Kabul - Bei der Befreiung von vier Geiseln im Nordosten Afghanistans in der Nacht von Freitag auf Samstag haben britische und amerikanische Soldaten innerhalb weniger Minuten elf Entführer getötet. Beteiligt an der Aktion waren laut dem britischen "Telegraph" eine Spezialeinheit der britischen SAS und ein Kommando der amerikanischen Navy Seals - laut dem Zeitungsbericht dieselbe US-Einheit, die auch Osama bin Laden tötete.
Das Rettungsteam mit rund 70 Mann sei mit Hubschraubern in der Gebirgsregion abgesetzt worden, habe sich im Schutze der Dunkelheit den Geiseln genähert und die Entführer überwältigt, die mit Panzerfäusten, schweren Maschinen- und Sturmgewehren bewaffnet gewesen seien.
Großbritanniens Premier David Cameron bedankte sich bei den Soldaten für die Befreiung der Geiseln, die allesamt Mitarbeiter der Schweizer Hilfsorganisation Medair sind. "Es war eine außerordentlich mutige Mission", sagte Cameron. Er zolle den Männern Anerkennung für ihre Fähigkeiten und ihren Einsatz.
Die ISAF hatte erst auf eine friedliche Lösung gehofft, dann aber doch Grund für einen militärischen Eingriff gesehen: Nach einem abgehörten Telefonat zwischen einem der Entführer und einem Talibanmitglied sei die Sicherheit der Frauen nicht mehr gewährleistet gewesen, wie der "Telegraph" berichtet. Cameron erklärte, ihr Leben sei zunehmend in Gefahr gewesen. "Das Risiko für Helen und ihre Kollegen wurde immer größer, weil immer mehr Taliban sich einmischten", sagte er.
Der Ort, an dem die beiden Entwicklungshelferinnen und ihre beiden afghanischen Führer gefangen gehalten wurden, war in der vergangenen Woche festgestellt worden, als Einsatzkräfte die Mobilfunksignale der Entführer abfingen. Anschließend waren die Geiselnehmer laufend überwacht worden.
Hohe Berge, enge Schluchten
Am Freitagnachmittag informierte General John Allen, Isaf-Kommandant in Afghanistan, Großbritanniens Premier über die bevorstehende Mission. Nachdem Cameron seine Zustimmung gegeben hatte, starteten die Spezialeinheiten die Geiselbefreiung: Eine Hubschrauberflotte flog an einen Ort etwa zwei Meilen entfernt von den Höhlen, in denen sich die Geiseln befanden. Dann marschierten sie durch dichten Wald, um sich in Position für den Angriff zu bringen. "Es war eine Mission auf herausforderndem Terrain", sagte Adrian Bradshaw, Leutnant bei der Britischen Armee. Die Soldaten hätten hohe Berge und enge Schluchten zu überwinden gehabt.
Dank einem von einer Drohne aufgenommenen Video und den Kopfkameras, die die Soldaten trugen, konnten Bradshaw und Allen mitverfolgen, wie die Spezialeinheiten die Höhle stürmten. "Der Schlag ist mit chirurgischer Präzision ausgeführt worden", zitiert der "Telegraph" eine militärische Quelle.
Während sich die Eltern der befreiten Britin Helen J. bei den Soldaten für ihren Einsatz bedankten, ließ David Cameron noch eine Warnung in Richtung Terroristen los. Wer britische Bürger als Geiseln nehme, habe "mit einem raschen und brutalen Ende zu rechnen", sagte der britische Premier.
Seit dem Sturz der Taliban 2001 werden in Afghanistan relativ häufig Ausländer entführt. 2010 wurden zehn ausländische Ärzte, darunter sechs Amerikaner, in Badachschan getötet. Für die Tat wurden Aufständische verantwortlich gemacht. Andere Entführungen werden Kriminellen zugeschrieben, die Lösegeld erpressen wollen. Im Fall der nun befreiten Geiseln war die afghanische Polizei zunächst von gewöhnlichen Kriminellen ausgegangen, die Geld verlangten. Die Nato-Truppe Isaf zählte die Täter jedoch zu den Taliban.
Die relativ friedliche Provinz Badachschan gilt als Armenhaus Afghanistans und zählt zum Verantwortungsgebiet der Bundeswehr im Norden des Landes. Sie hat die Verantwortung für die Provinz-Hauptstadt Feisabad und einige weitere Gebiete jedoch vor einigen Monaten an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben.
jus/Reuters
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