Wie "Fitna" auf Muslime wirkt "Ich fühle mich nicht im geringsten verletzt"

Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders verdammt in "Fitna" den Islam, den Koran, die muslimischen Gläubigen. Die Journalistin Fatma Aykut lebt als Muslimin in Deutschland: Sie beschreibt für SPIEGEL ONLINE, wie Wilders Film auf sie gewirkt hat - und warum der Schockeffekt ausbleiben wird.

Von Fatma Aykut


Die Terror-Flugzeuge, die am 11. September 2001 in die Twin Towers rasen, Hassprediger, die zum Heiligen Krieg aufrufen, Bilder von verstümmelten Leichen nach Anschlägen von al-Qaida-Anhängern im Atocha-Bahnhof von Madrid – damit will also der holländische Populist Geert Wilder "schockieren".

Standbild aus "Fitna": Tausendfach gesehen
AFP

Standbild aus "Fitna": Tausendfach gesehen

Das funktioniert aber nicht.

Erstens haben die Bilder diese Wirkungskraft längst verloren. Es sind Bilder, die wir tausendfach in den Nachrichten gesehen haben oder täglich sehen, etwa von fanatischen Hamas-Anhängern, die in den Straßen von Gaza-City ihre Maschinen-Gewehre in die Luft halten und antisemitische Sprüche in die Kameras brüllen. Es mag makaber klingen, aber diese Bilder sind abgenutzt, es sind inflationäre Fernsehbilder, an die wir uns längst gewöhnt haben.

"Schockieren" wollte Geert Wilder wohl auch mit Bildern von der Enthauptung einer Geisel, unzensiert und in voller Länge, mit dem abgetrennten Kopf, der in die Kamera gehalten wird als Schlusseinstellung einer Sequenz. Nur, ganz abgesehen davon, dass der Neuigkeitswert der Bilder gegen null tendiert: Wen will Geert Wilders eigentlich "schockieren"?

Gemäßigte Muslime waren und sind genauso betroffen von den grausamen Bildern wie Nicht-Muslime, werden mit Ekel genauso wegsehen. Dagegen werden islamische Extremisten ganz nüchtern feststellen: Prima, genau das sind wir, da hat der Holländer uns aber richtig gut getroffen. Schockieren wird er auch diese Extremisten nicht. Im Gegenteil: Das Video von Geert Wilders könnte al-Qaida als Hauswerbung in ihrem Intranet einsetzen.

Allesamt Ehrenmörder, Christen-Hasser, Schwulen-Hasser

Dass Wilder seine "schockierenden Bilder" mit Zitaten aus dem Koran untermalt, als Beleg sozusagen, dass die eigentliche Hass-Quelle der Koran sei, macht es mir als völlig gewöhnliche Muslimin schwer, den Islam als eine friedliche Religion zu verteidigen. Denn diese Zitate sind nicht erfunden, sie stehen wirklich im Koran, Hass gegen Juden wird in unserem heiligen Buch leider seitenlang propagiert. Das ist traurig, genauso wie es traurig ist, dass auch die Bibel in punkto Antisemitismus dem Koran in nichts nachsteht.

Der Filmtitel "Fitna" bedeutet übersetzt "Chaos" – und das ist der Film bis zur zehnten Minute. Ein loses Aneinanderreihen von Filmsequenzen, die auch gemeinhin möglichst furchteinflößend sind und der allgemeinen Klischeevorstellung des bösen Moslems entsprechen - eine Horde von bärtigen, dunkelhäutigen Männern in langen weißen Gewändern. Bis dahin fragt man sich: Was ist eigentlich der Erkenntnisgewinn aus diesem Film? Was will der Autor?

Doch dann, nach der zehnten Filmminute, wird sein Ziel glasklar. Wilders hat nicht die Islamisten aus Afghanistan, Pakistan oder dem Irak im Visier, sondern die Muslime in Europa. Dabei geht es nicht um Unterscheidungen zwischen "gemäßigten" und "militanten" Moslems. Im Film von Wilders sind alle Moslems in Europa eine Bedrohung, allesamt Ehrenmörder, Christen-Hasser, Schwulen-Hasser. "Stoppt die Islamisierung Europas", "Verteidigt euch gegen die Moslems" – markige Sprüche, die man auch von rechtsradikalen Parteien zu jeder Kommunal-, Landtags- oder Bundestagswahl in Deutschland lesen und hören kann. Auch deshalb "schockieren" diese Slogans nicht, sie sind altbekannt.

Eigentlich kann man Wilders' Film nicht ernst nehmen

Über "Hollands Zukunft" orakelt Wilders in seinem Film und zeigt Bilder mit blutüberströmten Kindern, muslimischen Müttern, die ihren Kindern die Schwertklinge in die Hand drücken, Schwule, die erhängt werden, junge Mädchen, deren Genitalien verstümmelt werden.

Wenn das Thema "Integration von Muslimen in Europa" nicht so ernst wäre, könnte man den Film fast schon als Karikatur seiner selbst sehen und sogar ein wenig darüber schmunzeln. Denn Wilders überzieht so gnadenlos, dass man ihn und seinen Film einfach nicht ernst nehmen kann. Eigentlich. Politisch-korrekt ist das nicht, denn eine gewisse Sprengkraft hat der Film schon. Auf der anderen Seite: Ist es heutzutage überhaupt möglich, einen kritischen Film über den Islam zu machen, ohne gleich Meuchelmorde, Aufruhr und Gewalt zu befürchten? Das frage ich - als Muslimin.

Ich bin mir sicher, dass in Holland und selbst in Deutschland viele Menschen dem Film und seinem Inhalt Glauben schenken. Mich würde an dieser Stelle die Meinung des Bundesinnenministers brennend interessieren.

Das Verzwickte an diesem Film ist: Er zeigt einen Aspekt der muslimischen Realität in Europa – und zwar blöderweise auch noch dokumentarisch. Es wäre ja geradezu töricht, jetzt einfach "aus Prinzip" gegen den Film zu sein. Wilders spricht insofern Tendenzen an, die es in Amsterdam, in Paris und auch in Berlin gibt.

Nur hält er bewusst einige wichtige Informationen zurück. Die hohe Arbeitslosigkeit unter Migranten, die geringen Bildungschancen, den alltäglichen Rassismus, dem viele, vor allem männliche Migrantenkinder, ausgesetzt sind.

Was war nun zuerst da, die Henne oder das Ei?

Wilders zeigt Tatsachen - aber einseitig

Als gläubige, aber nicht praktizierende Muslimin fühle ich mich durch den Film nicht in geringster Form in meinem religiösen Empfinden verletzt. Denn weder wird Allah beleidigt noch unser Prophet. Wilders macht auch nicht den Fehler, den Theo van Gogh gemacht hatte, indem er Sexualität mit dem Koran in Verbindung bringt - womit ich keine Probleme hätte, aber die Explosionsgefahr bei den weniger gemäßigten Moslems weltweit hätte sich damit mit Sicherheit potenziert.

Insofern überrascht mich der Film sehr. Überspitzt könnte man sogar behaupten: Wilder zeigt in seinem Film eigentlich nichts anderes als Tatsachen – nur eben ziemlich einseitig.

Der Film "Fitna" war ein Versuch, ein durchaus billiger, durchsichtiger Versuch, muslimische Migranten in Europa verallgemeinernd als "potentielle Terroristen" darzustellen, als Gefahr für die hart erkämpfte Demokratie, als instinktgeleitete Bestien.

Hätten Politiker nicht im Vorfeld des Films so eindringlich vor den Folgen gewarnt und immer wieder auf den dänischen Karikaturen-Streit hingewiesen, in gewisser Weise also die PR-Arbeit geleistet, hätte der Film nicht die Aufmerksamkeit erlangt, die er nun hat. Aber "geschockt" hat er trotzdem nicht! Zum Glück!



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