Von John Goetz, Marcel Rosenbach und Britta Sandberg
Hamburg - Es sind 765 Dokumente, die nun zum ersten Mal detaillierte Porträts aller Gefangenen von Guantanamo liefern. 765 Versuche, die Gefahr, die von den Häftlingen ausgeht, in drei Kategorien zu fassen: in "high", "medium" und "low". Schon diese schlichte Kategorisierung zeigt die Hilflosigkeit des Unterfangens, verlässliche Profile der Guantanamo-Gefangenen zu erstellen.
Die Dokumente, die dem SPIEGEL und anderen internationalen Medien vorliegen, offenbaren vor allem die Unzulänglichkeiten des Systems Guantanamo. Und sie machen zum ersten Mal eine genaue Bestimmung der insgesamt 779 Gefangenen möglich: Die Aufzeichnungen geben Auskunft über ihre Herkunftsländer, ihr Alter, ihren Gesundheitszustand, ihr Verhalten in Gefangenschaft.
Auch wenn das Material nicht vollständig ist: Es handelt sich um die bislang umfassendste Insassenkartei des Gefangenenlagers in der Karibik. Die Memoranden enthalten die Lebensgeschichten von mehr als 700 Afghanen, Jemeniten und Uiguren, von hochrangigen Qaida-Führern, den 14 sogenannten "high value detainees", den wichtigsten Gefangenen, von Schuldigen und von Unschuldigen, mit denen der amerikanische Staat keinen anderen Umgang fand, als sie jenseits aller rechtsstaatlichen Prinzipien auf einer Insel zu verwahren.
Zustande gekommen ist über den Zeitraum von sieben Jahren ein beklemmendes Archiv, das ein System beschreibt, welches Minderjährige genauso behandelt und einstuft wie alte Männer. Einige der Gefangenen leiden ausweislich der Dokumente an zahlreichen psychischen Krankheiten wie Depressionen, bipolaren Störungen, Angstzuständen und Schizophrenie.
Risikoeinschätzung in "high", "medium" und "low"
Fortlaufend wurden die Gefangenen nach ihrem Eintreffen durchnumeriert, wobei zwei Stellen des alphanumerischen Codes in den Dokumenten für das Herkunftsland stehen - YM etwa steht für den Jemen, KU für Kuwait. Nach Auswertung der dem SPIEGEL vorliegenden Dossiers befindet sich Afghanistan bei den Herkunftsländern mit insgesamt 214 Gefangenen an der Spitze, gefolgt von Saudi-Arabien (140), Jemen (110) und Pakistan (67). Weitere 44 Länder werden aufgeführt.
Die Memoranden sind als "geheim" eingestuft und tragen den Zusatz "Noforn", also: "Not releasable to foreign nationals" - nicht an Ausländer weitergeben. Die Akten sind schematisch aufgebaut und enthalten persönliche Informationen zu den Gefangenen, biografische Angaben, ihre Aufenthaltsorte und Tätigkeiten vor und nach dem 11. September 2001, medizinische Einschätzungen sowie die schon erwähnte Risikoeinschätzung in "high", "medium" und "low".
So wird der "high value detainee" Chalid Scheich Mohammed zum Beispiel im Dezember 2006 als "hohes Risiko" eingestuft, als ein Mann, von dem für die USA, ihre Interessen und Verbündeten eine Gefahr ausgehe, was ohne Zweifel stimmt. Er sei noch dazu, so steht es in dem Memorandum, von "hohem nachrichtendienstlichen Informationswert".
Die Dokumente sind "Snapshots" aus dem Lager
Die aus Sicht der Guantanamo-Insassen entscheidende Passage findet sich jeweils zu Beginn der Papiere - die Empfehlung der "Joint Task Force" (JTF) also der Gefängnisleitung von Guantanamo, über das weitere Schicksal des Gefangenen. Bei Scheich Mohammed heißt es dort - wie bei den allermeisten Insassen im vorliegenden Material -, es werde "empfohlen", den Gefangenen weiter unter der Kontrolle des US-Verteidigungsministeriums festzuhalten.
Das Material hat erhebliche Defizite: Es repräsentiert nicht den letzten Stand der Dinge, es ist eine Momentaufnahme des jeweiligen Wissenstands, ein "snapshot", ein Schnappschuss des Lagers, wie die Amerikaner sagen.
Darauf verweist auch die US-Regierung in einer ersten Reaktion auf die Veröffentlichung. Eine Arbeitsgruppe habe die Gefangeneneinschätzungen seit Januar 2009 einer Prüfung unterzogen und sei zu teils anderen Ergebnissen gekommen. Daher spiegeln nicht alle vorliegenden Dokumente die aktuelle Einschätzung der Regierung wider.
Dennoch ergänzen die Dokumente aus den Jahren 2002 bis 2009 das Bild über den Umgang der Vereinigten Staaten mit jenen, die sie zu ihren Feinden erklärten - schon deshalb, weil sie vielen der Gefangenen erstmals ein Gesicht geben. Zahlreiche Akten enthalten Porträtfotos.
Die neue Fülle von Details, die Einblicke in das System Guantanamo, die gewährt werden, aber auch die Aussagen der "high value"-Gefangenen, der Drahtzieher der Anschläge des 11. September und hochrangiger Qaida-Führer machen die Papiere zu zeitgeschichtlichen Dokumenten von öffentlichem Interesse - auch wenn die Geschichte von Guantanamo und Amerikas Krieg gegen den Terror nach ihrer Veröffentlichung nicht neu geschrieben werden muss.
Die Innenansichten der Qaida
Der SPIEGEL hat sich deshalb entschieden, mit dem von WikiLeaks übermittelten Material so zu verfahren wie mit den Kriegsprotokollen aus Afghanistan und dem Irak sowie den diplomatischen Depeschen, die ebenfalls von der Enthüllungsplattform veröffentlicht worden waren: Ein Team von SPIEGEL-Redakteuren und -Dokumentaren hat die Guantanamo-Berichte analysiert, ausgewertet und aufbereitet.
Sie stießen dabei auch auf neue Details über die Vorgeschichte des 11. September, denn die Papiere geben Auskunft darüber, wo sich hochrangige Qaida-Führer nach dem Anschlag befanden, wo sie sich versteckten, wie sie sich trafen und wie sie weiterhin, wie berauscht von ihrem eigenen Erfolg, zahlreiche neue Pläne für Anschläge gegen den Westen schmiedeten. Nichts schien ihnen dabei mehr im Weg zu stehen, kein Plan war ihnen zu groß, nun, wo sie die verhassten "Kreuzfahrer", die Großmacht Amerika zu Boden gezwungen hatten.
Die Innenansichten der Qaida, die sich vor allem aus den beiden Dokumenten zu Chalid Scheich Mohammed, dem Architekten der Anschläge des 11. September, und von Ramzi Binalshibh, dem jemenitischen 9/11-Koordinator ergeben, sind sicherlich ein großer Gewinn der Veröffentlichungen.
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