Urlaubsparadies Wie Flüchtlinge aus dem Jemen auf Südkoreas Insel Jeju landeten

"Sei nicht wie Europa": Hunderttausende Südkoreaner protestieren gegen Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Jemen, die sich auf der Insel Jeju aufhalten. Die Fremdenfeindlichkeit ist in der Gesellschaft fest verwurzelt.

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Sie wird die "Insel der Götter" genannt und, wegen des klaren Wassers, auch das "Hawaii Koreas": die große, grüne Insel Jeju, ein beliebtes Urlaubsziel etwa 100 Kilometer vor der Küste Südkoreas. Touristen besichtigen dort Tempel, Wasserfälle und Teeplantagen, Pferde können für Ausritte am Strand ausgeliehen werden. Vor allem Frischverheiratete reisen gerne nach Jeju.

Doch seit einigen Monaten ist die Harmonie auf der Insel gestört. Der Grund sind Besucher, die sich die Tourismusbehörde nicht ausgesucht hat: 550 Flüchtlinge aus dem Jemen, die zwischen Dezember und Mai über Malaysia dort ankamen. An ihnen hat sich ein erbitterter Streit entzündet. Viele Einheimische nennen sie "Fake-Flüchtlinge", protestieren mit Sprechchören und Schildern wie: "Sei nicht wie Europa" und "Wir wollen sicher sein" gegen die Fremden. Wie sind die Flüchtlinge überhaupt nach Südkorea gekommen?

Proteste gegen Flüchtlinge in Südkorea
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Proteste gegen Flüchtlinge in Südkorea

Auf der Ferieninsel galt, wie in Malaysia auch, eine visafreie Einreise für Jemeniten. Hinzu kam, dass seit Dezember vergangenen Jahres eine Billigfluggesellschaft Flüge von Kuala Lumpur auf die Ferieninsel anbot. Die 505 Männer und 45 Frauen aus dem Jemen nutzten ihre Chance.

"Ein paar Flüchtlinge kamen im Dezember hierher, als sich die Nachricht über die neue Flugverbindung unter den 2800 Jemeniten in Malaysia verbreitete", bestätigte ein Sprecher des südkoreanischen Justizministeriums der Nachrichtenagentur Reuters.

Extrem homogene Gesellschaft

Nach Südkorea gelangen bislang nur wenige Flüchtlinge, auch wegen der großen Entfernung zu den Krisenregionen im Nahen Osten und Afrika. Seit 1994 waren es knapp 40.500, Tendenz steigend: Im vergangenen Jahr kamen etwa 10.000 Flüchtlinge nach Südkorea, vor zehn Jahren waren es nur einige Hundert gewesen.

Die Quote der positiven Bescheide für Asylanträge ist jedoch gleichbleibend verschwindend gering: Von den 40.500 Flüchtlingen, nicht eingerechnet jene aus Nordkorea, bekamen 839 einen Aufenthaltsstatus. In diesem Jahr beträgt die Quote der positiven Asylbescheide bislang 0,6 Prozent.

Die südkoreanische Gesellschaft ist durch eine extreme Homogenität geprägt. Ein Grund: Der weit verbreitete Glaube an eine "Ein-Blut-Lehre", die bis vor wenigen Jahren noch an den Schulen des Landes gelehrt wurde. Die Vereinten Nationen setzten Südkorea unter Druck, die Ideologie aus dem Lehrplan zu streichen, was 2007 auch geschah. Zu rassistischen Zwischenfällen kommt es dennoch immer wieder.

Petition gegen die Asylbewerber

Der Grad der Fremdenfeindlichkeit in Südkorea lässt sich nun auch an der Reaktion auf die 550 jemenitischen Flüchtlinge ablesen. Mehr als 700.000 Menschen unterschrieben eine Petition, die sich gegen ihre Aufnahme richtet. Darin wird davor gewarnt, dass Migranten das südkoreanische Sozialsystem ausnutzen und die Sicherheit auf Jeju gefährden könnten. Die kulturellen Unterschiede würden zu Spannungen führen. Zudem sei zweifelhaft, ob die Jemeniten tatsächlich Flüchtlinge seien.

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Flüchtlinge auf Jeju: Vom Bürgerkrieg ins Urlaubsparadies

Ein Vorwurf, den auch die Protestierenden mit den Schildern gegen mutmaßliche "Fake-Flüchtlinge" erheben - obwohl der Bürgerkrieg im Jemen laut den Vereinten Nationen als derzeit größte humanitäre Katastrophe der Welt gilt. Mehr als zwei Millionen Menschen haben das Land bereits verlassen, weitere Millionen Jemeniten sind dort vom Hungertod bedroht (lesen Sie mehr zu den Hintergründen hier).

Der Protest aus der südkoreanischen Bevölkerung hat dessen ungeachtet schon Wirkung gezeigt. Seit dem 1. Juni dürfen Menschen aus dem Jemen nicht mehr ohne Visum einreisen.

Den Flüchtlingen auf Jeju wurde untersagt, auf das Festland weiterzureisen. Zwar dürfen sie offiziell arbeiten, allerdings sehr eingeschränkt, etwa als Fischer oder Restaurantmitarbeiter. Zudem wurden mehr Beamte eingestellt, um schneller über die Asylanträge entscheiden zu können. Drei Jemeniten wurde der Flüchtlingsstatus bislang zugesprochen.



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claus7447 29.07.2018
1. Nicht erstaunlich!
Ich hatte die Chance Ende der 90er in S-Korea über mehrer Jahre zu arbeiten und dort zu wohnen. Gleich zu Beginn wurde ich von einem meiner Untergebenen darüber informiert "Sie sind hier Gastarbeiter! und wenn wir sie nicht mehr wollen ...!" Es kam nicht ganz so, aber man merkte es immer wieder an Kleinigkeiten wie abgeschottet dieses Land ist, wie selbstbewusst und National denkend die Menschen dort sind. Vermutlich hängt dies auch mit den langen Besatzungszeiten Japans, China und der früheren permanenten Abhängigkeit entweder von Russland, China oder jetzt USA. Die Ablehnung der Flüchtlinge ist deswegen nicht auf diese Insel beschränkt. Jeju-Do ist eine wunderbare Insel - aber nun - es ist ein "koreanisches Ziel" und extrem teuer ... aber wenn man da schon lebt..
realkorea 29.07.2018
2. Live aus Korea
Ich lebe seit 10J in Korea und bin mit einer Koreanerin verheiratet. Koreaner sind nicht rassistisch wie es der Artikel dem Leser vorgaukelt! Koreaner sind sehr liebenswert und offen für Ausländer. Wir haben aber gesehen wie sich die Sicherheitslage in Deutschland seit 2015 verschlechtert hat. Das wollen wir nicht. Hier können sie als Frau alleine um Mitternacht durch die Straßen ziehen - kein Problem. Das soll auch so bleiben, das ist unsere Entscheidung. Bitte respektiert das liebe Spiegel Redaktion
curiosus_ 29.07.2018
3. Das wundert mich nicht
Bei z.B. 513 Einwohnern pro km² (Deutschland: 231, gerade mal 45% davon) ist der Dichtestress nicht zu vernachlässigen. Sicher ein Grund dafür noch weiteres Wachstum abzulehnen. In Singapur z.B. (7799 Einwohner pro km²) wurden 2016 von sage und schreibe 12 Anträgen alle abgelehnt (https://www.laenderdaten.info/Asien/Singapur/fluechtlinge.php).
login37 29.07.2018
4. Absurd
Jeju ist so groß wie Berlin und Hamburg zusammen und hat über 600.000 Einwohner. Die fürchten nun 505 Flüchtlinge? Die Flüchtlinge ergeben nicht mal ein Promille der Bevölkerung. Aber das ist eben das Ergebnis, wenn 100% der Bevölkerung in der Schule per "pure blood theory" Rassismus, Fremdenhass und Ultranationalismus eingeimpft bekommen.
quark2@mailinator.com 29.07.2018
5.
Interessant, wie der Begriff der Fremdenfeindlichkeit umgedeutet wird. Wenn man Fremde mag und respektiert, gern im Ausland arbeitet und Urlaub macht, gern ausländische Gäste hier begrüßt, als Urlauber, oder Studenten, oder Arbeiter für eine bestimmte Zeit, wenn man auch voll dafür ist, daß Menschen vor Krieg und Katastrophen hier Unterschlupf finden und einfach nur möchte, daß die überwiegende Mehrheit derer, die so ankommen, irgendwann auch wieder in ihre Länder zurückgehen, wenn sie nicht gerade hierher geheiratet haben, dann ist man ein Fremdenfeind und wird mitunter behandelt, als wolle man die Lager wieder aufmachen. Ich frage mich, ob diese Erweiterung des Begriffs nicht am Ende kontraproduktiv ist.
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