Von John Goetz, Marcel Rosenbach und Britta Sandberg
Die andere Erkenntnis, zu der die Dokumente führen, ist eine ernüchternde und nicht besonders überraschende: Das System Guantanamo hielt sich durch permanente Übertreibung und laxen Umgang mit Fakten selbst am Leben. In der Dichte und Detailfülle, die die vorliegenden Personendossiers nun erlauben, wirkt diese Erkenntnis erschreckender als je zuvor. Denn aus ihnen geht hervor, wie willkürlich, lückenhaft und weit entfernt von üblichen Beweisaufnahmen bei Gericht die Taten der Gefangenen teilweise erfasst und beschrieben wurden.
Besonders deutlich wird dies bei dem Guantanamo-Gefangenen mit der Gefangenennummer "US9TU-000061DP" - dem in Bremen geborenen und aufgewachsenen Murat Kurnaz, der in seiner JTF-Einschätzung auch unter "Murat Kunn" und "Murat Karnaz" geführt wird. In seinem Memorandum wird er noch im Mai 2006 als ein "high risk", also als ein Gefangener, von dem eine große Gefahr ausgehe, beschrieben. Es sei "wahrscheinlich", so heißt es da, dass er für die USA, ihre Interessen und Verbündeten eine Bedrohung darstelle.
Sein "Intelligence Value", also der nachrichtendienstliche Erkenntniswert, sei "medium", sein Gefährdungsgrad in der Haft "moderat". Das zumindest geht aus dem neunseitigen Papier hervor, das mit der üblichen Empfehlung schließt, den Gefangenen aufgrund dieser Einschätzung weiter festzuhalten.
Nur drei Monate später wurde der "High Risk"-Gefangene entlassen, und der aus Sicht des US-Verteidigungsministeriums "feindliche Kämpfer" Kurnaz zurück nach Deutschland geschickt. Dort wird er sich später einen Sportwagen kaufen, eine Serie von Interviews geben und ein Buch über seine Zeit in Guantanamo veröffentlichen - vor allem aber lebt er seither äußerst unauffällig in der Bundesrepublik.
Die "Schlimmen" möglichst schlimm erscheinen lassen
Als die "Schlimmsten der Schlimmsten" hatte der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die nach Guantanamo Gebrachten einst bezeichnet, rund 600 von ihnen sind inzwischen in andere Länder verlegt oder entlassen worden, die meisten davon noch unter der Bush-Regierung. Die 765 "Detainee Assessments" dokumentieren in vielen Fälle das ersichtliche Bemühen, die "Schlimmen" auch möglichst schlimm erscheinen zu lassen, sie als bedrohlicher und gefährlicher darzustellen, als sie wohl je waren, um das eigene Tun zu rechtfertigen, um Guantanamo als eine gerechtfertigte Maßnahme im Kampf gegen den Terrorismus darzustellen.
Immer wieder finden sich in den Berichten Behauptungen, Aussagen und Vermutungen von Zeugen, die vor keinem normalen Gericht Bestand hätten. In den Papieren der "Detainee Assessments" werden sie dennoch oft wie unumstößliche Tatsachen behandelt.
Das ging so weit, dass sich sogar der 9/11-Drahtzieher Scheich Mohammed in einer Vernehmung vor dem Combatant Status Review Tribunal, also bei der Überprüfung des Status als sogenannter feindlicher Kämpfer, verpflichtet fühlte, für die vielen "unschuldigen Leute", die auf Guantanamo gefangengehalten würden, Partei zu ergreifen und die Zuständigen aufforderte, umsichtiger mit diesen Häftlingen umzugehen und die Vorwürfe auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Scheich Mohammed, von den Amerikanern mit dem Kürzel KSM versehen, gab hingegen ausführlich Auskunft über sein Tun und berichtete seitenlang über Pläne gegen den Gegner, bekannte und unbekannte.
Leitfaden für Guantanamo-Befrager
Einer der interessantesten Berichte ist keine Gefangenen-Einschätzung sondern eine Art Leitfaden für Guantanamo-Befrager, der ihnen Hinweise geben soll, wie und woran sie leitendes Qaida- und Taliban-Personal erkennen können. Einige der darin aufgelisteten "Gefahren-Indikatoren" erscheinen eher banal und nachvollziehbar - so etwa der Hinweis auf Gefangene, die einräumen, sich in Tora Bora aufgehalten zu haben.
Es gibt allerdings auch überraschende bis skurril anmutende "Indikatoren" - etwa der Besitz von 100-Dollar-Banknoten. Es sei bekannt, so heißt es in dem Bericht, dass die Qaida Führung ihren Kämpfern 100-Dollar-Noten als Fluchthilfe aus Afghanistan ausgehändigt habe, heißt es in einer Fußnote zur Erklärung. Besonderes Augenmerk sollten die Befrager auf eine bestimmte Armbanduhr legen - das Casio-Digitaluhr Modell F-91W sowie die silberne Version mit der Typenbezeichnung A-159W. Die Uhren seien ein "Zeichen von al-Qaida", sie würden von der Organisation beim Bau von improvisierten Sprengsätzen verwendet und seien in Qaida-Bombenbau-Lehrgängen in Afghanistan ausgegeben worden.
Eines der dunkelsten Kapitel sparen die Protokolle hingegen vollkommen aus. In keinem der Dossiers kommen die Worte Waterboarding oder Folter vor.
Penibel wird bei Scheich Mohammed der Zeitpunkt seiner Festnahme am 1. März 2003 vermerkt und der Zeitpunkt seiner Ankunft in Guantanamo am 4. September 2006. Darüber, wo er sich in den dreieinhalb Jahren dazwischen aufhielt, enthalten die Papiere keinen einzigen Hinweis. Ebensowenig wie bei einem weiteren High-Value-Gefangenen, bei dem Palästinenser Abu Subeida, der wie Scheich Mohammed wohl dem Waterboarding unterzogen wurde.
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