entwicklung ein Schlaglicht auf das andauernde Wettrüsten am Golf - zu Wasser, zu Lande und in der Luft.
Die Saudis geben sechsmal mehr Geld für das Militär aus als Iran
In Deutschland sorgte im vergangenen Sommer der vom SPIEGEL enthüllte Export von bis zu 270 "Leopard 2"-Panzern aus der Bundesrepublik nach Saudi-Arabien für großes Aufsehen. Nur wenige Monate zuvor waren saudische Truppen auf Bitten der dortigen Regierung nach Bahrain einmarschiert um den Aufstand in dem Kleinstaat am Golf niederzuschlagen. Die Saudis machen Iran für die Rebellion der Schiiten in Bahrain verantwortlich und bezichtigen Teheran, das Königshaus in Bahrain stürzen zu wollen. Saudi-Arabien betrachtet sich selbst als Frontstaat gegen den wachsenden Einfluss Irans in der Golfregion.
Für den Fall eines amerikanischen oder israelischen Angriffs auf Iran rechnet Saudi-Arabien mit Vergeltungsschlägen auf seine Ölförderanlagen. Dafür ist Riad nach Einschätzung von amerikanischen Beobachtern nun gerüstet. Mit dem Erwerb weiterer moderner Kampfjets sei zudem auch die saudi-arabische Luftwaffe der iranischen überlegen.
Doch auch die USA sind offenbar zunehmend besorgt wegen eines möglichen Überraschungsangriffs Israels auf Iran. Präsident Barack Obama, Verteidigungsminister Leon Panetta und andere hochrangige Regierungsvertreter hätten die israelische Führung deshalb eindringlich vor den Folgen eines Militärschlags gewarnt, berichtet die Zeitung "Wall Street Journal". Zugleich ergriffen die USA aber bereits Maßnahmen, um ihre Einrichtungen im Nahen Osten im Falle einer militärischen Eskalation zu schützen, so das Blatt.
In Israel, das sich durch mögliche iranische Atombomben gefährdet sieht, läuft seit Monaten eine Debatte über das Für und Wider einer Militäraktion gegen atomare Einrichtungen in dem islamischen Staat. Aber auch die USA haben wiederholt gewarnt, alle Optionen einschließlich militärischer Aktionen gegen Iran lägen "auf dem Tisch".
Im Schatten des großen Bruders Saudi-Arabien rüsten die kleineren Golfstaaten ebenfalls immer weiter auf. So kauften die Vereinigten Arabischen Emirate kurz vor Jahresende 2011 ein Flugabwehrsystem von der amerikanischen Waffenschmiede Lockheed Martin vom Typ Thaad im Wert von fast vier Milliarden US-Dollar. Bereits seit 2008 besitzen die Herrscher von Dubai und Abu Dhabi "Patriot"-Abwehrraketen.
Iran könnte die Straße von Hormus verminen
Schutzpatronin der arabischen Golfstaaten bleibt jedoch die US-Armee. In Bahrain ist die Fünfte Flotte der US-Marine stationiert. Außerdem stehen amerikanische Soldaten in Kuwait, Saudi-Arabien, Katar und dem Oman. Nimmt man die US-Stützpunkte im Irak, in Afghanistan, Pakistan und den zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken mit dazu, ergibt sich das Bild eines umzingelten Landes: Iran ist von amerikanischen Militärbasen nahezu umringt.
Iran selbst hat zwei Flotten, die beim Versuch, die Straße von Hormus zu sperren, zum Einsatz kommen könnten: erstens die offizielle Marine, deren Schiffe noch aus der Ära des Schahs stammen und kaum eine Gefahr darstellen. Die zweite, parallel dazu operierende Flotte jedoch ist bestens gerüstet. Die Marine der Revolutionsgarden ist in den vergangenen Jahren von Teheran zur Kommandotruppe ausgebaut worden, mit der Iran einen sogenannten asymmetrischen Krieg am Golf führen könnte. Ausgerüstet mit Schnellbooten, Mini-U-Booten und gegen Schiffe einsetzbaren Lenkraketen ist diese Schattenmarine auf Angriffe mit Guerilla-Taktik spezialisiert. Die seefahrenden Garden sind unberechenbare Akteure, die den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus nach Expertenmeinung zumindest kurzfristig unterbrechen könnten.
Sorgen bereiten westlichen Militärs dabei vor allem die Seeminen, von denen Iran inzwischen mindestens 2000 Stück besitzen soll. Mit Hilfe der schwimmenden Bomben könnte Teheran den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus lahmlegen, ohne auch nur einen weiteren Finger zu rühren, sagen Experten. "Alles, was die Iraner tun müssen, ist zu behaupten, dass sie die Meerenge vermint haben", sagte Jon Rosamund, Marine-Experte beim Sicherheitsmagazin "Jane's" der Nachrichtenagentur Reuters. "Der gesamte Tankerverkehr würde sofort zum Erliegen kommen."
Sollte Iran sich entscheiden, die Minen tatsächlich auszubringen, könnten diese zwar möglicherweise aus der Luft unschädlich gemacht werden. Doch das könnte Tage dauern: In dieser Zeit wären die vor der Meerenge auf Reede liegenden Tanker ein leichtes Ziel für Raketenangriffe und Attacken mit Schnellbooten. Im Falle eines bewaffneten Konflikts "wird alles zur selben Zeit stattfinden", sagte Michael Connell, Direktor eines Programms für Iranstudien der US-Marine, der "New York Times".
mit Material von dpa
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