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Wildwest in Bagdad: "Niemand ist hier sicher"

Gewalt und Gesetzlosigkeit im Irak nehmen grausame Züge an. Plünderer machen selbst vor Krankenhäusern, Museen und Banken nicht halt. Um das Chaos einzudämmen, bitten die USA inzwischen andere Länder um Polizeihilfe. Für Dienstag sind erste Gespräche über eine Nachkriegsregierung geplant.



Bagdad am Samstag: Plünderer bestimmen weiterhin das Straßenbild
AFP

Bagdad am Samstag: Plünderer bestimmen weiterhin das Straßenbild

Bagdad - In den Straßen Bagdads wird die Situation nach Angaben des britischen Senders BBC immer chaotischer. "Überall hört man Gewehrfeuer, Kugeln fliegen in alle Richtungen, niemand ist hier sicher", berichtete ein BBC-Reporter am Samstag aus der irakischen Hauptstadt. Nach seinen Angaben kontrollieren teilweise Bürgerwehren die Straßen, errichten Barrikaden und jagen Plünderer. Ein Grund für die unsichere Lage seien offenbar auch zunehmende Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten in der Stadt, hieß es weiter.

Auch der Fernsehsender CNN berichtete am Samstag von fortgesetzten Plünderungen in irakischen Großstädten. Es würden "Wildwest-Zustände" herrschen, sagte ein Reporter. Brandstiftungen, Plünderungen und Schüsse auf der Straße seien weiterhin an der Tagessordnung. Auch in anderen Städten setzten sich die Plünderungen fort, weil sich keine Polizei mehr auf den Straßen zeige. In Mossul wurden sogar die Staatsbank und das Museum geplündert. Auch aus Bagdads Staatsmuseum für die mesopotamische Geschichte wurden zahllose Zerstörungen und Diebstähle gemeldet. Der Schaden dort soll in die Millionen gehen. Die US-Soldaten hätten kein Interesse gezeigt, die Kulturschätze zu schützen, wird ein Vertreter der Museumsleitung zitiert: "Ein Panzer zum Schutz hätte gereicht".

Irakische Ladenbesitzer und Krankenhausangestellte setzten sich inzwischen selbst gegen Plünderer zur Wehr. Vereinzelt seien in Krankenhäusern sogar Krankenwagen gestohlen worden. In Bagdad wurde am Samstag auch das füher von Journalisten und Staatsgästen benutzte Hotel al-Rasheed demoliert und geplündert. Auch eine nächtliche Ausgangssperre hatte neue Brandstiftungen nicht verhindern können.

Umdenken in den USA

US-Verteidigungsminister Rumsfeld hatte sich noch gestern entsetzt über Schlagzeilen geäußert, die von Chaos und Plünderungen im Irak berichteten und Verständnis für die Emotionen in der Bevölkerung gezeigt. Nachdem sich aber in den meisten großen Städte die Plünderungen ausgedehnt haben, setzt auch in der US-Administration ein allmähliches Umdenken ein.

Zunächst soll ein 26-köpfiges amerikanisches Vorausteam nach Bagdad reisen, kündigte das US-Außenministerium an, später seien 1150 Berater möglich. Wie CNN berichtet, wollen die Amerikaner auch andere Länder bitten, Polizeikräfte in den Irak zu schicken. In Basra kündigten die britischen Streitkräfte unterdessen an, innerhalb der nächsten 48 Stunden gemeinsame Patroullien mit der einheimischen Polizei zu bilden.

Plünderer vor dem Hussein Krankenhaus in Bagdad
AP

Plünderer vor dem Hussein Krankenhaus in Bagdad

Nach einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" prüft auch die Bundesregierung ein möglichst rasches Engagement im Irak - sobald der Krieg offiziell beendet ist. Dabei sollen der zivile Wiederaufbau und Sicherheitsaufgaben im Süden des Irak im Vordergrund stehen. Die USA selbst wollen nach Angaben des Außenministeriums zunächst ein Vorauskommando von 26 Personen entsenden, bei der "Wiederherstellung von Recht und Ordnung" zu helfen. Das Team soll zur Gruppe von Jay Garner gehören, dem die USA die Führung der irakischen Zivilverwaltung übertragen werden soll. Insgesamt könne die Zahl der Berater auf 1.150 steigen.

Am Dienstag wollen sich der US-Gesandte Zalmay Khalilzad und Vertreter der irakischen Opposition in Nasirijah treffen, um über eine künftige Nachkriegsregierung zu beraten. Dabei sollen zunächst die Prinzipien festgelegt werden, auf denen eine künftige Regierung aufgebaut werden könne.

Kliniken geschlossen, Kranke bleiben sich selbst überlassen

Sein Sohn hat das Augenlicht verloren, seine Tochter ist schwer verwundet: Dieser Vater braucht die Hilfe der Ärzte und Schwestern in Bagdad
AP/Kyodo

Sein Sohn hat das Augenlicht verloren, seine Tochter ist schwer verwundet: Dieser Vater braucht die Hilfe der Ärzte und Schwestern in Bagdad

Niemand kümmere sich in Bagdad und anderen irakischen Städten mehr um die Toten und Verletzten, warnte am Freitag das Internationale Rote Kreuz (IKRK). Das Gesundheitssystem sei weitgehend zusammengebrochen. Die 33 Hospitäler der Fünf-Millionen-Stadt seien nicht mehr in der Lage, kriegsverletzte oder andere Patienten zu versorgen. Die meisten Kliniken seien geschlossen, Kranke geflüchtet oder sich selbst überlasssen. Steigende Temperaturen und eine immer schlechtere Versorgung mit Wasser und Strom erhöhten das Seuchenrisiko. Gesetzlose, teilweise bewaffnet, plünderten selbst lebenswichtige öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser.

Die Statue des Tyrannen liegt am Boden. Doch anstatt Frieden herrschen Gewalt und Willkür
DPA

Die Statue des Tyrannen liegt am Boden. Doch anstatt Frieden herrschen Gewalt und Willkür

In der Tat sind selbst die Orte, wo man sich um die vielen Verletzten des Krieges kümmert, nicht vor den Plünderern gefeit. Was nicht gestohlen wurde, ist verwüstet. In einem Hospital liegen zwischen gefledderten Akten Medizinampullen und Tabletten im Dreck. In einem anderen Krankenhaus der Hauptstadt entwendeten zwei Männer einen kompletten Operationstisch. "Die Lage hat sich seit gestern verschlimmert. Es herrscht Anarchie", berichtet ein Reuters-Korrespondent aus Bagdad. Im Stadtbezirk Mansur hätten bewaffnete Männer ein Kinderkrankenhaus gestürmt, wo Leichen von Zivilisten und Kämpfern aufgebahrt werden.

Wegen der Gefahr für ihr eigenes Leben trauen sich viele Ärzte und Schwestern nicht mehr an ihren Arbeitsplatz. Vor dem geplünderten "Olympischen Krankenhaus" sammeln sich die Bagdader, die einen funktionierenden Staat wollen. "Wo ist die Sicherheit. Das Krankenhaus hier dient doch dem Volk", schreit ein Mann. "Wo die Amerikaner stehen, darf niemand etwas machen. Das Ölministerium haben sie nicht kaputt machen lassen", sagt er weiter. So schaden die Plünderungen auch dem Vertrauen, das die US-Soldaten nach dem Willen ihrer Regierung in Bagdad aufbauen wollen. In einigen Bezirken sind die Bürger zur Gegenwehr übergegangen und haben Straßensperren errichtet.

ZDF-Team beschossen

Unterdessen haben amerikanische Soldaten einige der persönlichen Waffen von Saddams Sohn Udai gefunden. In einem verlassenen Haus stießen sie auf Dutzende von Pistolen, die mit Gold- und Silberarbeiten verziert und offenbar dem Präsidentensohn offenbar als Geschenke überreicht worden waren. Auch österreichische Gewehre der Marke "Steyr" seien darunter gewesen, berichtet die Nachrichtenagentur AP.

Plündernde Frauen in Bagdad: Was nicht gestohlen wurde, wird verwüstet
AP

Plündernde Frauen in Bagdad: Was nicht gestohlen wurde, wird verwüstet

Wie in Bagdad sieht es in den meisten irakischen Städten aus. Mossul, Basra, Kirkuk: Es ist überall das gleiche Bild. Bewaffnete Männer ziehen randalierend durch die Straßen, plündern Häuser und setzten öffentliche Gebäude in Brand. Nachdem das Machtsystem von Saddam Hussein gestürzt ist, nimmt sich das Volk nun offensichtlich alles vor, was für das Gemeinwesen bisher wichtig war - und nicht nur das. Am Freitag fuhren mit Plündergut beladene Autos durch die Städte. In den Straßen sind überall Waffen zu sehen, Plünderer schießen auf Menschen, die sich ihnen in den Weg stellen. Ein Kameramann filmte, wie Bewaffnete auf der Straße Zivilisten beschossen. Einer der Schützen hielt dem Journalisten den Lauf seines Gewehrs vor das Gesicht und forderte ein Ende der Filmaufnahmen. Ein ZDF-Team in Bagdad wurde angegriffen und beschossen, eine Kamera zerstört, sagte ZDF-Korrespondent Ulrich Tillgner im "heute-journal". Polizei oder andere Sicherheitskräfte sind nicht zu sehen und die britischen und amerikansichen Soldaten greifen kaum ein.

Straßenszene in Bagdad: Kollaps der öffentlichen Ordnung
AP

Straßenszene in Bagdad: Kollaps der öffentlichen Ordnung

Auch in der drittgrößten überwiegend von Arabern bewohnten Stadt Mossul kommt es zu Plünderungen und Gewalt. "Was wir hier sehen, das kann kein Mensch glauben", schluchzt der Medizinprofessor ins Mikrofon des Reporters vom Fernsehsender al-Dschasira, während er hilflos zusieht, wie seine Landsleute Computer, Teppiche und Laborgeräte aus der Universität von Mossul in ihren Autos abtransportieren. Weit und breit ist kein Polizist zu sehen.

Die Stadt war wenige Stunden zuvor von kurdischen Verbänden und US-Soldaten eingenommen worden. Dort gibt es eine seit langem währende Rivalität zischen der arabischen und der kurdischen Bevölkerung. Es habe zunächst keine formale Kapitulation gegeben, sagte ein US-Armeesprecher. Das fünfte Korps der irakischen Armee habe sich einfach "aufgelöst". Erst später wurde ein Waffenstillstand unterzeichnet. CNN zeigte Bilder endloser Schlangen irakischer Soldaten in Zivil, die ihre Waffen und Uniformen abgelegt und sich auf den Heimweg gemacht hätten. Nach Angaben des Senders sollen es mehrere Tausend sein.

"Das Sagen hat, wer ein Gewehr besitzt"

"Es gibt keine Autorität mehr, das Sagen hat jetzt derjenige, der ein Gewehr besitzt", klagt ein islamischer Religionslehrer. "Wo sind die Amerikaner?", ruft ein Mann mit einer Handgranate in der Hand in der Innenstadt einem Reuters-Team zu. "Ihr dreht hier Bilder, aber wie ihr die Leute am Plündern hindert, wisst ihr nicht. Haut ab." Einige Straßen weiter werfen Plünderer vor einer ausgeräumten Bank mit irakischen Geldscheinen um sich. Andere sammeln die Scheine mit dem Konterfei von Saddam Hussein hastig auf. In einem anderen Viertel geht ein Markt in Flammen auf.

Auch Frauen, Kinder und alte Männer beteiligen sich an den Plünderungen. Viele von ihnen stammen aus Mossul, andere sind extra zum Plündern in die Stadt gekommen. Schulen und andere öffentliche Einrichtungen werden auch hier verwüstet oder in Brand gesetzt. Von US-Soldaten oder kurdischen Kämpfern ist im Stadtzentrum kaum etwas zu sehen.

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