WikiLeaks-Veröffentlichungen Saudischer Prinz sieht USA schwer beschädigt

Die USA haben durch das Bekanntwerden ihrer Depeschen Glaubwürdigkeit verloren - davon geht der saudische Prinz Turki Bin Faisal aus. Im SPIEGEL-Interview nennt er die Berichte ein "Mischmasch aus Halbwahrheiten, Unwahrheiten, politischer Agenda und schlichter Desinformation".

Saudischer Prinz Turki: "Die Leute werden nicht mehr offen sprechen"
AP

Saudischer Prinz Turki: "Die Leute werden nicht mehr offen sprechen"


Hamburg - Die USA haben durch die WikiLeaks-Veröffentlichungen einen schweren diplomatischen Schaden erlitten, sagt Prinz Turki Bin Faisal, 65, der frühere Geheimdienstchef und Botschafter des Königreichs Saudi-Arabien in Washington. "Opfer dieser Indiskretion sind Amerikas Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit", so Turki im Gespräch mit dem SPIEGEL: "Die Leute werden nicht mehr offen mit amerikanischen Diplomaten sprechen."

In den WikiLeaks zugespielten Botschaftsberichten war Saudi-Arabiens König Abdullah mit der Aufforderung zitiert worden, Amerika solle das iranische Nuklearprogramm stoppen und "der Schlange den Kopf abschlagen". Diese Dokumente, so Prinz Turki, seien ein "Mischmasch aus Halbwahrheiten, Unwahrheiten, politischer Agenda und schlichter Desinformation".

Dennoch werde Riads Verhältnis zu Washington die Affäre überdauern: "Wir haben schon Ernsteres überstanden." Saudi-Arabien vergesse nicht, dass Amerika dem Land beistand, als Saddam Hussein 1990 in Kuwait einmarschiert war. "Außerdem wissen wir, dass nur die Vereinigten Staaten die Kraft haben, auch einmal nein zu Israel zu sagen."

Mehr im neuen SPIEGEL: Die umfassende Berichterstattung zu den Geheimdepeschen finden Sie ab diesem Montag im SPIEGEL - außerdem ab sofort auf dem iPad und iPhone (mehr...) sowie als E-Paper (mehr...). SPIEGEL ONLINE veröffentlicht die wichtigsten Erkenntnisse in einer Artikelserie.
Turki forderte die USA auf, die wegen des Irak-Kriegs abgebrochene Suche nach Osama Bin Laden wieder zu verstärken: "Erst wenn Bin Laden beseitigt ist, können die Vereinigten Staaten und der Rest der Welt einen Sieg verkünden. Erst nach einem solchem Sieg dürfen die Truppen aus Afghanistan abgezogen werden."

Iran, so Turki, sei in der Angelegenheit seines Nuklearprogramms nicht zu trauen. Saudi-Arabien habe der Führung in Teheran deutlich gemacht, "wie heikel" dieses Thema sei. Riad werde aber im Falle eines Angriffs auf Iran den Israelis "niemals" Überflugrechte gewähren. Um mit Iran zu verhandeln, müsse ein gemeinsames "Regelwerk von Anreizen und Sanktionen" geschaffen werden, "auch militärischen Sanktionen" für alle Länder, die einer Zone ohne Massenvernichtungswaffen beitreten wollten. Auch sei im Nahen Osten ein "nuklearer Sicherheitsschirm" zu errichten, den die fünf ständigen Uno-Sicherheitsrats-Mitglieder garantieren sollen: "Eine solche Nukleargarantie würde auch Israel schützen."

Mehr zum Thema


Forum - Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
insgesamt 1160 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ty Coon, 04.12.2010
1.
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
Sehr viel. Vertrauliche Gespräche sind die Grundlage der Diplomatie. Wenn es allerdings darum geht, verbrecherische Machenschaften aufzudecken, dann sind solche Plattformen wie WikiLeaks legitim.
eikfier 04.12.2010
2. ...bestenfalls
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
...die Frage ist natürlich völlig berechtigt? Schließlich hat kein Geringerer als unser späterer Bundespräsident Gustav Heinemann mal geseufzt:"...regiere du mal dieses Welt!" - und meinte damit sicherlich auch unsere gehaßt-geliebten und in jedem demokratischen Falle dringend benötigten Journalisten, ist meine Meinung - Wer den Journalisten nicht nur in Gedanken, sondern tatsächlich einen Maulkorb umhängt, dem geht´s mindestens so wie Kaiser WilhelmII. in der bekannten "Feuerzangenbowle", wenn er nicht sogar Micky-Leaks zu ungeahnter Popularität verhilft - ein bißchen schlimm, ein bißchen doof, ein bißchen lächerlich, denke ich bestenfalls...
Sharoun 04.12.2010
3. Wieviel Wahrheit traut man dem Souverän zu?
Aus teilweise nachvollziehbaren Gründen trauen Exekutive und Legislative ihrem Wahlvolk nicht über den Weg. Allright; das sollte dann aber auch so benannt werden und nicht die übergroße Fahne einer allgegenwärtigen Mitbestimmung -verwirklicht in dieser und durch diese Gesellschaft- geschwenkt werden. Denn das ist nur noch Verhöhnung!
sieben777 04.12.2010
4. PayPal Konto gelöscht
Wir Internet-Nutzer sind nun gefragt. Wehren wir uns gegen dieses Doppelmoral-System? Warum beachten jetzt plötzlich PayPal und Amazon ihre eigenen AGBs? Warum funktioniert die Löschung der verschiedenen Webseiten von Wikileaks so zügig aber bei den der Kinderporno Seiten denn nicht??? Da kann etwas nicht stimmen.
maximillian64 04.12.2010
5. Paypal, DNS, Hosting für Wikileaks abgestellt.
Die sukzesive Verabschiedung der USA von der Meinungsfreiheit ist wie jede Aufgabe von Grundrechten im Tausch gegen Sicherheit ist ein Punktsieg der Kräfte mit all den Gesetzten eigentlich Bekämpft werden sollen. Das Internet ist heute nur noch für cyber- und echte- krimminelle und wirklich frei. Was meinen die Strafverfolger, Politiker und Serviceprovider in den USA den wo WikiLeaks demnächst gehostet wird und spenden einsammelt? Wenn der Druck so weiter aufrecht erhalten wird wird auch die Schweiz und andere Nationen dem Portal die Gastfreunschaft kündigen. Wikileaks wird dann wohl bald bei den gleichen Providern gehostet die Heute bereits Al Quaida Blogs und deren Paymentprovider hosten? Verkehrte Welt!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.