Widerstand gegen Militärrat: Mindestens 20 Tote bei Revolte in Kairo

Die Lage in Kairo bleibt explosiv: Am dritten Tag in Folge lieferten sich Demonstranten und Sicherheitskräfte am Montag rund um den Tahrir-Platz heftige Auseinandersetzungen. Bei den Unruhen kamen nach Behördenangaben mehr als 20 Menschen ums Leben.

Kairo - Die Bilanz der vergangenen Tage in Kairo ist furchtbar: Nach neuen Angaben des ägyptischen Gesundheitsministeriums starben seit Sonntag 22 Menschen bei den Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Das meldeten ägyptische Medien unter Berufung auf das Ministerium. Rund 1750 Menschen wurden verletzt. Angaben, ob unter den Opfern auch Polizisten sind, machte das Ministerium demnach nicht.

Am Montagmorgen flammte in der Kairoer Innenstadt nach einer relativ ruhigen Nacht die Gewalt erneut auf: Rund 3000 Protestierende, die sich gegen die amtierende Militärregierung wenden, besetzten den zentralen Tahrir-Platz, obwohl die Polizei mit Tränengas und Knüppeln gegen die Menge vorging. Offenbar brannte auch ein Gebäude in der Nähe des Platzes. Über einem sechsstöckigen Wohnhaus stieg schwarzer Rauch auf. Eine Frau rief aus einem Obergeschoss um Hilfe.

Die Demonstranten warfen nach Angaben von Reportern Steine auf Polizisten und versuchten, zum Innenministerium zu marschieren. Auf Fernsehbildern waren Krankenwagen zu sehen. Die Jugendprotestbewegung 6. April warf dem Militärrat vor, er wende die gleichen Methoden an wie einst Mubarak. In einer Erklärung forderte die Bewegung den Rücktritt der Übergangsregierung.

Ägypten erlebt die schlimmste Gewalt seit dem Sturz des früheren Machthabers Husni Mubarak Anfang des Jahres. Die seit Freitagabend andauernden Auseinandersetzungen hatten ihren Ausgang in einer Demonstration gegen die Militärherrschaft und die Übergangsregierung genommen, die von islamistischen Parteien organisiert worden waren. Die Islamisten hatten sich jedoch nach ihrer großen Protestkundgebung am Freitag zurückgezogen.

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20  Bilder
Proteste in Kairo: Schlagstöcke, Tränengas, Feuer
Zurück blieben am Freitagabend vorwiegend junge Demonstranten, die eine schnellere Übergabe der Macht vom Militär an eine zivile Regierung fordern. Sie erklärten, sie wollten den Tahrir-Platz erst wieder räumen, wenn ihre Forderungen erfüllt sind. Das Militär hatte nach der Entmachtung Mubaraks im Februar die Macht übernommen.

Am nächsten Montag beginnt in Ägypten die erste freie Wahl seit Jahrzehnten. Angesichts des neuerlichen Gewaltausbruchs fürchten Beobachter allerdings, dass die Abstimmung gestört wird. Ohnehin wird die Macht bis zu den Präsidentenwahlen beim Militär bleiben. Ein neuer Präsident soll erst Ende 2012 oder Anfang 2013 gewählt werden.

anr/dpa/dapd/Reuters

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1. Jetzt muss aber die Nato gegen die Konterrevolution eingreifen
Stauss 21.11.2011
Wo sie doch den "arabischen Frühling" und den Sturz der Regierungen unterstützt. Wenigstens dort, wo es Öl gibt. Und nicht in den Mitgliedstaaten.
2. Nun wird's spannend - oder auch nicht.
ostseestern 21.11.2011
Wird es eine UN-Resolution 2.0.1.0... geben? Wo ist die Unterstützung der EU? Wo ist die Flugverbotszone? Wo sind die Verbindungsoffiziere des Euro-Corps? Ist das nun Revolution, Konterrevolution, bewaffnteter Aufstand islamistischer Jungterroristen?
3. Hegemonie
Dr. Sorglos 21.11.2011
Die antidemokratischen Imperialisten aus den USA und ihre willigen Erfüllungsgehilfen in Westeurpa werden es schon zu verhindern wissen, dass es statt eines Militärregimes ein unabhängiges Ägypten gibt. Zu wichtig ist die Kontrolle des Suez-Kanals und der Isreal-Politik. Die amerikanischen Parasiten und Schmarotzer werden das Wirtstier und den Einfluss auf die restliche Herde niemals freiwillig aufgeben...
4. ...
Greg84 21.11.2011
Wie kann den sowas passieren? Den bösen bösen Mubarak hat man doch abgesetzt, wie können da nicht alle zufrieden sein? Ist auch extrem überraschend, dass die Militärregierung wohl nicht einfach mal so die Macht abgibt.
5. Arabischer Frühling gescheitert?
wika 21.11.2011
Wurde doch hier dieser arabische Frühling besonders hoch gefeiert und gelobt als der „Weg“, die Freude über Mubaraks Entsorgung, mit dem unsere Regierungen doch gar nie Probleme hatten? Jetzt sind die Menschen unzufrieden weil das Militär nur Mubaraks Stil fortführt? Dabei sieht sich doch das Militär als Retter der Demokratie, will das Land vor Fundis und Rückschrittlern bewahren die angeblich nach einem Gottesstaat rufen. Das war natürlioch nicht das Interesse der Förderer des arabischen Frühlings. Sollten wir uns vielmehr schon darauf einrichten in Nordafrika vermehrt Aufbauhilfe für die neuen Gottesstaaten zu leisten? (Betrachtung über künftige Gottesstaaten in Europa, nicht ganz frei von Sarkasmus) (http://qpress.de/2011/10/24/aufbauhilfe-fur-neue-gottesstaaten-tunesien-und-libyen/) Oder müssen wir das Militär feiern? Gut, Menschenleben spielten noch nie eine Rolle bei der Implementation westlicher Werte. Wofür also künftig welche Seite loben? Demonstranten die verprügelt/erschossen werden weil sie einen prüderen Gottesstaat wollen oder das Militär weil es sich um den Erhalt westliche Werte müht, die ja auch keinen Schaden leiden wenn dort eine Diktatur herrscht … bin da echt ratlos …
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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