Prozess gegen WikiLeaks-Informant Verratener Verräter

United States vs. Bradley Manning: Der 25-jährige Soldat soll für das größte Datenleck in der US-Geschichte verantwortlich sein, ein Teilgeständnis hat er bereits abgelegt. An diesem Montag beginnt vor einem Kriegsgericht der Prozess gegen den WikiLeaks-Informanten.

Angeklagter Manning: "Was würdest du tun?"
AP/dpa

Angeklagter Manning: "Was würdest du tun?"

Von , Washington


Es sind zähe Tage und Nächte auf dem US-Stützpunkt "Hammer" mit seinen fensterlosen Büros, seiner Container-Ansammlung draußen in der irakischen Wüste. Und an diesem 22. Mai 2010 braucht der Obergefreite Bradley Manning dringend jemanden zum reden.

Dies wird sein Leben ändern.

Es ist gegen Mitternacht, da tippt der damals 22-jährige IT-Experte unter seinem Alias "bradass87" diesen Satz ins AOL-Chatprogramm: "Wenn du über mehr als acht Monate an sieben Tagen die Woche jeweils 14 Stunden Zugang zu geheim eingestuften Netzwerken hättest, was würdest du tun?"

Ja, was? Die Geheimnisse lüften? Genau dies hat der Obergefreite Manning in den vorangegangenen Monaten getan, hat rund eine Viertelmillion geheimer Dokumente herausgeschmuggelt und an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weitergeleitet: Unter anderem jenes Video, das zeigt, wie die Crew eines US-Kampfhubschraubers über Bagdad tödliche Jagd auf Zivilisten und zwei Journalisten macht; die Afghanistan-Protokolle; die Irak-Protokolle; die Botschaftsdepeschen.

"Was würdest du tun?", fragt also "bradass87", der Urheber des größten Datenlecks in der US-Geschichte. Sein Gesprächspartner im virtuellen Raum ist der Ex-Hacker Adrian Lamo. Manning kennt ihn nur dem Namen nach, aber er verrät ihm in den nächsten Tagen alles. Kurz darauf wird Manning verraten. Von Lamo, dem FBI-Informanten.

Drei Jahre später soll nun, an diesem Montag, endlich der eigentliche Prozess gegen den mittlerweile 25-Jährigen beginnen: Manning muss sich vor einem Militärgericht auf dem Armeestützpunkt Fort Meade verantworten, eine knappe Autostunde nördlich von Washington. Seit drei Jahren sitzt er nun schon in Untersuchungshaft, zeitweise menschenunwürdig isoliert. Das Gericht erließ ihm dafür bereits 112 Tage seiner künftigen Haftstrafe.

Manning ist wegen 22 Punkten angeklagt, darunter der Vorwurf, "den Feind unterstützt" zu haben. Allein deshalb droht ihm eine lebenslange Haftstrafe - ohne Chance auf vorzeitige Entlassung. Im Februar hatte Manning auf einen Deal mit der Regierung gesetzt: Bei zehn minder schweren Anklagepunkten bekannte er sich selbst für schuldig, gestand etwa die Weitergabe der Dokumente an WikiLeaks. Er hoffte darauf, dass im Gegenzug der Vorwurf der Feindesunterstützung fallen gelassen und er dadurch zu insgesamt nur rund 20 Jahren Haft verurteilt werden würde. Schließlich habe er niemandem schaden, sondern eine Debatte über "Außenpolitik und den Krieg allgemein" auslösen wollen.

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US-Soldat Bradley Manning: WikiLeaks-Informant erstmals vor Militärgericht
Militärrichterin Denise Lind akzeptierte zwar dieses Schuldbekenntnis, die Staatsanwaltschaft aber beharrte auf allen 22 Anklagepunkten. Dafür will sie nun 150 Zeugen befragen, ein Urteil wird für September erwartet. Richterin Lind hat bereits angekündigt, die Öffentlichkeit teilweise von der Verhandlung auszuschließen, wenn als geheim klassifizierte Dokumente eine Rolle spielten oder entsprechende Zeugen befragt würden. Das ist allerdings ein wenig skurril, schließlich ist der Großteil des offiziell noch immer als geheim gestempelten Materials für jeden Interessierten auf den WikiLeaks-Seiten nachzulesen.

Mannings Anwalt David Coombs wird wohl eine Doppelstrategie verfolgen: Schon in den bisherigen Anhörungen hat er seinen Mandanten stets als emotional angeschlagenen Menschen gezeichnet, der durch seinen Wunsch, zur Frau, zur "Breanna", zu werden, in Konflikt geriet mit der Welt des Militärs. Warum haben ihm die Vorgesetzten nicht den Zugang zum geheimen SIPRNet gesperrt, obwohl ihnen doch ein Psychologe sogar riet, Manning die Waffe zu nehmen, weil er eine Gefährung für sich und andere sein könnte? Diese Frage könnte Coombs erneut stellen.

Gleichzeitig wird er die aufklärerischen Motive Mannings anführen, also das, was die Ehre eines Whistleblowers ausmacht: Missstände zu enthüllen. Dies hat Manning nicht erst bei seinem Schuldeingeständnis im Februar thematisiert, sondern schon viel früher, in den Chats mit Lamo: "Ich möchte weltweit politische Debatten und Reformen anzetteln." Aufklärung statt Unterstützung des Feindes. Die Anklage wird dagegen zu belegen suchen, dass Manning durchaus "Grund zur Annahme" gehabt habe, seine Veröffentlichungen könnten Schaden verursachen - schließlich seien die Dokumente ja besonders gekennzeichnet gewesen.

Der Fall Manning hat in den vergangenen Monaten zusätzliche Aufladung erfahren. Findet er doch vor dem Hintergrund der Debatte um den Umgang des Präsidenten mit Lecks in seinem Regierungsapparat statt. Schon sechs Strafverfahren hat Barack Obama seit Amtsübernahme gegen vermeintliche Whistleblower anstrengen lassen - das sind mehr als bei allen Präsidenten vor ihm zusammen. Zugleich gerät Justizminister Eric Holder in der Affäre um die abgeschöpften Telefondaten der Nachrichtenagentur AP stärker unter Druck.

Noch im Wahlkampf 2008 hatte Obama sich als Verfechter von Transparenz und, ja, auch von Geheimnisverrat inszeniert, sollte dieser der Aufdeckung von Missständen dienen. Und nun? In Sachen Manning jedenfalls hat der Präsident sein Urteil offenbar bereits gefällt: "Er hat das Gesetz gebrochen."

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gog-magog 03.06.2013
1. Es ist eine Schande
Zitat von sysopAPUnited States vs. Bradley Manning: Der 25-jährige Soldat soll für das größte Datenleck in der US-Geschichte verantwortlich sein, ein Teilgeständnis hat er bereits abgelegt. An diesem Montag beginnt vor einem Kriegsgericht der Prozess gegen den WikiLeaks-Informanten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/wikileaks-informant-prozess-gegen-us-soldat-bradley-manning-beginnt-a-902924.html
Wenn der Staat lügt und ein Bürger das aufdeckt, dann werden die Menschenrechte außer Kraft gesetzt und einfach auf ein undemokratisches Rechtssystem ausgewichen, das sich "Kriegsrecht" nennt, das es aber eigentlich nach dem Grundsatz Gleiches Recht für Alle gar nicht geben dürfte. Statt Manning für demokratisches Verhalten auszuzeichnen, will man ihn jetzt hinrichten. Solche Staaten kann man alles mögliche nennen, nur nicht Rechtsstaat, oder Demokratie.
frnzng 03.06.2013
2. Moralische Selbstdemontage
Die Obama-Regierung betreibt am Fall Manning eine einzigartige moralische Selbstdemontage. Dass die parteipolitische Alternative so schaurig ist, macht das nicht besser.
lindejung 03.06.2013
3.
Zitat von sysopAPUnited States vs. Bradley Manning: Der 25-jährige Soldat soll für das größte Datenleck in der US-Geschichte verantwortlich sein, ein Teilgeständnis hat er bereits abgelegt. An diesem Montag beginnt vor einem Kriegsgericht der Prozess gegen den WikiLeaks-Informanten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/wikileaks-informant-prozess-gegen-us-soldat-bradley-manning-beginnt-a-902924.html
Bradley Manning ist der Georg Elser unserer Zeit.
ququ 03.06.2013
4. Spießrutenlauf
Zitat von sysopAPUnited States vs. Bradley Manning: Der 25-jährige Soldat soll für das größte Datenleck in der US-Geschichte verantwortlich sein, ein Teilgeständnis hat er bereits abgelegt. An diesem Montag beginnt vor einem Kriegsgericht der Prozess gegen den WikiLeaks-Informanten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/wikileaks-informant-prozess-gegen-us-soldat-bradley-manning-beginnt-a-902924.html
wie in alten Zeiten. Tolles modernes Amerika...
privat23 03.06.2013
5. Soldat - Hochverrat - Kriegsgericht
Zitat von sysopAPUnited States vs. Bradley Manning: Der 25-jährige Soldat soll für das größte Datenleck in der US-Geschichte verantwortlich sein, ein Teilgeständnis hat er bereits abgelegt. An diesem Montag beginnt vor einem Kriegsgericht der Prozess gegen den WikiLeaks-Informanten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/wikileaks-informant-prozess-gegen-us-soldat-bradley-manning-beginnt-a-902924.html
kommt jetzt nicht überraschend.
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