WikiLeaks-Enthüllungen: Codename Projekt 8
2. Teil: Aufregung in Washington
Der letzte Freitag im November ist in Washington normalerweise ein ruhiger Tag. Es ist der Tag nach Thanksgiving, Amerikas wohl wichtigstem Feiertag, und viele Amerikaner genießen ein verlängertes Wochenende. Doch 2010 ist es anders, zumindest für viele Regierungsbeamte. Die Diplomatie brummt, im State Department arbeitet ein informeller Krisenstab. Hillary Clinton, die amerikanische Außenministerin, telefoniert mit ihren wichtigsten Amtskollegen. Sie muss viel erklären.
Das State Department weiß seit ein paar Tagen, dass der nächste Schlag von WikiLeaks bevorsteht. Diesmal ist nicht das Militär betroffen, sondern das amerikanische Außenministerium: Es geht um 251.287 Depeschen der Diplomaten. Ein derartiges Leck hat es in der Geschichte der Diplomatie noch nicht gegeben. Das Auftauchen der geheimen Drahtberichte ist ein Desaster, das einen Flurschaden globalen Ausmaßes anrichten wird. Nie zuvor ist die Diplomatie eines Landes derart vorgeführt worden.
Hillary Clinton sieht blass aus in jenen Tagen, ihre Mimik ist wie festgefroren, sie hat tiefe Augenringe und schaut ernst in die Kameras. Sie ist bemüht, Haltung zu bewahren. Clintons Leute bereiten nicht nur die Politiker verschiedener Länder auf das vor, was sie bald über sich in der Zeitung lesen werden, sie drängen auch die Medien, die die Depeschen veröffentlichen wollen, zu einer möglichst restriktiven Linie. Die "New York Times" verhandelt mit dem Weißen Haus, es gibt Treffen und Telefonate mit dem "Guardian", "Le Monde", "El País" und dem SPIEGEL. Die US-Regierung hat eine bemerkenswerte Armada aufgeboten, die auf die Journalisten einwirken soll. Sie besteht neben Clintons Sprecher Philip Crowley und ihrer Stabschefin Cheryl Mills auch aus Vertretern der CIA, des Pentagon und des Büros von Geheimdienstkoordinator James Clapper. Es ist die versammelte sicherheitspolitische Kompetenz der mächtigsten Nation der Welt.
Botschafter Murphy ist sauer
Die amerikanische Regierung hat eine Weile gebraucht, um eine politische Linie zu finden. Am Anfang, knapp eine Woche vor der anstehenden Publikation, bitten Clintons Diplomaten die beteiligten Medien um drei Dinge. Die Namen von Informanten der US-Regierung sollten geschützt werden, wenn durch eine Veröffentlichung deren Leib und Leben in Gefahr sei. Das ist eine Haltung, die alle fünf beteiligten Redaktionen ohnehin einnehmen. Zweitens ersuche man bei sicherheitsrelevanten Kabeln um Zurückhaltung. Und drittens sei der Bereich der Terrorismusabwehr außergewöhnlich sensibel. Ansonsten wolle man den Medien keinen Inhalt abverhandeln. Der offizielle Zorn der US-Regierung gilt dem mutmaßlichen Informanten Bradley Manning und vor allem WikiLeaks. Mit den beteiligten Medien sucht die amerikanische Regierung keine Auseinandersetzung.
So argumentiert auch Philip Murphy, der amerikanische Botschafter in Berlin, als wir ihn in der Botschaft zu einem Gespräch treffen. Murphy ist an Thanksgiving aus seiner Residenz in Dahlem zur Botschaft am Pariser Platz gefahren. Daheim warten seine Frau Tammy und die vier Kinder mit einem Truthahn auf ihn. Murphy, der einstige Investmentbanker und Spendensammler von Obama, trägt an diesem Tag keinen Anzug, sondern eine Kombination aus Jackett und einer legeren Hose sowie leichte Slipper. Neben allen außenpolitischen Turbulenzen, die Julian Assange angerichtet hat, hat er dem Botschafter und seinen Kollegen in Washington auch Thanksgiving verdorben. Das wird ihm Murphy nie verzeihen.
"Mich macht das unglaublich wütend, und die deutsche Regierung hat ebenso Grund, sich zu ärgern über denjenigen, der die Dokumente heruntergeladen hat. Ich bin stinksauer", sagt Murphy. "Ich kritisiere nicht den SPIEGEL und die Presse, die nur ihren Job macht. Ich kritisiere denjenigen, der dieses Material gestohlen hat."
Der Botschafter sieht mitgenommen aus, er hustet viel, unterbricht das Gespräch, um einen Schluck Wasser zu holen. Wie so viele amerikanische Diplomaten rund um die Welt muss er seinen Gesprächspartnern erklären, warum die Botschaft intern sehr viel härter über die deutschen Politiker geurteilt hat, als sie es öffentlich tut. Für Diplomaten, die eine möglichst perfekte Fassade zu wahren versuchen, ist das eine Herausforderung.
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