Wiederaufbau in Aceh Deutsche Helfer befürchten Rausschmiss

Drei Monate nach der Tsunami-Katastrophe will die indonesische Regierung den Zugang zur Krisenregion Aceh für zivile Helfer einschränken. Die deutschen Hilfsorganisationen reagieren empört und pochen auf ihre Verträge.


Überlebender in Banda Aceh: Bürokratische Hürde für Helfer
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Überlebender in Banda Aceh: Bürokratische Hürde für Helfer

Berlin - Wenn es um die jüngsten Nachrichten von der indonesischen Regierung geht, beginnt Rupert Neudeck zu schimpfen. Eine "Riesenverarschung" der deutschen Spender sei das, sagt der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, dessen neuer Verein "Grünhelme" in der vom Tsunami verwüsteten Aceh-Region Aufbauhilfe leistet.

Drei Monate nach der Katastrophe sorgen sich die Helfer in Aceh über die Zukunft ihrer Arbeit. Die indonesische Regierung wolle die Ausländer aus der Bürgerkriegsregion entfernen, befürchtet Neudeck. Vor der Flutwelle war die Provinz ein militärisches Sperrgebiet, Ausländern war der Zutritt verboten.

Bereits im Januar hatte die Regierung angekündigt, dass ausländische Soldaten nur bis Ende März in der Region geduldet würden. Nun trifft es anscheinend auch die zivilen Helfer. Laut einer Rundmail des Uno-Logistikzentrums an die Hilfsorganisationen sollen ab dem 26. März verschärfte Zugangsregeln für alle Ausländer gelten.

Die Verlautbarungen der indonesischen Regierung hierzu sind widersprüchlich. So kündigte der Minister für Volkswohlfahrt, Alwi Shihab, am vergangenen Montag vor Journalisten an, dass alle ausländischen Helfer die Provinz Aceh bis zum 26. März verlassen und in ihren Heimatländern neue Visa beantragen müssten. Nur Uno-Mitarbeiter und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aus den Geberländern sollen demnach neue Visa erhalten. Als Begründung führte der Minister laut "Jakarta Post" an, die Regierung wolle den Aufbauprozess bewerten und prüfen, welche Aufgaben man ohne ausländische Hilfe bewältigen könne.

Hingegen hatte Vizepräsident Jusuf Kalla vor kurzem noch einmal die alte Linie wiederholt, die Ausreisebestimmung gelte nur für ausländische Soldaten. "Ausländische Hilfsorganisationen sind willkommen zu bleiben", hatte er gegenüber der "Jakarta Post" betont. Die Bundeswehr hat bereits mit dem Abzug ihrer 380 Soldaten begonnen. Er soll bis Freitag abgeschlossen sein.

Die deutsche Botschaft in Jakarta kennt noch keine offizielle Weisung an die zivilen Helfer. "Das ist noch nicht entschieden", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Doch die deutschen Helfer vor Ort rechnen mit dem Ernstfall. "Sofern sich nichts Gravierendes ändert, bedeutet das für Aceh sehr eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten", meldete Help-Mitarbeiter Hans-Jürgen Höfel heute in einer Email aus Aceh an die Zentrale in Bonn. In einer inoffiziellen Besprechung habe der Leiter der örtlichen Militärverwaltung gesagt, dass "definitiv" alle Ausländer zum 26. März die Provinz zu verlassen hätten. Wie die Visa-Vergabe danach aussehe, sei unklar.

Neudeck kritisiert die Regelung, weil sie den Wiederaufbau behindere. Drei seiner Mitarbeiter in Aceh müssten nun nach Deutschland fliegen, um neue Visa zu beantragen. "Das wirft unsere Arbeit um mindestens eine Woche zurück", sagt Neudeck, "ganz abgesehen von den unnötigen Flugkosten". Die Grünhelme helfen beim Aufbau des Dorfes Pulau Kayu. Bisher haben sie 35 von 350 Häusern errichtet.

Lars Kahnert, Help-Projektkoordinator für Südostasien, zeigt ein gewisses Verständnis für die indonesische Regierung. "Im ersten Chaos sind massenhaft Hilfsorganisationen ins Land gekommen, jetzt wollen die natürlich wissen, wer was macht", sagt er. Bisher gilt für die Helfer, dass sie bei der Ankunft in Aceh ein Monatsvisum erhalten, das dann alle zwei Wochen verlängert werden muss.

Kahnert hat noch Hoffnung, seinen Verbindungsmann in Aceh behalten zu können. "Wir haben bindende Verträge mit der Regierung mit einer Laufzeit von zwölf Monaten", erklärt er. "Da können die uns doch nicht einfach rausschmeißen". Doch auch er sagt: "Es sieht ernst aus".

Bei der Welthungerhilfe sieht man die Lage hingegen gelassen. Man habe bereits eine Einigung mit der Lokalregierung in Aceh gefunden, sagt eine Sprecherin. So müssen die drei Mitarbeiter in Aceh nicht ausreisen, sondern bekommen jeweils ein Visum für zwei Monate, mit der Aussicht auf Verlängerung.

Es scheint also noch einen gewissen Spielraum bei der Auslegung der Regeln zu geben. Deshalb fordert Neudeck, dass die Bundesregierung, mit einer Hilfszusage von 500 Millionen Euro immerhin der größte Spender in der Region, ihren Einfluss geltend macht. Im Auswärtigen Amt heißt es dazu, die Botschaft stehe in engem Kontakt mit der indonesischen Regierung und den deutschen Helfern. Auf einem Koordinierungstreffen im Februar wurden Vertreter des Ministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) bereits auf das Visa-Problem angesprochen. Eine klare Antwort gab es nicht, erinnern sich Teilnehmer.



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