Von Gil Yaron, Tel Aviv
Nidal Sabhi Abdel Haq ist ein sympathischer Kerl. Er ist 29, sein stattlicher Bauch suggeriert Gemütlichkeit. Er hat ein gewinnendes Lächeln, er spricht mit leiser Stimme, er wirkt beinahe schüchtern. Nidal spricht liebevoll von seiner neuen Gattin. So jemanden könnte man sich gut als Nachbarn vorstellen - wäre da nicht ein Detail: Nidal ist ein gescheiterter palästinensischer Selbstmordattentäter. Im Juni 2003 wollte er mitten in Tel Aviv einen Sprengsatz zünden, er hätte vermutlich etliche Israelis mit in den Tod gerissen.
Nidal war 18, als die zweite Intifada im Jahr 2000 begann: "Das Leben hier in Nablus wurde unerträglich. Die Stadt war ein großes Gefängnis", erzählt er, und plötzlich blitzt kalter Hass aus seinen Augen. Die Wohnung der Abdel Haqs liegt auf einer Anhöhe, nahe der Stadtmitte, direkt neben dem Friedhof von Nablus: "Jeden Tag gab es nebenan eine neue Beerdigung", sagt er. Deswegen trat er der Mukawama bei, dem "bewaffneten Widerstand". Für viele Palästinenser wurde er damit zum Helden. Für Israelis war er jetzt ein Terrorist, weil die Mukawama nicht nur Soldaten, sondern auch Frauen und Kinder tötet. Der Weg in den Untergrund fiel ihm leicht: Mitglieder der Mukawama waren jeden Tag nebenan auf dem Friedhof, um einen aus ihren Reihen zu begraben. "Ich ging einfach auf einen zu und bat darum, aufgenommen zu werden", berichtet Nidal. "Sie überprüften meinen Hintergrund, um sicherzustellen, dass ich kein Spitzel bin. Dann gehörte ich dazu."
Nidal verschweigt, welcher Terrororganisation er beitrat, aber im Gefängnis saß er im Trakt radikalislamischer Hamas-Anhänger: "Ich bin in einem religiösen Haushalt aufgewachsen, deswegen passte mir das am besten." Mitglied der Hamas sei er aber nicht, behauptet Nidal: "Ich bin nur ein Mann des Volkes." Ob das stimmt, ist unklar, vielleicht ist es auch nur Selbstschutz: Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) sieht in den Anhängern der Hamas politische Rivalen und verfolgt sie erbittert.
Nach seinem Beitritt zur Mukawama war klar, dass Nidal nun auf der Abschussliste des israelischen Geheimdiensts stand. Trotzdem habe er keine Angst gehabt. "Gefährlicher als mein Alltag konnte das eh nicht sein: Hier wurden Menschen erschossen, wenn sie im falschen Augenblick aus dem Fenster schauten." Nidals Eltern wussten von nichts, sagte er: "Das war Geheimsache. Ich schlief weiter zu Hause und half meinem Vater bei der Arbeit." Das sei so üblich, meint Anat Berko, eine israelische Kriminologin, die den Werdegang von Selbstmordattentätern erforscht hat: "Trotz aller Anerkennung für Attentäter wollen die meisten Familien nicht, dass ihr Sohn einen Anschlag begeht. Insgeheim ist es ein Armutszeugnis des Vaters, wenn eine Terrororganisation unbemerkt in die Familie eindringt und das Kind für eigene Zwecke missbraucht", sagt Berko. Selbstmordattentäter hätten nur zwei Gemeinsamkeiten: "Sie sind Außenseiter, die nach Aufmerksamkeit lechzen. Und sie haben eine schwache Vaterfigur."
Ausbildung zur lebenden Bombe
Ohne dass jemand es bemerkte, radikalisierte sich Nidal. "Die Vorbereitung für ein Attentat findet auf zwei Ebenen statt", erklärt er. "Die technische Seite ist einfach. Man legt den Sprengstoffgürtel an und drückt auf einen Knopf. Wie lang braucht man schon, um das zu lernen?" Geistig hingegen müsse man sich wochenlang vorbereiten. Ein Schahid, ein Märtyrer, trete "sofort ins Paradies" ein. Im Gegensatz zu anderen gescheiterten Attentätern, die laut Berko "das Paradies oft plastisch beschreiben", sagt Nidal: "Ich dachte nicht an 72 Jungfrauen, die auf mich im siebten Himmel warten. Ich wollte der Welt eine Botschaft übermitteln, vom Willen nach Freiheit."
Am 25. Juni 2003 holte ein Wagen Nidal aus Nablus ab, man übereichte ihm einen Sprengstoffgürtel: "Unser Ziel war Tel Aviv, ich sollte mich dort mit Soldaten in die Luft sprengen", sagt er und beteuert, keine Zivilisten im Visier gehabt zu haben. Das wäre eine Ausnahme: Die meisten palästinensischen Attentate trafen Schüler, Restaurants oder öffentliche Busse. In Kafr Kassem, auf halbem Weg zwischen Nablus und Tel Aviv, wurde die Terrorzelle abgefangen: "Jemand hatte uns verraten. Plötzlich war ein Hubschrauber über uns, dann waren wir umzingelt", berichtet Nidal.
Nidals Vater erfuhr von der Terrorkarriere seines Sohnes aus dem israelischen Staatsrundfunk, am Morgen der Verhaftung. Dass Nidal "im Widerstand ist", so nennt er das. Der Vater sucht stockend nach Worten: "Ich war traurig, als hätte ich ein Kind verloren." Selbstverständlich sei er stolz auf Nidal, aber seine sechs anderen Kinder will er nicht bei einer Terrororganisation wissen: "Ein Kind im Widerstand genügt." Einen Vorteil sieht er immerhin: "Als er freikam, war eine Nachbarstochter ganz versessen darauf, Nidal zu heiraten."
Nidal hat genug vom Widerstand
Die Frage, ob Selbstmordattentate den Palästinensern nicht langfristig geschadet haben, macht Nidal wütend. "Warum sprechen wir nicht darüber, was die Israelis uns antun? Wir reagieren nur", sagt Nidal erregt. "Ich kann verstehen, warum es manche stört, wenn Kinder bei unseren Aktionen ums Leben kommen", sagt er später: "Aber es war wichtig, ein Signal zu senden, dass man palästinensische Kinder nicht ungestraft töten kann." Der Fast-Attentäter beteuert, dass er Israelis nicht hasse: "Ich bin Israelis auf Schulausflügen begegnet. Sie sind auch nur Menschen. Ich begegne allen Menschen mit Respekt." So sieht er es heute.
In Haft lernte Nidal Hebräisch, las israelische Tageszeitungen, belegte einen Lehrgang an der Hebräischen Universität: "Ich verstand, dass Israel wie Palästina ist. Ich habe heute kein Problem mit dem Staat Israel - nur mit der Besatzung. Israel würde mich nicht stören, wenn es sich auf die Grenzen von 1967 zurückzöge und mir eine Chance gäbe, in einem eigenen Staat zu leben", sagt Nidal. Er klingt versöhnlich.
Im Oktober 2011 kam Nidal bei einem Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas unerwartet früh frei: Er war wegen versuchten Massenmords zu einer Haftstrafe von 99 Jahre verurteilt worden. Und nun? "Ich will eine Familie, studieren, meinem Volk dienen." Nidal bereut nichts. Dennoch habe er "genug vom Widerstand". Seinen Kindern werde er "alles erklären", sagt er. "Ich werde sie weder dazu ermutigen noch davon abhalten, der Mukawama beizutreten. Das ist ihre Entscheidung."
Richtig eingewöhnt hat sich Nidal noch nicht in der Freiheit: "Die Mode ist ganz anders. Kerle tragen jetzt hier so tiefe Jeans, dass man sogar ihre Unterhosen sehen kann!" Am meisten verblüffte ihn nach neun Jahren Haft der Anblick eines Nachbarn. Als gläubiger Muslim war Nidal in der arabischen Tradition aufgewachsen, dass Hunde unreine Tiere sind, von denen man sich fernhält. Und dann der Nachbar - der einen Hund spazieren führt. "Das hat mich schockiert!" Ihn, den verhinderten Selbstmordattentäter.
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