Wiederaufbau in Afghanistan Taliban torpedieren britisches Prestige-Projekt

Millionen Euro wurden in die Modernisierung des Kajaki-Staudamms investiert - alles umsonst? In der afghanischen Krisenregion Helmand droht eines der zentralen Aufbauprojekte des Landes zu scheitern, weil britischen Militärs der Materialtransport zu riskant ist: Er führt durch Taliban-Gebiet.

Kajaki-Staudamm in Helmand (Archivbild): Südafghanistan mit Strom versorgen
AP

Kajaki-Staudamm in Helmand (Archivbild): Südafghanistan mit Strom versorgen


London - Tausenden Menschen sollte der Staudamm in der Provinz Helmand einen festen Job bringen - und Millionen Menschen sicheren Strom aus der Leitung. "Ohne einen Schuss abzufeuern" werde der Kajaki-Damm repariert, verkündete 2006 der damalige britische Verteidigungsminister John Reid. Eine moderne Energie- und Wasserversorgung für bis zu 2 Millionen Afghanen war das Ziel. Die Briten scheuten keine Kosten und kein Wagnis.

Doch nun droht das Projekt endgültig zu scheitern. Die britische Tageszeitung "The Guardian" berichtet, eine riesige Turbine könne nicht in Betrieb genommen werden - weil Zement nicht geliefert werden kann. Insgesamt brauche es 900 Tonnen des Baumaterials, und der Transport über die Straße zum Staudamm sei zu riskant.

Die Nato kann dem Bericht zufolge die rund 48 Kilometer lange Strecke nicht sichern. Denn die Taliban haben Helmand innerhalb von wenigen Jahren zu einer hochgefährlichen Region gemacht.

Mehrmals haben die Militärs versucht, die Region zu sichern, unter anderem in der groß angelegten "Operation Achilles" 2007 (mehr auf Wikipedia). Sie sollte auch den Ausbau des Damms ermöglichen.

Schon der Transport der Turbine im September 2008 aus Kandahar bedurfte eines enormen Aufwands. Nur unter großen Sicherheitsvorkehrungen konnten mehrere hundert Tonnen Material in das isolierte Gebiet im Norden Helmands geliefert werden. Für den fünftägigen Konvoi wurden 2000 britische Soldaten zusammengezogen.

In der Öffentlichkeit galt die Operation zunächst als großer Erfolg. "Eine detaillierte Planung ermöglichte den Transport einer Turbine, bei der viele dachten, dass er nicht durchführbar wäre", schrieb der damalige Chef des Generalstabs und der britischen Armee, Richard Dannatt, am 19. Januar 2009. "Die positiven Folgen werden noch viele Jahre zu spüren sein."

Turbinen-Transport gefährdete andere Orte in Afghanistan

Doch der "Guardian" berichtet, dass hochrangige britische Offiziere in vertraulichen Gesprächen auf die militärischen Risiken hingewiesen hätten. Weil die Soldaten für den Einsatz von anderen Orten abgezogen wurden, konnten die Taliban in Problemgebieten der Provinz wichtige Erfolge erringen. Als Beispiel nannten die Militärs demnach Nad Ali, das später von heftigen Kämpfen zwischen Briten und Aufständischen erschüttert wurde.

Innerhalb weniger Monate nach dem Turbinen-Transport im Herbst 2008 verschlechterte sich dem Bericht zufolge die Situation nahe der britischen Basis in der Provinzhauptstadt Lashkar Gah dramatisch. Die Truppen mussten aus der Luft versorgt werden, und die Taliban belagerten den Staudamm weiter.

Der Kajaki-Damm wurde in den fünfziger Jahren gebaut (mehr auf Wikipedia...). US-Ingenieure installierten später zwei Turbinen, die seit Oktober dieses Jahres wieder laufen. Eine dritte Vorrichtung wurde gebaut - sie blieb aber leer. Hier sollte die neue Turbine eingesetzt werden. Von den geplant 51 Megawatt Stromproduktion wird deshalb nur ein Bruchteil erreicht.

"Straße müsste sechs Monate gesichert werden"

15 Monate nach dem Transport fehlen noch immer große Mengen an Zement, die zur Installation der Turbine. benötigt werden. Die staatliche US-Hilfsorganisation USAID hat bislang umgerechnet 32 Millionen Euro in das Projekt investiert, durch das ein großer Teil Südafghanistans mit Elektrizität versorgt werden sollte. USAID sucht nun offenbar nach anderen Investitionsmöglichkeiten.

"Solange wir keine sichere Straße haben, können wir die Installation der Turbine nicht fortführen", zitiert der "Guardian" John Smith-Sreen, der die Energie- und Wasserprojekte der Organisation von Kabul aus leitet. Man brauche einen nachhaltigen Einsatz zur Sicherung der Route. Etwa ein halbes Jahr lang müsse die Straße zum Kajaki-Damm gesichert werden.

Ein Sprecher der Task Force Helmand sagte der Zeitung, es gebe keine Pläne, die momentane Sicherheitslage um den Kajaki-Damm zu verändern. Britische Soldaten schützen schon jetzt eine Sicherheitszone um das Kraftwerk. Aufständische hätten bisher nicht nah an den Staudamm und die Turbinenhalle herankommen können. Doch in der umliegenden Gegend gebe es fast täglich heftige Kämpfe.

kgp



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Seite 1
Rübezahl 02.12.2009
1.
Zitat von sysop30.000 zusätzliche Soldaten, mehr Hilfe von den Verbündeten und ein schrittweiser Abzug ab 2011 - US-Präsident Obama hat seine Strategie für Afghanistan vorgelegt. Kann der Plan die Wende bringen?
Nein ! Zum einen wird der Abzug wie bei den Engländern um 1843 blutig verlaufen, zum anderen wird es nicht zurück nach Amerika gehen sondern weiter nach Pakistan.
Bettelmönch, 02.12.2009
2. Kann der Plan die Wende bringen?
Zitat von sysop30.000 zusätzliche Soldaten, mehr Hilfe von den Verbündeten und ein schrittweiser Abzug ab 2011 - US-Präsident Obama hat seine Strategie für Afghanistan vorgelegt. Kann der Plan die Wende bringen?
Der Plan erhält zwar viel Kritik, aber ich denke schon. Wenn die zusätzlichen Truppen da jetzt hingehen, wissen sie, dass sie eineinhalb Jahre Zeit haben, um die Sache zu erledigen. Das wirkt anspornend und motivierend. Daneben wirkt die Truppenaufstockung motivierend. Also eine doppelte Motivierung. Ich tue blöde Dinge besser, wenn ich weiß, wann ich damit fertig bin.
Meckermann 02.12.2009
3.
In Afganistan geht es im Grunde nur noch darum zu retten, was zu retten ist. Hätte man diesen Krieg von Anfang an mit einem klaren Konzept und den notwendigen Mitteln (zum Beispiel denen, die dann für den Irak drauf gingen) geführt, dann sähe es dort heute vielleicht ganz anders aus. So war es aber nunmal nicht und nun muss man aus dem vorhandenen das beste machen. Ich denke Obama geht hier den richtigen Weg: noch einmal eine richtige Kraftanstrengung aber mit Deadline bis zu der Ergebnisse vorliegen müssen.
Stefanie Bach, 02.12.2009
4.
Zitat von BettelmönchDer Plan erhält zwar viel Kritik, aber ich denke schon. Wenn die zusätzlichen Truppen da jetzt hingehen, wissen sie, dass sie eineinhalb Jahre Zeit haben, um die Sache zu erledigen. Das wirkt anspornend und motivierend. Daneben wirkt die Truppenaufstockung motivierend. Also eine doppelte Motivierung. Ich tue blöde Dinge besser, wenn ich weiß, wann ich damit fertig bin.
Kann man ohne Sprache denken? (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/) Wohl nicht, deshalb ist es gut, dass Obama sehr klar gesagt hat, dass dieser Krieg im vitalen amerikanischen Interesse ist - letzlich dient er der Stabilisierung der Atommacht Pakistan. Auch Deutschland sollte sich zügig von unrealistischen Begründungen seiner Kriegsbeteiligung verabschieden. Entweder wir stehen dazu, dass wir dort Krieg führen, weil wir den Amerikanern zur Bündnistreue verpflichtet sind, oder wir lassen es ganz.
leser75 02.12.2009
5.
Afghanistan ist mit militärischen Mitteln nicht zu befrieden - deshalb wird auch diese Ankündigung eines amerikanischen Präsidenten wie eine Seifenblase zerplatzen - es ist das dritte Engagement mit vielen Gefallenen in den eigenen Reihen, das scheitert nach Vietnam und dem Irak. Europa muß lernen, sich eine eigene Meinung und Strategie im Vorfeld solcher "Abenteuern" zu bilden, wir sind kein Anhängsel.
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