Wirbel um Interview EU-Kommissar schmäht Juden als Rechthaber

EU-Handelskommissar Karel De Gucht sorgt mit pauschalen Äußerungen über Juden für Empörung: Es gebe bei den meisten "einen Glauben, dass sie recht haben", behauptete der 56-Jährige in einem Interview. Die EU-Kommission distanziert sich, Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sind entsetzt.

EU-Handelskommissar Karel De Gucht: "Unterschätzen Sie nicht die jüdische Lobby"
AFP

EU-Handelskommissar Karel De Gucht: "Unterschätzen Sie nicht die jüdische Lobby"


Brüssel - EU-Handelskommissar Karel De Gucht hat mit Äußerungen über die angeblich irrationale Haltung vieler Juden zum Nahost-Konflikt für Aufruhr gesorgt. Der frühere belgische Außenminister bezeichnete Juden in einem Interview mit dem flämischen Radiosender VRT als Rechthaber. "Es gibt einen Glauben - ich kann es kaum anders umschreiben - bei den meisten Juden, dass sie recht haben", sagte der Liberale. Nicht nur religiöse, sondern auch "freisinnige Juden" außerhalb Israels teilten diesen Glauben. "Deswegen ist es nicht einfach", so De Gucht, "selbst mit einem gemäßigten Juden ein rationales Gespräch über das zu führen, was sich im Nahen Osten abspielt."

De Gucht warnte zudem vor jüdischem Einfluss auf die US-Politik. "Unterschätzen Sie nicht die jüdische Lobby auf dem Capitol Hill, das ist das amerikanische Parlament. Das ist die bestorganisierte Lobby, die es dort gibt. Unterschätzen Sie mit anderen Worten nicht den Einfluss, den die jüdische Lobby auf die amerikanische Politik hat, ob das nun die Republikaner oder die Demokraten betrifft." Die Friedenschancen im Nahen Osten seien daher gering.

Vertreter der Jüdischen Gemeinschaft in Belgien reagierten entsetzt. "Karel De Gucht stigmatisiert uns", sagte Diane Keyser, Generalsekretärin des Antwerpener Forums der Jüdischen Organisationen, der "Financial Times Deutschland". "Er greift nicht Israel an, sondern die Juden weltweit und wirft ihnen kollektive Rechthaberei vor. Wir bemühen uns, das Wort Rassismus nicht in den Mund zu nehmen, aber so etwas ist skandalös."

De Gucht trage als oberster Repräsentant Belgiens in der Kommission große Verantwortung für den Ruf seines Landes. Belgiens Regierung solle ihm daher "auf die Finger hauen". Eine Entschuldigung von De Gucht wollte Keyser nicht einfordern: "Er sollte lieber den Mund halten. Arroganz und Diplomatie vertragen sich nicht."

Immer wieder Provokationen

Der Europäische Jüdische Kongress stellte die Äußerungen des Kommissars in eine Reihe mit den Aussagen von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin über ein angebliches jüdisches Gen. Das Schmähen von Juden sei "offenbar auf den höchsten Ebenen der Europäischen Union akzeptabel", hieß es in einer Mitteilung.

De Gucht reagierte am Freitag auf die durch ihn ausgelöste Empörung: "Ich bedaure, dass die von mir gemachten Kommentare in einem Sinne gedeutet wurden, den ich nicht beabsichtigt hatte." Er habe die Jüdische Gemeinschaft nicht stigmatisieren wollen. Antisemitismus verstoße "fundamental gegen unsere europäischen Werte". Zuvor hatte ein Sprecher der EU-Kommission die Einlassungen im Rundfunk als "persönliche Kommentare" bezeichnet. "Sie repräsentieren nicht die wohlbekannte Meinung der Kommission zum Nahost-Friedensprozess".

De Gucht hatte in der Vergangenheit mehrfach mit provokativen Äußerungen Aufsehen erregt. Als belgischer Außenminister und EU-Kommissar prangerte er lauthals Korruption in der Demokratischen Republik Kongo an. Die Kritik an der ehemaligen belgischen Kolonie führte zu schweren diplomatischen Verwicklungen.

Auch in den Niederlanden sorgte De Gucht für Entrüstung, als er den damaligen Regierungschef Jan Peter Balkenende als "Mischung aus Harry Potter und steifer Bürgerlichkeit" bezeichnete und den Niederländern wegen ihrer damaligen Ablehnung der EU-Verfassung vorwarf, oberflächlich und unzuverlässig zu sein.

hen/AFP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 255 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
GyrosPita 03.09.2010
1. Ich gebe keinen Titel mehr an
Wird der jetzt auch aus dem Vorstand der Bundesbank geschmissen?
Dunstmokel 03.09.2010
2. Ich darf das!
Da fällt mir nur das Buch von Oliver Polak ein: "Ich darf das, ich bin Jude"! Bald erscheint bestimmt auch noch: "Ich darf das, ich bin Moslem" und "Ich darf das, ich bin Türke" oder "Ich darf das, ich bin Araber" usw.
mauskeu 03.09.2010
3. Vorurteile ?
Zitat von sysopEU-Handelskommissar Karel de Gucht sorgt mit pauschalen Äußerungen über Juden für Empörung: Es gebe bei den meisten "einen Glauben, dass sie recht haben", behauptete der 56-Jährige in einem Interview. Die EU-Kommission distanziert sich, Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sind entsetzt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715597,00.html
Political correctness heisst doch im Grunde nur, dass ich meine Meinung nicht sagen sollte, wenn sie Anlass geben könnte, dass jemand sich beleidigt fühlt.In den USA hat man das besser als in der EU verstanden.Jeder oder jede Gruppe hat Vorurteile gegen andere Menschen,Gruppen,Nationen oder Rassen. Ab und zu sagt halt jemand war er denkt.
Wolfghar 03.09.2010
4. Auf Thema antworten
Das ist wirklich entsetzlich. Ist das nicht Volksverhetzung? In Deutschland sässe der sofort im Knast. Ich bin tief betroffen und empört und erschüttert. Hoffentlich distanziert sich Frau Merkel ganz deutlich davon im Namen aller Deutschen. Neulich sagte jemand das Juden alle ein bestimmtes Gen teilen und jetzt das. Das ist ein lodernder neuer Antisemitismus. Sie glauben das sie immer Recht haben hat er gesagt, einfach nur furchtbar. Mich schauderts überall. Ich mach jetzt den Rechner aus und versuche mit meiner Erschütterung fertig zu werden.
Neurovore 03.09.2010
5. ...
Zitat von sysopEU-Handelskommissar Karel de Gucht sorgt mit pauschalen Äußerungen über Juden für Empörung: Es gebe bei den meisten "einen Glauben, dass sie recht haben", behauptete der 56-Jährige in einem Interview. Die EU-Kommission distanziert sich, Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sind entsetzt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715597,00.html
Wenn man diesen SPON-Artikel (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715244,00.html) in Betracht zieht, dann hat der Mann aber doch recht...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.