Widerstandshochburg Homs: "Es ist wie in Srebrenica"
Zwei ausländische Journalisten kamen im Bombenhagel der syrischen Streitkräfte ums Leben. Sie berichteten aus Homs, wo die Bewohner seit Wochen den tödlichen Angriffen ausgesetzt sind. Die Aktivisten flehen den Westen um Hilfe an: "Was hier geschieht, ist Völkermord."
"Wir können sie nicht einmal bergen. Die Leichen der beiden liegen im Eingang, aber wenn wir sie da rausholen, werden wir beschossen von den Scharfschützen!" Für wenige Minuten gelang es am Mittwochmittag, Omar Shakir in der syrischen Widerstandshochburg Homs zu erreichen. Er ist einer der Sprecher des Aufstands im Viertel Baba Amr, wo am Morgen gegen 7.30 Uhr die beiden Journalisten Marie Colvin und Rémi Cochlin von einer Granate der syrischen Regierungstruppen getötet wurden.
Sie waren im hinteren Teil der Wohnung des "Medienzentrums" gewesen, als eine erste Rakete das Zimmer zur Straße traf. "Wir wollten rüber, in ein anderes Haus, aber der Beschuss war pausenlos", berichtet Omar Shakir. "Dann war zwei Minuten Ruhe, sie liefen los - und wurden getroffen vom nächsten Einschuss, der exakt den Eingang des Hauses traf. Beide waren sofort tot."
Es war dasselbe Haus, von dem SPIEGEL-Reporter aus im Dezember eine Woche lang erlebten, wie Baba Amr zur ersten befreiten Zone in Zentralsyrien wurde. Übergelaufene Soldaten der "Freien Syrischen Armee" (FSA) verteidigten das Armenviertel im Südwesten der Stadt gegen die Truppen des Regimes. "Drei Quadratkilometer Ausnahmezustand", schrieb der SPIEGEL damals. Es war dort ruhiger als in anderen Teilen der Stadt, aus der die Reporter beschrieben, wie die Scharfschützen des Regimes Jagd auf Menschen machten, wie Verwundete in den staatlichen Krankenhäusern ermordet anstatt behandelt wurden und wie Assads Truppen begannen ganze Stadtviertel auszuhungern.
Scharfschützen auf nahegelegenen Hochhäusern zielen auf jeden
Seither ist es in Homs noch viel schlimmer geworden.
Seit dem 4. Februar liegen mehrere Stadtteile im Westen und Norden der Rebellenhochburg unter dauerndem Beschuss von Panzern und Raketen. Im Minuten-, manchmal im Sekundenabstand schlagen Granaten in Wohnhäuser ein. Entweder töten sie die letzten Bewohner sofort oder sie lassen sie langsam sterben, weil niemand mehr kommen kann, sie zu bergen. Scharfschützen auf nahegelegenen Hochhäusern zielen auf jeden, den sie in ihr Schussfeld bekommen.
Das Epizentrum des Grauens ist nun Baba Amr. Straßenzüge sind dort zu Schuttbergen geschossen worden. Pausenlos operieren die noch lebenden Ärzte in der kleinen Moschee, wohin sie die bombardierte Untergrundklinik evakuiert haben. Sie amputieren Beine, Arme ohne Betäubungsmittel, haben kaum noch Medikamente und Mullbinden, geschweige denn Blutkonserven. Und sie wissen nicht mehr wohin mit all den Toten.
Aus dem "Medienzentrum", einer Wohnung erst im zweiten Stock, dann im Erdgeschoss eines Wohnhauses, meldeten sich immer seltener die überlebenden Aktivisten. Im Dezember war es ein Ort der Hoffnung, wo zwischen zig Computern die ganze Nacht hindurch die Telefone klingelten, Studenten die Videos der letzten Demonstrationen hochluden.
Doch jetzt gibt es keinen Strom, keine Telefonverbindungen, kein Wasser mehr. Scharfschützen haben selbst die Wassertanks auf den Dächern unter Feuer genommen, und der letzte Diesel wird aufgespart für den Betrieb des Generators, der das Satellitentelefon in Gang hält.
Sechs Tage lang war diese einzige Verbindung in der vergangenen Woche unterbrochen. Erst am Dienstag meldeten sich Omar Shakir und die anderen wieder: Sie seien alle noch am Leben. Die Satellitenschüssel stehe noch auf dem Dach, "ein Wunder". Ein paar hundert, vielleicht nur noch ein paar Dutzend Kämpfer der FSA seien noch im Viertel, aber chancenlos gegen die Wucht der Panzer.
Hunderte Syrer sterben langsam, weil sie nicht behandelt werden können
Als die Granaten am Mittwoch Morgen einschlugen, wurden außer Colvin und Ochlik weitere westliche Journalisten verletzt. Der britische Fotograf Paul Conroy hat schwere Wunden am Bein, die französische Reporterin Edith Bouvier hat einen schweren Splitterbruch des linken Beins.
Beide befinden sich vorläufig im Untergrundhospital von Baba Amr, "aber wenn wir Edith hier nicht wegbringen, wird sie nicht überleben", befürchtet Doktor Mohammed, einer der Ärzte: "Sie muss sofort operiert werden, braucht Bluttransfusion, Medikamente." Es droht ihnen so zu ergehen wie Hunderten Syrern, die langsam sterben, weil sie nicht behandelt werden können. Vielleicht 50, vielleicht 70 Menschen seien am Mittwoch allein in Baba Amr ums Leben gekommen, seit der Beschuss der Streitkräfte Assads immer häufiger die unteren Stockwerke der Häuser treffe.
Mehr als 20.000 Menschen sind immer noch im Viertel, gefangen in ihren Häusern. Es sind vor allem Frauen, Kinder und Alte. Sie waren nicht geflohen, als man noch zu Fuß entkommen könnte. Kaum eines der Häuser hat einen Keller, es ist bitterkalt, es gibt kein Wasser mehr, keine Nahrung erreicht noch das Viertel. Wer jetzt noch in Baba Amr lebt, ist der Vernichtung durch die Granaten preisgegeben, von denen Marie Colvin während ihres letzten Interviews am Dienstag 14 in 30 Sekunden einschlagen hörte.
"Was hier geschieht, ist Völkermord", sagt Omar Schakir, der die Sätze am Telefon oft wiederholen muss, weil die Explosionen lauter sind als seine Stimme. "Assad möchte, dass Baba Amr von der Landkarte verschwindet. Er denkt, dass dann die Menschen aufgeben. Es ist wie in Srebrenica in Bosnien. Und auch hier", sagt er voller Bitternis, "wird die Internationale Gemeinschaft bestimmt hinterher eine Untersuchungskommission schicken. Aber wir brauchen keine Untersuchungskommission! Wir brauchen ein Ende des Bombardements! Bitte helft uns, sonst werden hier alle sterben!"
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