Wieczorek-Zeul in Namibia: Deutschland entschuldigt sich für Kolonialverbrechen

Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul war den Tränen nahe. In Namibia bat sie die Herero um Vergebung für die Verbrechen der deutschen Kolonialherren. Das war mehr, als die Nachfahren der Opfer des ersten deutschen Völkermordes erwartet hatten - und weniger als sie erhofft hatten.

Ministerin Wieczorek-Zeul:  "Kolonialer Wahn"
DPA

Ministerin Wieczorek-Zeul: "Kolonialer Wahn"

Okakarara - Zum 100. Jahrestag der Niederschlagung des Herero-Aufstands in Namibia hatte Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) bei Okakarara an den zentralen Gedenkfeiern teilgenommen. Bei der Gelegenheit entschuldigte sie sich für den von deutschen Soldaten begangenen "Völkermord". Es war das erste Mal, dass ein Mitglied einer deutschen Regierung sich offiziell für das Massaker an rund 70.000 Menschen entschuldigte. Bislang wurde der Terminus penibel vermieden, da befürchtet wurde, er könnte "entschädigungsrelevant" (Außenminister Joschka Fischer) sein. Der Oberhäuptling der Hereros erklärte nach der Entschuldigung nach Angaben des Bundesentwicklungsministeriums, er werde eine Entschädigungsklage gegen Deutschland fallen lassen. Ein AP-Reporter, der am Samstag die Gedenkfeier am Waterberg verfolgte, berichtete dagegen, die Hereros wollten einen Rückzug der Klage lediglich in Erwägung ziehen.

Die Grausamkeiten, die bei der Niederschlagung des Aufstands von Truppen des deutschen Kaiserreichs begangen wurden, würde man heute als Völkermord bezeichnen, sagte die Ministerin. Sie wies auf den "kolonialen Wahn" hin, der einst in deutschem Namen Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Vernichtung Tür und Tor geöffnet habe. "Alles, was ich gesagt habe, war eine Entschuldigung der deutschen Regierung." Nach diesen Worten spendeten die Zuschauer lautstark Beifall. "Das ist es, worauf wir sehr lange gewartet haben", sagte der namibische Minister für Rehabilitierung, Hifikepunye Pohamba.

Die Gedenkfeier fand am Waterberg statt, wo es vor 100 Jahren zur Entscheidungsschlacht zwischen den kaiserlichen Besatzungstruppen unter General Lothar von Trotha und den Volksgruppen Herero und Nama gekommen war. Während der Zeremonie spielten Hereros Szenen des Aufstands und der Unterdrückung ihres Volkes durch die deutschen Kolonialherren nach. General von Trotha hatte 1904 die vollständige Auslöschung des Stammes angeordnet.

Statt individuelle Entschädigungen zu leisten, wolle Berlin die Entwicklungszusammenarbeit mit Namibia fortsetzen, erklärte Wieczorek-Zeul. Deutschland unterstützt Namibia, die ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika, nach Angaben des Entwicklungsministeriums jährlich mit 11,5 Millionen Euro. Gemessen an der Bevölkerungszahl seien dies die höchsten Entwicklungsleistungen in ganz Afrika.

Nach der Gedenkfeier eröffnete Wieczorek-Zeul ein von Deutschland finanziertes Kulturzentrum, in dem Geschichte und Lebensweise der Hereros dargestellt werden. Am Sonntag traf sie zu Gesprächen über Maßnahmen gegen Aids mit der namibischen Gesundheitsministerin Libertina Amathila zusammen.

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