Ex-Präsident Janukowytsch Der Getriebene

Drei Jahre nach seiner Flucht aus Kiew zeigt sich der ukrainische Ex-Präsident Wiktor Janukowytsch als politisch gebrochener Mann. Er präsentiert Ausreden für sein Scheitern, an die er selbst nicht zu glauben scheint.

Dmitri Beliakov/ DER SPIEGEL

Von , Moskau


Ein holzgetäfelter Raum im sechsten Stock eines Gebäudes mitten in Moskau. An der Wand eine große Uhr - "Made in Korea" -, ein Schrank mit Kristall, weiße Bourbon-Stühle - und draußen vor der Tür jede Menge Leibwächter. Das ist das Ambiente, in dem jener Mann empfängt, der sich nur noch selten in die Öffentlichkeit wagt: Wiktor Janukowytsch, der vor drei Jahren gestürzte ukrainische Präsident.

Am 24. Februar 2014 ist Janukowytsch nach Russland geflüchtet. 66 ist er jetzt, die vergangenen Jahre sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen, sein Gesicht ist hagerer geworden. Er lebt meist im Süden, bei Rostow am Don. Seit zwei Tagen aber ist er in Moskau, er will erläutern, wie er die Lage in seiner Heimat, der Ukraine, sieht. "Und ich will erklären, warum ich so gehandelt habe, wie ich gehandelt habe", sagt er.

Es ist ein zwangloses Gespräch, bei dem keines der heißen Themen ausgespart wird, Janukowytsch ist tatsächlich zum Dialog bereit. Es geht um Vilnius und den EU-Gipfel vom Herbst 2013, auf dem er überraschend seine Unterschrift unter das Assoziierungsabkommen mit der EU verweigerte und um den Aufstand auf dem Kiewer Maidan, den er damit auslöste. Um die Vermittlungsbemühungen des deutschen Außenministers, die Schießereien im Stadtzentrum und seine Flucht.

Janukowytsch ist von sich selbst nicht überzeugt

Vieles, was Janukowytsch erzählt, ist bekannt, manches in Einzelheiten neu. Aber nicht die Details jener schicksalhaften Tage sind es, die den Erkenntnisgewinn dieses Abends ausmachen. Es ist etwas Anderes.

Denn drei Jahre nach dem Maidan, auf dem damals mehr als 100 ukrainische Zivilisten und Sicherheitskräfte ums Leben kamen, bleibt die wichtigste Frage ungeklärt: Wie konnte ein friedlicher Protest plötzlich in blutiges Morden ausarten? Dieser Abend rückt die Antwort ein wenig näher.

Es ist der Mann an diesem Tisch, der einen nachdenklich stimmt. Nicht durch seine politischen Standpunkte, sondern dadurch, wie er als Mensch auftritt. Je länger sich die Unterhaltung hinzieht, umso deutlicher wird: Janukowytsch ist unsicher, er ist von sich selbst nicht überzeugt. Er redet langsam und weitschweifig, verliert sich in Nebensächlichkeiten, manchmal bricht er seine Gedankengänge ab. Er lächelt dabei, nicht aufgesetzt, sondern werbend, ständig will er sich der Zustimmung seines Gegenübers versichern. Wird es schwierig in der Diskussion, verheddert er sich in Widersprüchen und laviert.

Und plötzlich wird einem klar, dass dieser Wiktor Janukowytsch ein Getriebener war, einer, der schnell überfordert ist, wenn er in schweres Wasser gerät. Als Präsident seines Landes war er offenbar zur falschen Zeit am falschen Ort.

Deutlich wird das, als Janukowytsch über die Anfangsphase des Maidan-Aufstandes spricht, vor allem über die Nacht auf den 30. November 2013. Warum ukrainische Spezialeinheiten bereits damals den Maidan gestürmt und auseinandergeknüppelt hätten - zu einer Zeit, als dort nur unbewaffnete Studenten standen? Rund 80 Zivilisten wurden in jener Nacht verletzt.

Der Ex-Präsident will den Vorgang zuerst auf "Radikale" schieben, die die Polizei provoziert hätten. Auf Nachfrage lenkt er dann ein und erzählt plötzlich von den Intrigen in seiner engsten Umgebung. Vom Chef seiner Präsidialkanzlei, der unter dem Vorwand, er sei krank, nicht mit nach Vilnius gefahren sei, zur selben Zeit aber in Kiew seine Strippen gezogen und gemeinsam mit dem Oligarchen Dmytro Firtasch die Auflösung des Maidan vorbereitet habe. Oder vom Chef seines Sicherheitsrates, der ihm erzählte, dass in der Stadt alles ruhig sei.

Seine Flucht schildert er immer dramatischer

Er selbst habe erst am 1. Dezember von den nächtlichen Zusammenstößen erfahren, behauptet Janukowytsch, nach dem ersten Satz beim morgendlichen Tennisspiel. Als er den Leiter seiner Administration erreichen wollte, sei der absichtlich nicht ans Telefon gegangen, zugleich habe er über die Medien seinen Rücktritt eingereicht - um sich von ihm, Janukowytsch, zu distanzieren.

Animation

Demnach haben hinter dem Rücken von Janukowytsch andere ihre eigene Politik betrieben. Männer, die seine Unentschlossenheit nutzten und die Lage in Kiew eskalieren ließen. Abwegig ist das nicht.

Würde man mit einer Stoppuhr messen, worüber Janukowytsch an diesem Abend am ausführlichsten spricht, was ihn also am meisten umtreibt, dann wird klar: Es ist der Vorwurf, er habe sich im Februar 2014 feige aus dem Land gestohlen und die Unterstellung, er habe sich als Präsident bereichert.

Seine Flucht aus Kiew schildert Janukowytsch mit jedem Mal dramatischer. Der Mob habe "mich und meine Lebensgefährtin ermorden wollen", sagt er, "niemand habe mich mehr lebend gebraucht." Er erzählt von den angeblich 10.000 Menschen, die seine Residenz am Dnipro-Stausee nördlich von Kiew, umstellt hätten und von den Booten, die vom Wasser her angreifen sollten.

"Ich habe meinen Posten nicht aufgegeben"

"Ich habe meinen Posten nicht aufgegeben", sagt er, "ich war in der Ukraine, man hat mich einfach nur von den Medien abgeschnitten, blockiert und dann quer durchs Land gejagt." Er schildert, wie er zuerst nach Charkiw gefahren und dann weiter mit dem Hubschrauber nach Donezk geflogen sei. Dass er dort auf Anweisung der militärischen Flugkontrolle umkehren musste und Kiew auch den Start seines Flugzeuges vom Donezker Flughafen verhindert habe.

Als er auf dem Landwege die Krim zu erreichen versuchte, sei er bei der Stadt Melitopol fast in einen Hinterhalt geraten. "Dort standen an die 100 Menschen mit zwei schweren Maschinengewehren. Sie sollten meiner Kolonne den Weg abschneiden und alle erschießen", sagt Janukowytsch. "Einer der Männer am Checkpoint hat meine Leute telefonisch gewarnt, wir konnten rechtzeitig stoppen."

Dass seine Flucht aus der Ukraine selbst in Russland anders bewertet, dass er dort als Weichei angesehen wird, kann Janukowytsch nur schwer verwinden. Er habe sich nicht aus dem Amt geschlichen, sagt er mehrfach und fast flehentlich.

Ja, in Donezk habe er sich mit dem Oligarchen Rinat Achmetow getroffen und mit ihm erörtert, was noch möglich sei. Etwa in einer anderen ukrainischen Stadt eine Gegenregierung auszurufen, er habe schließlich sein halbes Kabinett dabei gehabt. Aber auch da hält Janukowytsch für sich gleich wieder eine Ausrede bereit, diesmal sogar eine nachvollziehbare: "Das hätte zum Bürgerkrieg geführt."

Janukowytsch wehrt sich gegen Korruptionsvorwürfe

Und der Reichtum, der ihm nachgesagt werde? "Alles unwahr. Ich hatte niemals Auslandskonten und niemals Grundstücke." Das viel diskutierte Haus am Kiewer Meer habe ihm der frühere Präsident Kutschma zugewiesen, er habe es später gekauft, von seinem Ersparten. Für drei Millionen Hrywen und 200.000 Dollar.

Er erzählt so lange und so verwirrend von den verquickten Besitzverhältnissen bei diesem Grundstück, dass er selbst irgendwann den Faden verliert. Und so passiert es auch bei einer anderen, viel wichtigeren Frage. Sie lautet: Haben Sie tatsächlich die Möglichkeit erwogen, russische Truppen in die Ukraine zu lassen?

Nein, sagt Janukowytsch, Putin habe ihm keine derartigen Vorschläge gemacht, er habe mit Putin auch nicht darüber gesprochen. Einwand: Die Frage habe anders gelautet. Und da gebe es doch das Foto eines Briefes, in dem er genau um solche Hilfe bat. Sei der eine Fälschung?

"Wie soll ich das jetzt sagen", hebt Janukowytsch umständlich an und scheint den Kugelschreiber zerbrechen zu wollen, den er in seinen Händen hält. Dann kritzelt er eine Notiz auf ein weißes Blatt, das vor ihm liegt, als wolle er Zeit gewinnen. "Nein, das ist keine Fälschung", räumt er schließlich ein, "aber auch kein Erlass, Truppen hereinzulassen. Das war eine Erklärung über ihre 'Nutzung'. Das sind unterschiedliche Dinge, diesen Brief hatte ich längst vergessen. Ich hatte zu der Zeit keine Vollmachten mehr, die hatten sie mir genommen. Wenn ich da noch Präsident gewesen wäre, aber als einfacher Bürger... das macht juristisch keinen Sinn. Es ist eine Farce, jetzt etwas aufzutreiben und mir anzuhängen." Wirrer geht es kaum.

Janukowytschs Eiertanz erweckt fast schon Mitleid

Tatsächlich trägt der Brief das Datum des 1. März 2014, da war Janukowytsch schon seines Amtes enthoben. Aber er bestand zu der Zeit weiter darauf, der legitime Präsident zu sein. Der Text des Briefes ist eindeutig: "Als gesetzmäßig gewählter Präsident... wende ich mich an den Präsidenten Russlands mit der Bitte, Streitkräfte der Russischen Föderation für die

Fotostrecke

3  Bilder
Wiktor Janukowytsch: Ein Mann, viele Ausreden

Wiederherstellung von Gesetz, Frieden und Stabilität und zum Schutz der Bevölkerung der Ukraine zu nutzen." Moskau hat die Existenz dieses Briefes bestätigt.

Der Eiertanz, den Wiktor Janukowytsch an diesem Abend vollführt, erweckt fast schon Mitleid. Ist er ein Mann, der am liebsten alles vergessen möchte? Irgendwie sind beide Seiten froh, als das Gespräch auf Privates kommt. "Nein, mit Putin habe ich mich nur wenige Male getroffen. Ich verstehe: Meine Probleme sind nicht sein Niveau." Dann erzählt er von seinen Reisen durch Russland. Von seiner Hilfe für die ukrainischen Exilanten und seinem ältesten Sohn, der ihm finanziell hilft. Der Jüngere ist 2015 im Baikalsee ertrunken. Von seiner Frau, mit der er seit 45 Jahren verheiratet ist, hat er sich getrennt, er lebt mit der Schwester seiner früheren Köchin zusammen.

Und natürlich erzählt er von seinem Hobby, dem Tennisspiel. "Das liebe ich, manchmal miete ich einen Tennisplatz, aber mir fehlen die Möglichkeiten. Spielen Sie Tennis? Dann könnten wir uns verabreden..."

Irgendwann ist es auch seinen Gehilfen zu viel, sie wollen nach Hause. Der Ex-Präsident erhebt sich und schüttelt freundlich die Hand. Zurück bleibt der Papierbogen, der vor ihm lag. Auf ihm steht ein einziges von ihm hingekritzeltes Wort: "Maidan".

insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
irene74 26.02.2017
1.
Traurig!Als Mann ohne Land merkt er jetzt, das ihn niemand braucht, auch nicht sein " Kumpel" Putin. Die Erkenntniss das er noch nie ein großer Mann war, nur ein Handlanger, schmerzt doppelt. Welch eine Verschwendung von Lebenszeit, sein Volk in die bessere Zukunft zu führen, ohne sich zu bereichern, währe sinnvoller gewesen.
Bernd.Brincken 26.02.2017
2. Aufklärung
Verwirrt mag der Mann ja sein, aber zur Erhellung der Zusammenhänge trägt dieser Artikel auch nicht gerade bei. Der SPIEGEL selbst hatte vor Jahren die Abfolge der Ereignisse _vor_ dem Maidan-Aufstand minutiös dokumentiert. Es wurde deutlich, dass Janukowitsch über einige Zeit hinweg Russland und die EU gegeneinander ausspielte, oder es versuchte. Es ist also mitnichten so, dass er die russische Position in dieser Sache damals repräsentierte, oder dies heute tut. Dies wird aber durch den Standort Moskau im Artikel implizit unterstellt. Wer sein Wissen über Russland nur aus Medien wie dem Spiegel hat, muss glauben, "da herrscht eine Diktatur, wer also in Moskau sitzt, der vertritt auch Kreml-Positionen". Das ist grundsätzlich und auch im Falle Janukowitsch: Quatsch.
motzkopf 26.02.2017
3.
Ich bin poritiv überrascht, dass solch ein sensitiver, erzählerischer Artikel mal nicht in der "Plus"-Abteilung gelandet ist.
Ottokar 26.02.2017
4. In 50 x Jahren werden wir vielleicht erfahren
welche Mächte den Mann benutzt und hintergangen haben. Traurig für jede Person so zu enden.
rwinter77 26.02.2017
5. Unentschlossen
Das Interview verbreitet den Eindruck eines unentschlossen, wankelmütigen Mannes, zu dem die Schaukelpartie zwischen EU und Russland passt. Aber immerhin hat dieser Mann zweimal die Präsidentschaft gewonnen. Einige Punkte im Bericht stützen die These, dass es beim Maidan auch und nicht nur nebenbei um eine Außeinandersetzung zwischen den Oligarchen das Landes gehandelt hat - Fyrtasch auf Seiten des Maidan, Achmetow als Stütze des "Regimes". BTW, der fast Mitleid erregende Eindruck, den das Interview vermittelt, passt nicht zu der Darstellung des skrupellosen, hochkorrupten Machtmenschen von 2013/14.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.