WikiLeaks-Enthüllung Die neue Dimension des Krieges

Darf man geheime Dokumente des Pentagon veröffentlichen? Überwiegt das staatliche Geheimhaltungs- oder das öffentliche Informationsinteresse? Der SPIEGEL hat sich entschieden, die Militärberichte aus dem Irak eigenständig auszuwerten und über die Ergebnisse zu berichten. Denn sie zeigen ein hautnahes Bild des Krieges und können die Sicht auf solche Feldzüge ändern.

Von Hans Hoyng, und


Wissen wir nun, da WikiLeaks Geheimprotokolle des US-Militärs zum Irak-Krieg veröffentlichen will, endlich alles über diesen Feldzug?

Bringen solche Versuche, den Krieg in seinen unendlich vielen Einzelereignissen und Zahlen erfassbar zu machen, überhaupt noch Erkenntnisgewinn?

Lohnt es sich, der Flut von Büchern, Berichten und Dokumentationen noch weitere 391.832 Dokumente aus den Jahren 2004 bis 2009 hinzuzufügen?

Immerhin - zwei Institutionen, die einander spinnefeind sind, scheinen das zu glauben. Die US-Streitkräfte und die Internetplattform WikiLeaks haben eines gemeinsam: Sie betrachten die Dokumente als Innenansicht des Irak-Kriegs, als die bislang präziseste, detaillierteste und umfangreichste Annäherung an eine blutige Wirklichkeit.

Neu an diesem Logbuch des Feldzugs ist vor allem die Perspektive. Die US-Soldaten selbst sind es, die die Dramen des Krieges schildern. Dramen, die sich zum Beispiel immer wieder an den Kontrollpunkten im Irak ereignen. Die Nervosität der Soldaten ist übergroß, Hunderte tödlicher Zwischenfälle sind zu beklagen. 34.000 Mal ist in den Reports von getöteten Zivilisten die Rede, die Protokollanten des Militärs berichten massenhaft über den Tod von Unschuldigen - ob sie nun US-Angriffen zum Opfer fallen oder bei Angriffen Aufständischer sterben.

Neu ist auch, dass die US-Militärs selbst dokumentiert haben, wie desaströs das Unternehmen "Irakische Freiheit" wirklich verlaufen ist, mit welcher Brutalität sich die von Diktator Saddam Hussein befreiten Iraker gegeneinander gewendet haben. Wer die Nachrichten in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wird darüber zwar nicht überrascht sein - doch die Irak-Dokumente schildern eben nicht nur einzelne Vorfälle, sie zeichnen ein Bild der Realität aus insgesamt 391.832 Teilen, das die Grundlage für die künftige Geschichtsschreibung dieses Krieges sein wird.

Der SPIEGEL, die Tageszeitungen "Guardian" aus Großbritannien und "New York Times" aus den USA sowie weitere Medienunternehmen haben die Dokumente vorab zur unabhängigen Auswertung und Prüfung zur Verfügung gestellt bekommen. Wie schon bei den Zehntausenden Afghanistan-Protokollen, die Ende Juli von WikiLeaks veröffentlicht wurden, gibt es nach menschlichem Ermessen keinen Zweifel daran, dass das Material authentisch ist. Es sind Berichte aus erster Hand, die auch die Unübersichtlichkeit des Augenblicks auf dem Schlachtfeld widerspiegeln, den berüchtigten "Nebel des Kriegs".

US-Regierung fordert WikiLeaks zum Löschen der Dokumente auf

Seit der Publikation der Afghanistan-Protokolle tobt ein Streit über die Frage, ob die Veröffentlichung solchen Materials zulässig ist - oder ob dies das Leben von Soldaten gefährdet, unter anderem weil deren Routine im Einsatz beschrieben wird, was sie für Feinde berechenbarer macht. Knapp 50.000 US-Soldaten sind schließlich immer noch im Irak stationiert. Es geht aber auch um das Leben von Informanten, auf deren Aussagen viele Berichte zurückgehen und die darin zitiert werden, und von einfachen Irakern, deren Namen in den Dokumenten auftauchen.

Der Vorwurf, WikiLeaks handele unverantwortlich, ist einer der Hauptkritikpunkte der US-Regierung. "Unschuldige werden deswegen sterben", sagte Ex-CIA-Chef Michael Hayden schon über die Veröffentlichung der Afghanistan-Protokolle. Mike Mullen, Vorsitzender der Vereinigten US-Stabschefs, warf WikiLeaks-Gründer Julian Assange seinerzeit gar vor, an dessen Händen klebe das Blut afghanischer Familien. US-Verteidigungsminister Robert Gates hat die Vorwürfe zwischenzeitlich jedoch relativiert. An den demokratischen Senator Carl Levin, den Vorsitzenden des Streitkräfteausschusses, schrieb er: "Die Durchsicht hat bislang ergeben, dass durch die Veröffentlichung keine geheimdienstlichen Quellen und Methoden aufgedeckt wurden." Man nehme aber die Drohung der Taliban ernst, dass Afghanen bestraft würden, die mit den USA kooperieren. Der Brief datiert auf den 16. August, wurde aber erst kürzlich bekannt.

Nun, nach der Enthüllung der Irak-Protokolle, hört sich das wieder etwas anders an. Man missbillige, dass WikiLeaks Personen zur illegalen Weitergabe von Geheimdokumenten gebracht habe, die nun "leichtfertig mit der ganzen Welt" geteilt würden - "einschließlich unseren Feinden", teilte die US-Regierung dem SPIEGEL mit (kompletter Wortlaut der Reaktion siehe Kasten). WikiLeaks gefährde das Leben von Soldaten, Alliierten und Irakern. Schließlich hätten Terroristen schon die Afghanistan-Protokolle auf heikle Informationen untersucht, "und die Irak-Dokumente sind viermal so umfangreich". Die Regierung verlangt wie schon bei Afghanistan, WikiLeaks müsse die Irak-Protokolle sofort von seiner Web-Seite entfernen.

US-Reaktion auf die Irak-Protokolle
Klicken Sie auf die Überschriften, um den Wortlaut zu lesen...
Zur geplanten Veröffentlichung durch Wikileaks
"Wir missbilligen, dass es WikiLeaks gelungen ist, Personen dazu zu bringen, das Gesetz zu brechen und Dokumente herauszugeben, die der Geheimhaltung unterliegen.

Wir bedauern ebenso, dass WikiLeaks diese Geheiminformationen leichtfertig mit der ganzen Welt teilt, einschließlich unseren Feinden. Wir wissen, dass Terrororganisationen die früher bekannt gewordenen Afghanistan-Dokumente auf Informationen hin untersucht haben, die sich gegen uns verwenden ließen, und die Irak-Dokumente sind viermal so umfangreich. Durch die Veröffentlichung dieser heiklen Informationen gefährdet WikiLeaks abermals das Leben unserer Soldaten, ihrer Koalitionspartner sowie das von Irakern und Afghanen, die mit uns zusammenarbeiten.

Die einzig verantwortungsbewusste Handlungsweise für WikiLeaks wäre es, das gestohlene Material sofort zurückzugeben und es so schnell wie möglich von ihren Web-Seiten zu löschen."
Zu den Erkenntnisse aus den Protokollen
"Wir verurteilen entschieden die nicht autorisierte Veröffentlichung von Informationen, die der Geheimhaltung unterliegen. Wir werden die bekannt gewordenen Dokumente nicht kommentieren, sondern lediglich darauf hinweisen, dass es sich bei den "Berichten über bedeutsame Ereignisse" um die ersten, noch unbearbeiteten Beobachtungen von Einheiten an der Front handelt.

Es sind im Prinzip Momentaufnahmen, die mal tragisch und mal belanglos sein können, aber kein Gesamtbild ergeben. Darüber hinaus ist die Zeitspanne, aus der diese Berichte stammen, in der Presse, in Büchern und Filmen ohnehin sehr gründlich beschrieben worden, so dass diese Feldberichte kein neues Verständnis der Geschehnisse im Irak liefern.

Dennoch werden hier Geheiminformationen veröffentlicht, die unsere Truppen in der Zukunft verwundbarer für Angriffe machen könnten. Genau wie bei den bekannt gewordenen Afghanistan-Dokumenten sind wir sicher, dass unsere Feinde diese Informationen auf Hinweise untersuchen werden, wie wir verfahren, mit unseren Quellen umgehen, in Gefechtssituationen reagieren und wie es um die Wirksamkeit unserer Ausrüstung bestellt ist. Diese Verletzung von Geheimhaltungsbestimmungen könnte zum Tod unserer Soldaten führen und derer, die gemeinsam mit ihnen kämpfen."
Zum Inhalt der Berichte: kein Kommentar von der US-Regierung. Man weise nur "darauf hin, dass es sich bei den 'Berichten über bedeutsame Ereignisse' um die ersten, noch unbearbeiteten Beobachtungen von Einheiten an der Front handelt." Die Momentaufnahmen seien "mal tragisch und mal belanglos", ergäben aber weder ein Gesamtbild noch ein neues Verständnis des Krieges - denn vieles sei in Medien, Büchern und Filmen schon gründlich beschrieben worden.

Die Diskussion in den USA dürfte durch die Enthüllung dennoch befeuert werden - und auch die Debatte über WikiLeaks. Die Rechte in den USA ruft seit Monaten nach Rache für den "Hochverrat" durch die Enthüllungsplattform. Kolumnist Marc Thiessen, Mitglied des konservativen Think Tank American Enterprise Institute, nannte WikiLeaks in der "Washington Post" schlicht ein "kriminelles Unternehmen". Dessen Geschäftszweck sei es, an Geheiminformationen zu Fragen der nationalen Sicherheit zu gelangen und sie so weit wie möglich zu verbreiten. Assange müsse deswegen festgenommen und verurteilt werden. Sollten die Staaten, in denen der Australier sich aufhält, ihn nicht ausliefern, müssten eben FBI oder CIA die Festnahme selbst durchführen.

Die US-Regierung hat verbündete Nationen, die ebenfalls Soldaten in Afghanistan stationiert haben, gebeten, Anklagen gegen Assange vorzubereiten. Dieser indes fühlt sich außerhalb der USA einstweilen sicher und ließ sich zuletzt in Schweden wie ein Popstar feiern - bevor zwei Schwedinnen ihn der sexuellen Belästigung und der Vergewaltigung bezichtigten.

Interne Verwerfungen bei WikiLeaks

Die Ermittlungen in der Sache haben ihn und WikiLeaks unter Druck gebracht, auch wenn er alle Vorwürfe zurückweist. Kürzlich lehnte auch noch die schwedische Einwanderungsbehörde Assanges Antrag auf eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ab. Damit kann er sich in dem Land nicht als Herausgeber von WikiLeaks anmelden - was er tun wollte, um vom starken schwedischen Informantenschutz zu profitieren.

Zu diesen Problemen kommen inzwischen interne Verwerfungen bei WikiLeaks. Mehrere Mitarbeiter haben mit dem Gründer gebrochen, die Organisation verlassen und schwere Vorwürfe gegen Assange erhoben - allen voran der einstige deutsche Sprecher Daniel Domscheit-Berg (mehr dazu...).

Gerade erst rief das Pentagon die Medien auf, nicht mit WikiLeaks zu kooperieren. Gemeint war, auf eine Veröffentlichung des Irak-Materials zu verzichten. Das mag für eine Regierung eine nachvollziehbare Bitte sein - für Medien, die sich einer unabhängigen Geschichtsschreibung und einer Kontrolle von Regierungen verpflichtet fühlen, kann dies nicht die Maxime des Handelns sein. Die Dokumente sind eine unverzichtbare Quelle für eine unabhängige Bewertung dieses Krieges.

Ein hautnahes Bild des Krieges

Allerdings wäre eine unkritische Veröffentlichung der Dokumente ohne inhaltliche Überprüfung fahrlässig. Wie beim Afghanistan-Material hat der SPIEGEL bei den Irak-Dokumenten alles dafür getan, dass Menschenleben nicht gefährdet werden. Die Namen von Informanten der US-Streitkräfte und ihrer Alliierten wurden entfernt und Orte unkenntlich gemacht, die eventuell Racheaktionen nach einer Veröffentlichung befürchten müssen.

Die Dokumente haben - wie so oft bei Rohtexten aus Originalquellen - die Vorzüge des Authentischen und die Nachteile des Unvollständigen. Schlüsselereignisse des Irak-Kriegs werden nicht erwähnt und politische Hintergründe nicht erörtert. Über die Erstürmung der Sunniten-Hochburg Falludscha findet sich nichts, auch nicht über die Tötung der Zivilisten in Haditha und über die jahrelange Jagd auf den inzwischen getöteten irakischen Qaida-Chef Abu Mussab al-Sarkawi. Dies kann daran liegen, dass nur Dokumente bis zur Sicherheitsstufe "geheim" enthalten sind, nicht aber als "streng geheim" klassifizierte Papiere (mehr zu den Schwächen des Materials...). Das Material enthält auch keine substantiellen Erkenntnisse über den Abu-Ghuraib-Skandal. Gefangenenmisshandlungen durch US-Soldaten tauchen in dem Material erst ein Jahr nach Abu Ghuraib auf; sie werden nach militärischen Regeln geahndet.

Und doch gilt für das Irak-Material, was schon für die Afghanistan-Dokumente galt: Sie liefern ein hautnahes Bild des Krieges aus Sicht unmittelbar Beteiligter. Sie sind damit journalistisches Rohmaterial im besten Sinn.

Es ist geeignet, die Sicht auf diesen Krieg zu verändern.



insgesamt 1528 Beiträge
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Seite 1
Dr.Strangelove, 22.10.2010
1. Krieg
Krieg und Vernunft passen nicht sonderlich gut zusammen. Es versucht immer eine Seite ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Partei ergreifen, ist da nichts weiter als Partei für die Schlächterei ergreifen.
Antje Technau, 22.10.2010
2. nein
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
nein. Dieser Krieg war damals ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der auf einer Lüge basierte. Auf der Lüge, Saddam Hussein hätte Massenvernichtungswaffen, unter anderem Atomwaffen, besessen und er hätte "mit Terroristen" unter einer Decke gesteckt. Wie schon vor dem Krieg jeder halbwegs gebildete und informierte Mensch wusste, hatte Saddam Hussein weder Atomwaffen noch sonstige nennenswerte Massenvernichtungswaffen noch hatte er je mit alQaeda etwas zu tun. Und daran hat auch der Showprozess und die Hinrichtung von Saddam Hussein nichts geändert. Auch, dass es im Irak nun eine "Demokratie" gibt, die den irakischen Frauen ihre Menschenrechte genommen hat und sie durch Scharia-Recht ersetzt hat, rechtfertigt diesen Krieg, seine Toten und die Folteropfer unter den Irakern nicht. Wo kämen wir da hin, wenn man - nur weil es heute mit dem Irak *vielleicht* wieder aufwärts geht, falls den Irakern ihre Bodenschätze nicht von US-Firmen gestohlen werden - diese "Erfolge" als Argument für völkerrechtswidrige Angriffskriege gelten lassen wollte? Da könnte man doch genauso gut die Saudis von ihrem Königshaus "befreien", damit "unser Öl" endlich in die richtigen Hände gerät...//Ironie off
derKanoniker 22.10.2010
3. Natürlich nicht
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Natürlich nicht. Und bitte mal daran erinnern: Stoiber und Merkel waren für diesen Krieg.
ANDIEFUZZICH 22.10.2010
4. Destabilisierung
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Absolut nicht.
roflem 22.10.2010
5. .
Der Krieg war nur wegen Öl geführt worden. Dafür zu töten war bestimmt nicht gerechtfertigt. Wenn das Öl mal alle ist und Kriege wegen Wasser geführt werden wären sie genauso ungerechtfertigt. Aber wir werden es nie verhindern können.
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