WikiLeaks-Informant Manning: "Jung, naiv, gute Absichten"

Aus Fort Meade berichtet Sebastian Fischer

Angeklagter Manning: Kein Kopfschütteln, keine Gesichtsregung Zur Großansicht
REUTERS

Angeklagter Manning: Kein Kopfschütteln, keine Gesichtsregung

Held oder Verräter? Am ersten Prozesstag zeichneten Staatsanwälte und Verteidiger gegensätzliche Porträts des als WikiLeaks-Informanten angeklagten Bradley Manning. Der 25-Jährige zeigte sich ungerührt.

Zwischen einem Idealisten und einem Verräter liegen in Amerika ungefähr 130 Jahre Haft. Hat der Obergefreite Bradley Manning geheime US-Botschaftsdepeschen und Kriegstagebücher aus Afghanistan und dem Irak an WikiLeaks weitergereicht, weil er ein "junger, naiver" Mann war, "aber mit guten Absichten"? Dann könnten am Ende etwa 20 Jahre Haft stehen. Oder hat er sein Vaterland verraten und ist bei ihm "Arroganz mit dem Zugang zu geschützten Informationen" zusammengekommen? Dann wären es rund 150 Jahre.

Für seine Verteidiger also ist Manning - Variante 1 - ein "Humanist", der glaubte, durch die Enthüllungen sei "die Welt ein besserer Ort" geworden. Aus Sicht seiner Ankläger - Variante 2 - hat er "systematisch Hunderttausende geheime Dokumente abgegriffen, im Internet abgeladen und in die Hände des Feindes gespielt".

Guter Mensch oder hinterhältiger Verräter - Bradley Manning polarisiert die USA. Am Montag hat für den 25-Jährigen nach drei Jahren Untersuchungshaft endlich der eigentliche Prozess vor einem Militärgericht begonnen. Schon im Februar hatte er sich ein bisschen schuldig bekannt, hatte die Weitergabe von gut 700.000 Dokumenten an WikiLeaks eingestanden. Er habe, sagte Manning damals, eine Debatte über "Außenpolitik und den Krieg allgemein" auslösen wollen. Damit nimmt er jene rund 20 Jahre Haft in Kauf.

"Was würdest du tun?"

Doch den vier Staatsanwälten um Major Ashdon Fein genügt das nicht. "Unterstützung des Feindes", das ist ihr schärfster Vorwurf; im Klartext: Manning hat in Kauf genommen, dass die Terrororganisation al-Qaida von seinen Enthüllungen profitiert; dass letztlich Amerikaner sterben. Aus insgesamt 22 Punkten setzt sich die Anklage zusammen. Sollte Richterin Denise Lind dem zustimmen, könnte das für Manning am Ende mehr als 150 Jahre Haft bedeuten; vorzeitige Entlassung vor dem Lebensende ausgeschlossen.

Leicht nach vorn gebeugt lauscht der schmächtige Manning seinen Anklägern, die Schultern ragen nicht über die Stuhllehne hinaus. Eine Stunde argumentiert Militärstaatsanwalt Joe Morrow und versucht per Dia-Show zu belegen, dass Manning seinem Land bewusst schaden wollte. Dass er sich von WikiLeaks hat anleiten lassen und der Plattform gezielt jene Dokumente beschaffte, die man sich dort wünschte; dass er in regem Austausch mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange stand; dass er das Leben seiner Kameraden aufs Spiel setzte; dass Osama bin Laden sich seine WikiLeaks-Dokumente habe kommen lassen.

Minutenlang lässt Ankläger Morrow jenen Satz an die Wand werfen, mit dem sich Manning im Mai 2010 in einem Internet-Chat verraten haben soll: "Wenn du über mehr als acht Monate an sieben Tagen die Woche jeweils 14 Stunden Zugang zu als geheim eingestuften Netzwerken hättest, was würdest du tun?"

So geht die Story von Bradley Manning, dem Verräter.

Auf Bildschirmen im Gerichtssaal werden die Beweise gezeigt. Da sind die Fotos jener beiden Computer mit den Kennungen ".40" und ".22" im irakischen US-Wüstenstützpunkt "Hammer", über die Manning die geheimen Dokumente heruntergeladen haben soll; Auszüge aus den sichergestellten Chatprotokollen, die ihn verrieten; die wiederhergestellten Dateien jener US-Kriegstagebücher - "afg_events.csv" und "irq_events.csv" - die er im Januar 2010 herausgeschmuggelt hatte; das Freeware-Programm "Wget", das er illegal auf den Regierungsrechnern installiert haben soll, um den Downloadprozess zu beschleunigen und zu automatisieren. Auf diese Weise habe Manning im März 2010 die rund 250.000 Botschaftsdepeschen innerhalb von zehn Tagen herunterladen können, sagt Ankläger Morrow: "25.000 Depeschen pro Tag, hundert pro Stunde, alles automatisch."

Kein Kopfschütteln, keine Gesichtsregung

Schließlich präsentiert die Anklage auch noch die Hülle, in der Manning jene Video-CD verborgen haben soll, auf der die tödliche Jagd eines US-Kampfhubschraubers auf zwei Journalisten und Zivilisten im Irak des Jahres 2007 festgehalten ist. Auf dem Umschlag findet sich Werbung für einen Arabischkurs: "Starting out in Arabic". Manning schaut sich das jetzt alles ungerührt an. Kein Kopfschütteln, keine Gesichtsregung, nichts.

Als Verteidiger David Coombs dran ist, zeichnet er von Manning das Bild eines zweifelnden Soldaten. Es ist das Porträt eines 22-Jährigen, dessen Vertrauen in die Rechtmäßigkeit der Kriege seines Landes vor Ort erschüttert wird; der sich mit Philosophie und Politik beschäftigt, und der als Homosexueller um seine Identität ringt. Manning, sagt Verteidiger Coombs, sei ein Whistleblower, "der die Welt zu einem besseren Ort machen wollte". Und der sehr genau auswählte, was er an WikiLeaks weitergab, um eben nicht das Leben seiner Kameraden zu gefährden.

So geht die Story von Bradley Manning, dem Helden.

Doch auch in diesen Momenten reagiert der Angeklagte nicht. Stattdessen lässt er die anderen reden, Fragen von Richterin Lind beantwortet er meist nur mit "Yes, yes Ma'am". Als sein Stubenkamerad aus der Irak-Zeit als Zeuge der Anklage aufgerufen wird, schaut Manning recht unbeteiligt: Der Soldat Eric Baker sagt, er sei nicht wirklich befreundet gewesen mit Manning. Schließlich habe sich der doch meist mit seinem Laptop beschäftigt und auch nachts noch gechattet. Und, klar, ihm sei aufgefallen, dass Bradley so viele CDs besessen habe. "Ich habe ihn gefragt, warum er die braucht, er hatte doch eigentlich einen iPod", erinnert sich Baker. Manning habe ihm darauf gesagt, der iPod sei am Arbeitsplatz verboten, deshalb bringe er die CDs mit.

Um die Musik allerdings ging es Bradley Manning wohl nicht.

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1. es wäre vielleicht sinnvoller...
Spiegelleserin57 04.06.2013
Zitat von sysopHeld oder Verräter? Am ersten Prozesstag zeichneten Staatsanwälte und Verteidiger gegensätzliche Porträts des als WikiLeaks-Informanten angeklagten Bradley Manning. Der 25-Jährige zeigte sich ungerührt. WikiLeaks-Informant: Auftakt im Prozess gegen Bradley Manning - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/wikileaks-informant-auftakt-im-prozess-gegen-bradley-manning-a-903592.html)
wenn die U.S.A. mal prinzipiell über ihr Handeln nachdenken! Man braucht nur dann Angst zu haben wenn man etwas zu verbergen hat und das ist meistens wenn man eine Tat begeht die rechtlich bedenklich ist. Harte Urteile zur Unterdrückung erreichen da wenig eher dass noch mehr Verdachtsmomente auftauchen irgendwann wird wieder jemand nachgraben und die Öffentlichkeit informieren. Es gibt eine Geechtigkeit, nur dauert es manchmal Jahre aber dann sind die Folgen um so härter.
2. Spricht für
deb2011 04.06.2013
Gutes Programm, das man natürlich so - oder so - nutzen kann ...
3. Nicht vergessen...
phaeno 04.06.2013
... während dem Veröffentlicher amerikanischer Kriegsverbrechen der Prozess gemacht wird, wurden die Blackwater-Söldner, die in Beirut aus dem Hubschrauber heraus Zivilisten erschossen haben, längst amnestiert. Auch von den Mördern und Vergewaltigern einer irakischen Familie, der versehentlich bekannt geworden war, hört man nichts mehr. Der Friedensnobelpreisträger lässt grüßen.
4.
donmarten 04.06.2013
[QUOTE=sysop;12886671]Held oder Verräter? Am ersten Prozesstag zeichneten Staatsanwälte und Verteidiger gegensätzliche Porträts des als WikiLeaks-Informanten angeklagten Bradley Manning. Der 25-Jährige zeigte sich ungerührt. WikiLeaks-Informant: Auftakt im Prozess gegen Bradley Manning - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/wikileaks-informant-auftakt-im-prozess-gegen-bradley-manning-a-903592.html)[/QUOT Man sollte Obama den Friedensnobelpreis aberkennen und ihn Manning verleihen. Dieser Mann hat sich wirklich um den Frieden in der Welt verdient gemacht indem er die unglaublichen Schweinereien und Kriegsverbrechen der Amerikaner der Weltöffentlichkeit gezeigt hat. Natürlich werden die blutrünstigen Amis an ihm ein Exempel statuieren, das sollte andere aber nicht davon abhalten, es ihm gleich zu tun. Irgendwann wird auch der letzte verblendete "Patriot" einsehen, dass im Medienzeitalter jede Sauerei früher oder später ans Licht kommt. Leider gibt es zu wenige Mannings und Assanges auf dieser Welt.
5. Der Mann ist ein Held, kein Verbrecher
Demokrator2007 04.06.2013
Zitat von sysopHeld oder Verräter? Am ersten Prozesstag zeichneten Staatsanwälte und Verteidiger gegensätzliche Porträts des als WikiLeaks-Informanten angeklagten Bradley Manning. Der 25-Jährige zeigte sich ungerührt. WikiLeaks-Informant: Auftakt im Prozess gegen Bradley Manning - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/wikileaks-informant-auftakt-im-prozess-gegen-bradley-manning-a-903592.html)
Er hat Staatsverbrechen (Folter,Mord) des Bush-Regimes entlarvt. Dafür ist er freizusprechen es sei denn die USA wollen sich entgültig in die Reihe der Schurkenstaaten einreihen. Dann sollten sich die USA auch nicht so sehr über Gewalt gegen diese Nation wundern. Ciao DerDemokrator P.S. Werter Herr Innenminister Friedrich, das war kein terroristischer Gewaltaufruf, sie brauchen also weder mein Telefon abzuhören noch mir Drohnen über das Haus zu schicken.
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Bevölkerung: 310,384 Mio.

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Staats- und Regierungschef: Barack Obama

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