Geheimdienste Ehemaliger Top-Beamter des Pentagon ergreift Partei für NSA-Whistleblower

John Crane betreute einst interne Beschwerden für das US-Verteidigungsministerium. Doch ein ungeheurer Verdacht machte ihn selbst zum Whistleblower. Heute glaubt er, dass Edward Snowden nie eine faire Chance hatte.

John Crane
Felix Kasten/ SPIEGEL TV

John Crane

Von Mark Hertsgaard, Felix Kasten, und


Auf seinem Schreibtisch landeten täglich Staatsgeheimnisse der Vereinigten Staaten. Mehr als 25 Jahre diente John Crane im US-Verteidigungsministerium im Büro des Generalinspekteurs (Inspector General, IG). Zuletzt hatte der heute 60-Jährige als "Assistant Inspector General" dort 90 Leute unter seiner Verantwortung. Der Generalinspekteur ist so etwas wie der Ausputzer vom Dienst, er soll die vertrauenswürdige Institution sein, an die sich Mitarbeiter anonym wenden können, wenn sie den Eindruck haben, dass im Ministerium oder an ihrem Einsatzort etwas schiefläuft. Oder wenn Kollegen gegen Gesetze verstoßen. Crane und seine Mitarbeiter waren eine Art Kummerkasten für Whistleblower. Zudem arbeitete er als Bindeglied zwischen seiner Behörde und dem US-Kongress.

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Heute sagt Crane, dass das System, das er maßgeblich mit aufgebaut hatte, nicht funktionierte, wie es sollte. Dass es in manchen Fällen sogar pervertiert wurde - und nicht mehr diejenigen schützte, die als Whistleblower auf Missstände hinwiesen. Sondern eher diejenigen, die sie zu verantworten hatten.

In einem neuen Buch des US-Autors Mark Hertsgaard ("Die Aufrechten - Whistleblowing in der Ära Snowden, Hanser Verlag, 224 Seiten, 15 Euro) erzählt John Crane nun erstmals seine Geschichte. DER SPIEGEL, SPIEGEL TV und der britische Guardian haben Crane und seine Weggefährten in Washington getroffen und interviewt, das ausführliche Porträt eines Mannes, der vom Whistleblower-Betreuer selbst zu einem Whistleblower wurde, lesen Sie im aktuellen SPIEGEL.

SPIEGEL TV Magazin wird in seiner heutigen Sendung ab 22.20 Uhr bei RTL über den Seitenwechsler berichten.

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Der Fall, der für John Crane das Fass zum Überlaufen brachte, war der des NSA-Whistleblowers Thomas Drake. Drake, der in leitender Funktion bei einem der NSA-Überwachungsprogramme arbeitete, und 2002 seine Bedenken über ein geplantes neues Überwachungsprogramm auf dem offiziellen Weg vorgetragen hatte. Drake übergab den Ermittlern des zuständigen Generalinspekteurs interne Dokumente, bat jedoch um Anonymität, weil er um seine Zukunft fürchtete - doch sein Name landete im US-Justizministerium, im Herbst 2007 wurde sein Haus durchsucht. Bewaffnete FBI-Beamte nahmen ihn fest. Drake wurde nach dem Spionagegesetz von 1917 angeklagt und mit 35 Jahren Haft bedroht.

Im Video: SPIEGEL TV traf den Whistleblower Thomas Drake

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Den Beamten Crane befiel ein schlimmer Verdacht. Er erinnere sich an ein Gespräch mit Vorgesetzten im Büro des Generalinspekteurs, in dem ein leitender Vorgesetzter die Idee vortrug, die Namen der NSA-Whistleblower um Drake an das Justizministerium weiterzugeben. Crane sagt, er habe energisch widersprochen und das Gesetz gezückt, das internen Whistleblowern Anonymität garantiere. Der Vorgesetzte habe gesagt, er werde das auf seine Weise regeln.

Weder der Betroffene noch das Pentagon wollten dem SPIEGEL bis zum Redaktionsschluss Fragen zu dem Vorgang beantworten. Das Büro des Generalinspekteurs verwies darauf, dass das Justizministerium eine Untersuchung eingeleitet habe, deren Ergebnis man nun abwarte. Cranes damaliger Vorgesetzter verwies auf seine Verschwiegenheitspflicht. Er sei zuversichtlich, dass eine Untersuchung des Vorfalls ergeben werde, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen.

Vielleicht hat Drakes Fall die Geschichte verändert

Cranes Verdacht verstärkte sich, als später im Büro des Generalinspekteurs wichtige Dokumente zum Fall Thomas Drake verschwanden. Mitarbeiter hätten versehentlich "Mist gebaut", sagten Cranes Vorgesetzte nach seiner Erinnerung. Er hatte sich über den Fall bereits vom eigenen Büro entfremdet, nun signalisierte er intern, nicht mehr länger schweigen zu wollen. Die Quittung kam prompt: 2013 bestellte ihn die amtierende Generalinspekteurin in ihr Büro und schob ihm seine Entlassungspapiere über den Tisch.

Womöglich hat Drakes Fall den Lauf der Geschichte verändert, zumindest der der amerikanischen Geheimdienste. Denn es gab noch jemanden, der den Fall Drake genau studierte - Edward Snowden.

"Snowden hat den Fall Drake gesehen", sagt John Crane. "Es war der Umgang mit Drake, der ihn dazu brachte, nicht innerhalb des Systems zu bleiben." Er finde es "traurig, dass jemand ins Exil gehen muss, weil er das Gefühl hat, die verschiedenen Kanäle, die ihm zur Verfügung stehen, nicht nutzen zu können. Jemand wie Snowden hätte nicht die Notwendigkeit empfinden sollen, sich selbst zu schaden - und zwar nur, um das Richtige tun zu können." Der Top-Beamte von einst wirft seinen Ex-Kollegen damit vor, durch ihr Verhalten gegenüber Drake den Fall Snowden zu dem gemacht zu haben, was er geworden ist - ein Fiasko für die Nachrichtendienste der USA und ein Problem für deren Außenpolitik.

"Als ich bei der NSA war, wusste jeder, dass alle Beschwerden, die mehr als Belästigung am Arbeitsplatz betrafen, im besten Fall das Ende der eigenen Karriere bedeutet haben, wenn man den offiziellen Beschwerdeweg eingehalten hat. Das ist ein Teil der Kultur", äußert sich nun auch Snowden selbst per Chat gegenüber dem SPIEGEL und dem Guardian erstmals zum Fall Crane. "Wenn dein Chef bei seinen Arbeitszeiten schummelt, untersucht der Generalinspekteur das vielleicht. Aber wenn man Thomas Drake heißt und herausfindet, dass der amerikanische Präsident die anlasslose Überwachung von jedermann im Land anordnet, was macht der Generalinspekteur dann? Er spült den Vorgang hinunter - und dich gleich mit." Snowden bekräftigt noch einmal, dass er sich mit seinen Bedenken "an Kollegen, an Vorgesetzte und sogar an Anwälte" gewandt habe. Die Antwort sei stets gewesen: "Sie spielen mit dem Feuer."

"Er hat seinen Kopf für mich hingehalten"

Die traurige Wahrheit sei, dass der offizielle Weg über den Generalinspekteur "oft ein Fehler" sei, sagt Snowden. Sich an die Medien zu wenden, beinhalte zwar große Risiken - "aber wenigstens hat man damit eine Chance". Bis heute, sagt Snowden, gebe es keinen einzigen Whistleblower aus der Welt der Geheimdienste, dessen Enthüllungen nicht zu Vergeltungsmaßnahmengeführt hätten. Es müsse endlich "eisenharte, einklagbare Schutzmaßnahmen für Whistleblower" geben. "Für Leute, die bereit sind, gegen eine Behörde aufzustehen, die gegen das Gesetz verstößt, gibt es noch immer keinen Anreiz, das muss sich ändern."

Thomas Drake hat erst später von der Rolle John Cranes erfahren und ihn erst nach beider Ausscheiden aus dem Dienst länger persönlich getroffen. John Crane sei zum "Whistleblower geworden, der darüber Zeugnis ablegt, dass das System des Whistleblowings nicht funktioniert", sagt Drake heute. "Er hat seinen Kopf für mich hingehalten."

Cranes Anwalt hat inzwischen Beschwerde bei der zuständigen Behörde, dem Office of Special Counsel, eingereicht und den ehemaligen Kollegen seines Mandanten schwerste Verfehlungen im Amt vorgeworfen - es handle sich um eine "systematische Kampagne", die Rechte von Whistleblowern zu beschneiden und ihre Angaben zu unterminieren. Der erste Zwischenbescheid fiel zugunsten Cranes aus, sein Fall wurde an das Justizministerium weitergeleitet, das nun über mögliche Konsequenzen befinden muss; das Ergebnis wird in etwa einem Jahr erwartet.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Vex 22.05.2016
1.
Whistleblower sind die Helden unserer Demokratie. Jeder hat als Person das Recht auf private Geheimnisse ... der Staat hat jedoch kein Recht darauf denn ein Bürger kann nur frei Wählen wenn er eine Informationsmöglichkeit hat. Wenn ich nicht weiss was der Staat macht dann kann ich nicht frei Wählen. Ebenfalls hat man kein Recht auf ein Geheimniss wenn dieses eine Straftat deckt egal ob privat in der wirtschaft oder staatlich. Es wird endlich Zeit das wir Whisleblower schützen und ihnen Orden verleihen statt sie Anzuklagen unter aberteuerlichen Vorwänden.
jeff123 22.05.2016
2. Das digitale Revolutionsparadoxon
Das ist die paradoxe Seite der digitalen Revolution. Da gibt es Geheimdienste, die Milliarden fuer technisches Gerät ausgeben um die Menschen ausspionieren zu können und auch tun. Aber sie haben nicht die Intelligenz ihre eigene Technologie so zu beherrschen dass die ganzen Informationen nicht nach aussen dringen. Ein Mann kann die ganze Datenbank herunterladen und alle Informationen zur Verfügung stellen. Das wird sich auch nicht ändern, weil immer jemand vom fuehrungspersonal Zugriff auf alles haben will. Ich finde das klasse. Irgendwann bricht das System in sich zusammen. .
yvowald@freenet.de 22.05.2016
3. Endgültige Abschaffung der
Zum Glück gibt es immer noch mutige Menschen, die den Mut haben, sich gegen mächtige Institutionen wie die Geheimdienste zu stellen. Sie verdienen Unterstützung und Schutz, auch wenn dies die Mächtigen dieser Welt und deren willige Vollstrecker anders sehen. Eigentlich sollte es in demokratischen und souveränen Staaten keine "Staatsgeheimnisse" geben. Sicherlich noch ein weiter Weg bis zur endgültigen Abschaffung oder zumindest "Zähmung" der sogenannten Geheimdienste und ihrer Unterstützer.
juchtenkäfer 22.05.2016
4. Im Prinzip Recht
Zitat von VexWhistleblower sind die Helden unserer Demokratie. Jeder hat als Person das Recht auf private Geheimnisse ... der Staat hat jedoch kein Recht darauf denn ein Bürger kann nur frei Wählen wenn er eine Informationsmöglichkeit hat. Wenn ich nicht weiss was der Staat macht dann kann ich nicht frei Wählen. Ebenfalls hat man kein Recht auf ein Geheimniss wenn dieses eine Straftat deckt egal ob privat in der wirtschaft oder staatlich. Es wird endlich Zeit das wir Whisleblower schützen und ihnen Orden verleihen statt sie Anzuklagen unter aberteuerlichen Vorwänden.
Der Autor hat im Prinzip Recht, jedoch stellt sich mir die Frage, wie weit darf ein solcher Hinweisgeber gehen. Klar wird durch den Artikel jedoch wieder einmal, daß ein Staat sich nicht selbst kontrollieren kann und Hinweisgeber großen Mut besitzen, um auf Mißstände aufmerksam zu machen. Leider fällt es selbst dem Spiegel in einigen Fällen schwer, das Gesamtbild zu betrachten und sich nicht dem vorgegebenen "Mainstream" zu beugen.
pfurzipfl 22.05.2016
5. Privatwirtschaft
Ist doch das gleiche wenn sie sich an die Integritätsstellen, wie zum Beispiel beim Daimler wenden. Bei Vergehen die bis zum Vorstand gedeckt werden, kriegen sie da niemals eine Antwort. Man hat gar keine andere Wahl als an die Behörden oder die Öffentlichkeit zu gehen.
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