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Wien: Nazi-Jäger Wiesenthal ist tot

Der Holocaust-Überlebende und Nazi-Jäger Simon Wiesenthal ist tot. Laut einer Mitteilung seines von ihm gegründeten Zentrums in Los Angeles sei er im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben.

Simon Wiesenthal (2003): Im Alter von 96 Jahren in Wien verstorben
RONALD ZAK / AP

Simon Wiesenthal (2003): Im Alter von 96 Jahren in Wien verstorben

Los Angeles - Wiesenthal sei in seinem Haus friedlich entschlafen, teilte der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Marvin Hier, in Los Angeles mit. Er sei "das Gewissen des Holocaust" gewesen, hieß es auf der Internet-Seite des Instituts. "Als der Holocaust 1945 zu Ende war und die ganze Welt zum Vergessen nach Hause gegangen ist, blieb er alleine zum Erinnern zurück."

Wiesenthal gründete nach dem Krieg ein Dokumentationszentrum zum Massenmord an den Juden und war an der Aufspürung von mehreren NS-Verbrechern wie Adolf Eichmann beteiligt. Er wurde am 31. Dezember 1908 in Galizien geboren. Laut der Personaldatenbank "Munzinger" kamen seine gesamte Familie und die seiner Frau Cyla, insgesamt 89 Personen, durch die Nationalsozialisten um.

Ab 1932 arbeitete Wiesenthal in Lemberg in einem Architekturbüro. Als die deutschen Truppen 1941 die Sowjetunion angriffen, wurde er von ukrainischen Milizionären zum ersten Mal verhaftet. Seine Kontakte zur polnischen Untergrundbewegung ermöglichten seiner Frau die Flucht nach Warschau, wo sie den Zweiten Weltkrieg überlebte. 1943 konnte Wiesenthal aus einem Zwangsarbeitslager fliehen, wurde aber wenige Monate später wieder aufgegriffen und unternahm einen Selbstmordversuch. Sein anschließender Leidensweg durch insgesamt zwölf Konzentrationslager endete im Konzentrationslager Mauthausen in Oberösterreich. Am 5. Mai 1945 befreiten die Amerikaner die KZ-Häftlinge. Einige Monate später fand er seine Frau wieder.

"Recht, nicht Rache"

In der ersten Zeit nach der Befreiung war Wiesenthal im Auftrag der Amerikaner mit der Suche nach Naziverbrechern befasst. 1947 gründete er mit 30 anderen Verschleppten in Linz ein Dokumentationszentrum zur Sammlung von Unterlagen über das Schicksal von Juden und deren Verfolger. Die politische Entwicklung während der Zeit des Kalten Kriegs minderte jedoch die Effektivität des Dokumentationszentrums. Er resignierte und übergab seine Unterlagen dem Jad-Vashem-Institut in Israel. Er arbeitete dann in Österreich in der Weiterbildung für Flüchtlinge, die ohne Beruf keine Chance auf Auswanderung hatten.

Die spektakuläre Ergreifung und Verurteilung von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann Anfang der Sechziger Jahre nahm Wiesenthal zum Anlass, ein neues "Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes" in Wien unter seiner Leitung zu errichten. Rund 1100 Nazi-Täter wurden nach eigener Einschätzung von ihm enttarnt und vor ihre Richter gebracht, 6000 Fälle insgesamt auf seine Hinweise hin untersucht. Zu den wichtigsten zählte Wiesenthal neben Eichmann und dem SS-Führer Rajakowitsch, dem Vertreter Eichmanns in den Niederlanden, den Kommandanten des Konzentrationslagers Treblinka, Franz Stangl, der im März 1967 in São Paulo verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Im April 2003 zog er die Bilanz seiner jahrzehntelangen Fahndung nach NS-Verbrechern und meinte rückblickend, "Recht, nicht Rache" weitgehend verwirklicht zu haben. Die aktive Suche überließ er ganz den nach ihm benannten Zentren in Wien, Los Angeles, Paris und Jerusalem, wo schon vor 25 Jahren Efraim Zuroff in seine Fußstapfen getreten war.

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