Wiederaufbau Vorzeigeprojekte im Irak halten keiner Prüfung stand

Unsummen haben die USA in den Aufbau des Irak gesteckt. Stichproben förderten nun viel Murks zu Tage. Gewaltige Summen wurden offenbar in den Sand gesetzt. Nagelneue Gebäude sind marode, teure Technik bleibt ungenutzt.


Der Bericht einer US-Inspektorengruppe spricht eine deutliche Sprache – auch wenn das Team nur einige wenige Stichproben aus dem gigantischen Gesamtprojekt untersucht hat, das den Irak wieder zu einem funktionierenden Staatsgebilde machen soll. Einem Bericht der "New York Times" zufolge fanden die Inspektoren aus der Behörde von Wiederaufbau-Koordinator Stuart W. Bowen desolate Zustände vor: Von acht untersuchten Objekten konnten sieben nicht mehr so betrieben werden wie vorgesehen – wegen Mängeln in Rohrleitungen und Elektroinstallationen, mangelhafter Wartung und schlichtem Diebstahl von Materialien. Teure Spezialgeräte, die eigens angeschafft worden waren, wurden nicht benutzt.

Wiederaufbau im Irak: Kaputte Generatoren, ungenutzte Technik
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Wiederaufbau im Irak: Kaputte Generatoren, ungenutzte Technik

Am Flughafen von Bagdad etwa habe man für 11,8 Millionen US-Dollar Generatoren installiert – Generatoren im Wert von 8,6 Millionen funktionierten aber bereits nicht mehr. Auch in Militärbaracken, die in Bagdad für irakische Spezialtruppen errichtet worden waren, funktionierten vier Generatoren für je 50.000 Dollar nicht - die Gebäude wurden erst im September 2005 fertiggestellt.

Der Bericht wirft nur ein Schlaglicht auf die Wiederaufbaubemühungen – kommt aber zu einem Zeitpunkt, da Militär und Regierung sich mühen, die öffentliche Aufmerksamkeit von der kriegerischen Katastrophe im Irak auf erfolgreiche Aufbauprojekte zu lenken.

Teure Technik ist weggeschlossen

Der "New York Times" zufolge waren die acht untersuchten Projekte von der Regierung als Erfolg bezeichnet worden – in manchen Fällen erst ein halbes Jahr vor der Inspektion. Nun aber funktionieren sie nicht mehr richtig. 150 Millionen Dollar haben sie insgesamt verschlungen – nur ein kleiner Bruchteil der insgesamt 30 Milliarden, die für den Aufbau veranschlagt sind. Die Inspektoren hatten jedoch versucht, eine möglichst breite Palette von Orten und Einrichtungen zu überprüfen.

In einer Geburtsklinik in der im Norden gelegenen Stadt Erbil etwa fanden die Inspektoren zwar die teure, eigens angeschaffte Verbrennungsanlage für medizinische Abfälle – sie lag jedoch hinter einer mit einem Vorhängeschloss gesicherten Tür. Den Schlüssel konnten die Angestellten nicht finden, die Anlage war unbenutzt. Deshalb waren die Abflussrohre mit leeren Medikamentenbehältern, benutzten Einwegspritzen und Verbandsmaterial verstopft – die auch eine Gefahr für die Wasserversorgung darstellten. Ein eigens eingebautes System zur Trinkwasseraufbereitung war ebenfalls nicht in Betrieb.

Verstopfte Abwassersysteme, defekte Installationen

Die Befunde weckten ernste Zweifel im Bezug auf den Wiederaufbau, zitiert die "New York Times" beteiligte Offizielle. Stuart W. Bowen, US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau, sagte dem Blatt: "Diese ersten Inspektionen zeigen, dass die Bedenken, die wir und andere hinsichtlich der Maßnamen der Iraker zur Aufrechterhaltung unserer Investitionen hegen, durchaus begründet sind." Morgen soll ein detaillierter Bericht der Inspektoren vorgestellt werden.

Wer genau an der desolaten Lage der Bauprojekte schuld ist, bleibt unklar. Das Wiederaufbauprogramm ist aber in der Vergangenheit bereits dafür kritisiert worden, dass nicht genügend Geld in Ersatzteile, Ausbildung und widerstandsfähigere Bausubstanz investiert werde. Ein Beispiel für diese Vorwürfe findet sich in der Klinik in Erbil: Ein System zur Sauerstoffversorgung, das installiert worden war, wurde nicht genutzt – die Angestellten verließen sich stattdessen auf die ihnen bekannten Sauerstoffflaschen, die überall im Gebäude aufbewahrt wurden. Das Personal berichtete den Inspektoren, man traue der neuen Ausrüstung nicht.

"Was Sie nicht sehen, sind die Erfolge"

Viele der festgestellten Probleme sind augenscheinlich auf die Wartungsmüdigkeit der Iraker selbst zurückzuführen: Die Inspektoren fanden verstopfte Abwassersysteme, Elektroinstallationen, von denen Teile fehlten, eingestürzte Fußböden und andere Mängel. Sabotage spielte dagegen offenbar kaum eine Rolle.

Die "New York Times" zitiert einen Experten der erläutert, dass man bei großen Wiederaufbauaktionen frühzeitig die Menschen vor Ort einbeziehen müsse, sonst würden die Investitionen als kolonialistisches Handeln betrachtet und abgelehnt.

Ein US-Brigadegeneral hatte erst im vergangenen Monat gefordert, man solle doch endlich einmal darauf schauen, was schon alles erreicht worden sei im Irak: "Was Sie nicht sehen", sagte General Michael Walsh zu Journalisten, "sind die Erfolge im Wiederaufbau-Programm, wie der Wiederaufbau das Alltagsleben der Menschen im Irak verändert".

cis



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