Supersturm "Sandy": Obamas Stunde

Von , Washington

Supersturm "Sandy" hat gewütet - jetzt muss der Präsident die Krise managen. Barack Obama schlüpft nur eine Woche vor der US-Wahl in eine neue Rolle. Ein Versagen kann ihn den Job kosten.

Obama vor Briefing im Weißen Haus: "Jetzt geht es darum, Leben zu retten" Zur Großansicht
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Obama vor Briefing im Weißen Haus: "Jetzt geht es darum, Leben zu retten"

Noch bevor der Sturm Amerikas Ostküste getroffen hatte, wollte Barack Obama ein Zeichen setzen: dass er bereit ist, dass er das Land führen kann. Noch exakt acht Tage waren es zu diesem Zeitpunkt bis zur Entscheidung über seine Zukunft, bis zur Präsidentschaftswahl am 6. November.

"Großer und mächtiger Sturm", sagte also Obama. Er, der Präsident, habe mit den Regierungschefs aller betroffenen Bundesstaaten gesprochen. Die Zivilschutzbehörde FEMA (Federal Emergency Management Agency) sei eingebunden. Essens- und Wasservorräte stünden bereit. Amerika halte zusammen, gerade in schwierigen Zeiten. Man sei gewappnet. Man werde das hinkriegen.

"Was ist mit der Präsidentschaftswahl, Sir?"

Der Präsident als Krisenmanager. Barack Obama macht das, was die Amerikaner von einem Präsidenten erwarten, wenn sie ein Jahrhundertsturm wie "Sandy" erwischt: Er lässt die Politik Politik sein, ganz demonstrativ, und agiert als oberster Katastrophenschützer. Als dann doch noch ein Reporter fragte "Sir, was ist denn eigentlich mit der Präsidentschaftswahl?", da antwortete der Präsident sachlich, uneigennützig, energisch: "Die Wahl wird nächste Woche schon auf sich selbst achtgeben. Jetzt geht es darum, Leben zu retten."

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Jahrhundertsturm: "Sandy" wütet an der US-Ostküste

Barack Obama hat in diesem Moment die Rollen getauscht, vom bedrängten Wahlkämpfer zum Sturm-Präsidenten. Er kann jetzt alles gewinnen. Oder alles verlieren. Der Sturm werde "in den nächsten Tagen ein enormer Test für Obama sein - einer, der dagegen die TV-Debatte in Denver wie ein Kinderspiel aussehen lässt", sagt Princeton-Kommunikationsexperte Julian Zelizer auf CNN. In Denver hatte Obama verloren und damit dem Rivalen Mitt Romney die Aufholjagd überhaupt erst ermöglicht.

Nur eines darf jetzt nicht passieren, wenn Obama eine zweite Amtszeit im Weißen Haus verbringen will: Sollte sein Krisenmanagement scheitern wie einst das von Vorgänger George W. Bush bei Hurrikan "Katrina", dann kann er einpacken. Bush ruinierte im Jahr 2005 seinen Ruf, als er vier Tage brauchte, bis er sich überhaupt in New Orleans blicken ließ. Die Bundesbehörden, allen voran die von Bush zuvor abgewertete FEMA, versagten. Mehr als 1800 Menschen starben; vor allem die Ärmeren, vor allem die Schwarzen. Es waren dann Staaten wie Deutschland, die Lebensmittel und Pumpen sendeten.

Obama, der Bush dieses Versagen stets vorwarf, muss nun seinen eigenen "Katrina"-Moment vermeiden. Gelingt dies, könnte ihn ein "Sandy"-Moment zum Wahlsieg tragen. Die Krise ist schließlich die Stunde der Exekutive.

Und die Krise fängt erst an. Die Nacht auf Dienstag war furchtbar, Menschen sind gestorben, fünf Millionen sind ohne Strom, in Manhattan steht das Wasser - und an der Küste New Jerseys haben sie in einem Atomkraftwerk den Alarmzustand ausgerufen. Doch jetzt müssen Obama und Co. handeln: Werden die Opfer versorgt? Sind genug Lebensmittel da? Wie schnell wird der Strom wiederhergestellt?

Noch am Montag hat das Weiße Haus eine ellenlange E-Mail gesendet, in dem das Katastrophenschutzprogramm der Regierung aufgelistet ist.

  • Mehr als 1500 Mitarbeiter der Zivilschutzbehörde seien an der gesamten Ostküste verteilt, um die Staaten bei Rettungs- und Sucheinsätzen, in der Kommunikation und Logistik zu unterstützen.
  • Zusätzlich stünden weitere 28 FEMA-Teams mit 294 Mitgliedern im Hintergrund bereit.
  • Drei Rettungs-Task-Forces seien in der Mid-Atlantic-Region stationiert, vier weitere in Alarmbereitschaft.
  • Fünf Millionen Liter Wasser, drei Millionen Mahlzeiten, 900.000 Decken, 100.000 Feldbetten könnten insgesamt ausgeliefert werden. In New Jersey und Massachusetts seien Verteilzentren errichtet worden.
  • Die Nationalgarde habe 1900 Mann in den betroffenen Staaten stationiert.

Und so weiter, und so weiter. Im Zentrum des Ganzen aber steht Craig Fugate, der hemdsärmlige FEMA-Chef, den Obama eingesetzt und dessen Behörde er wieder aufgewertet hat. In Florida hatte sich Fugate zuvor als Katastrophenschützer bewiesen. Und während "Sandy" übers Land tobte, wählte Fugate die direkte, entschiedene Ansprache über Twitter: "Wenn der Strom weg ist, schaltet euer mit Batterien oder Handkurbeln betriebenes Radio an, damit ihr die Neuigkeiten hören könnt."

Obama managt die Krise, Axelrod macht Wahlkampf

Der Krisenmanager Obama zeigt sich jetzt an der Seite Fugates. Seine Wahlkampfauftritte für Dienstag hat er dagegen abgesagt. Doch im Hintergrund werkelt Top-Stratege David Axelrod entschieden am Projekt Wiederwahl. Bei einer Telefonschalte am Montag versicherte er den Journalisten, ein Sieg Obamas sei "unabwendbar": Der Präsident liege in den entscheidenden Swing States vorn, der vermeintliche Romney-Trend sei ein "Bluff". Es dauerte ein paar Minuten bis Wahlkampf-Manager Jim Messina eingriff und versicherte, dass die "Gedanken und Gebete" von Axelrod und ihm natürlich bei den Leuten im Katastrophengebiet seien.

Überdies ist Axelrods Siegesgewissheit keineswegs derart mit "kalten, harten Daten" unterfüttert, wie er das glauben machen will. Denn "Sandy" und die Folgen könnten gerade jene vom Wählen abhalten, auf die Obama angewiesen ist: die kleinen Leute, die schwerer zu motivieren sind. Wenn tagelang der Strom ausfällt, haben die möglicherweise Besseres zu tun, als ins Wahllokal zu gehen. Und schon gar nicht haben sie vielleicht die Muße, vorzeitig wählen zu gehen, wie Obama das vergangene Woche selbst vorgemacht hat, um sich frühzeitig Stimmen zu sichern.

Und was macht Mitt Romney? Der sagte kurz nach dem Präsidenten ebenfalls seine nächsten Wahlkampfauftritte ab. Keinesfalls darf er schließlich den Eindruck erwecken, als würde er politischen Profit aus der Krise ziehen wollen. Nein, stattdessen ruft Romney seine Anhänger zu Spenden für die Betroffenen auf. Und einen Auftritt im wichtigen Swing State Ohio am Dienstag widmet er einfach um: Statt "Sieges-Rallye" heißt er jetzt "Storm Relief Event" und soll Geld für die Opfer bringen.

Romney gibt sich präsidentiell, setzt seinen Marsch in die Mitte fort: "Er glaubt, dass dies eine Zeit ist, in der die Nation und ihre Anführer zusammenkommen und sich auf jene Amerikaner konzentrierten, die in Gefahr sind", flötet Romney-Sprecher Gail Gitcho.

Darüber wäre in dieser stürmischen Nacht beinahe in Vergessenheit geraten, dass Romney während eines TV-Auftritts im Sommer 2011 andeutete, ausgerechnet die jetzt so wichtige Bundesbehörde FEMA abschaffen zu wollen: "Wenn man die Möglichkeit hat, etwas von der Bundes- auf die Einzelstaatsebene zu verlagern, dann ist das die richtige Richtung. Und wenn man noch weitergehen und die Aufgabe zurück in die Privatwirtschaft geben kann, dann ist das noch besser."

Kaum hatte die "Huffington Post" dies in Erinnerung gerufen, erklärte ein Romney-Sprecher, dass der Kandidat die FEMA nicht abschaffen wolle. Natürlich.

Es sind jetzt noch exakt sieben Tage bis zur Wahl.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. ?
janne2109 30.10.2012
Supersturm "Sandy" hat gewütet - Hat er? Oder wütet der Sturm noch? Ist der Artikel etwas verfrüht eingesetzt?, Glaube ja.
2.
regensommer 30.10.2012
Ereilt Obama jetzt der schröder´sche Fluteffekt? Vielleicht sollte er sich von Gerhard die Gummistiefel leihen, die ihn damals zur Wiederwahl getragen haben.
3. optional
16to 30.10.2012
Wer denkt da nicht an Schröder und die Oderflut? Heute werden wir den Präsidenten in Gummistiefeln sehen.
4. Wem "nützte"
robinright 30.10.2012
damals das Oder-Hochwasser auch noch?
5.
nudelsuppe 30.10.2012
Zitat von sysopAPSupersturm "Sandy" hat gewütet - jetzt muss der Präsident die Krise managen. Barack Obama schlüpft nur eine Woche vor der US-Wahl in eine neue Rolle. Und wird von bösen Erinnerungen an seinen Vorgänger George W. Bush gequält. http://www.spiegel.de/politik/ausland/wirbelsturm-sandy-obamas-stunde-a-864158.html
Der alte Wendehals Romney. Immer alles privatisieren - auch staatliche Aufgaben und dann am besten eine Firma besitzen, die die privatisierten Dienste anbietet. So bereichert man sich auf Kosten des Staates.
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"Sandys" Weg an der US-Ostküste

Vorhersage für Sandy:
Die rote Linie zeigt den vorhergesagten wahrscheinlichsten Weg von "Sandys" Sturmzentrum.

Der grüne Bereich zeigt weitere mögliche Pfade, die "Sandy" einschlagen könnte.

Der rote Punkt zeigt die Position des Sturmzentrums.

Stand: 13:20 Uhr
Fotostrecke
Hurrikan "Sandy": US-Ostküste zittert vor dem Sturm

Fotostrecke
"Sandy": US-Ostküste wappnet sich für Monstersturm

Was die Hurrikan-Stärken bedeuten
Hurrikans werden nach der sogenannten Saffir-Simpson-Skala je nach Intensität in Kategorien von 1 bis 5 eingestuft. Wichtige Merkmale zur Einordnung sind Windgeschwindigkeit und Zerstörungskraft.
Windgeschwindigkeiten von 119 bis 153 Kilometer pro Stunde - minimale Schäden an Bäumen und schlecht verankerten Gebäuden.
Windgeschwindigkeiten von 154 bis 177 Kilometer pro Stunde - Bäume werden entwurzelt und Schilder umgerissen, auch können Hausdächer, Fenster und Türen beschädigt werden. Küstenstraßen werden überflutet, kleinere ungeschützte Schiffe aus der Verankerung gerissen. Bewohnern an Küstenstreifen wird empfohlen, sich in Sicherheit zu bringen.
Windgeschwindigkeiten von 178 bis 209 Kilometer pro Stunde - mobile Häuser werden zerstört, ebenso leichtere Bauwerke in Küstennähe. Der Wind drückt Fenster ein und deckt Dächer ab. Große Bäume werden entwurzelt oder knicken einfach um. Die Überflutungen werden stärker. Ein Küstenstreifen von etwa 400 Metern Breite sollte geräumt werden.
Windgeschwindigkeiten von 210 bis 249 Kilometer pro Stunde - extreme Schäden an Gebäuden. Wohnwagen werden zerstört oder weggeweht. Bauwerke an der Küste werden durch Wind und Wellen schwer beschädigt oder zerstört, tiefer liegende Gebiete überflutet. Massive Evakuierungen sind notwendig. Menschen können zu Schaden kommen oder getötet werden.
Windgeschwindigkeiten ab 250 Kilometer pro Stunde - die Zerstörungen sind katastrophal. Es gibt schwere Überschwemmungen, Häuser werden zerstört oder fortgeblasen. Es gibt massenweise abgedeckte Dächer, zertrümmerte Türen und Fenster. In Küstengebieten sind manchmal große Evakuierungsaktionen erforderlich. Wer sich nicht in Sicherheit bringt, kann verletzt oder getötet werden.