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Wirtschaftskrise: Griechenland droht die Massenarmut

Aus Athen berichtet

Griechenland spart - und die Zahl der Menschen, die in bitterer Armut leben, wächst dramatisch. Zu Tausenden strömen die Hungrigen zu Essensausgaben, suchen im Müll nach Brauchbarem. Neben der finanziellen Pleite droht dem Land nun der soziale Bankrott.

Finanzkrise: Armut in Griechenland Fotos
Getty Images

Der Kampf ums Überleben dauert diesmal exakt 29 Minuten. Pünktlich um 15 Uhr öffnet Pater Andreas, 37, vom Erzbistum der griechisch-orthodoxen Kirche die Mittagsspeisung in der Athener Innenstadt. Die Schlange der Hungrigen reicht zu diesem Zeitpunkt quer über einen großen Platz bis auf die Straße. Bedürftige jeden Alters warten geduldig, Rentner und Arbeitslose, Mütter mit ihren Kindern und Einwanderer, Asylanten und Illegale. "Wir können die Leute nicht hungern lassen", sagt der Geistliche, "die haben so viel zu leiden, da soll es zumindest nicht auch noch am Essen fehlen."

Ein christlicher Vorsatz. Doch als nach knapp einer halben Stunde alle 1200 Portionen ausgegeben sind, müssen einige Dutzend Hungrige den Platz mit knurrendem Magen wieder verlassen. Ihnen bleibt nur die Hoffnung auf das nächste Mal.

Katarina, 44, hat Glück gehabt. Acht Portionen Erbsen und Möhren mit Kartoffeln, mehrere Becher Joghurt und eine Tüte Brot hat sie ergattert, das muss reichen für den Tag und ihre Familie. Früher hat sie in einer Keksfabrik gearbeitet, und ihren vollen Namen will sie lieber nicht nennen. Sie schämt sich. Katarina ist mit ihrer siebenjährigen Tochter aus einem Vorort quer durch die Stadt mit dem Bus gekommen, nur für eine warme Mahlzeit.

Katarina hat ihren Job vor gut einem Jahr verloren, seitdem ist sie auf die mit "heiligem Geld" (sagt Pater Andreas) finanzierten Almosen angewiesen. "Es gibt keine Arbeit, sogar als Prospektverteiler nimmt dich keiner mehr", sagt die Frau. " Griechenland ist am Ende."

Armenspeisung im Taubendreck

Spyros Xaplanteris, 62, kommt seit einem Jahr an den Platz. Sein Hemd ist speckig, seine Hose zerschlissen, "mich treibt die Not hierher", sagt er. Er war mal Lagerarbeiter im Hilton, seit einem Jahr ist er nun ohne Job: "Es tut weh", sagt er, "aber was soll ich machen, ich habe kein Geld."

Seit Wochen demonstrieren Tausende wütende Griechen vor dem Parlament gegen ihre Regierung, mit Sprechchören, Transparenten und einige hundert auch mit Steinen und Brandsätzen, immer unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Auf die Menschen in den dunklen Gassen der Athener Innenstadt schaut keiner. Dabei haben Pater Andreas und seine Kollegen viel zu tun in diesen Wochen. In fast allen der 400 Kirchenkreise gibt es inzwischen solche Armenspeisungen, dazu noch einige vom Sozialamt.

Auf dem Hof beim Pater sind es gleich drei. Mittags um 12 Uhr kommen bis zu 2000 Menschen, am frühen Nachmittag dann 1200 und am Abend noch einmal rund 1000. Es wird darauf geachtet, dass nicht immer die Gleichen in der Schlange stehen. Denn "die Zahl der Bedürftigen nimmt rasant zu", sagt eine der Helferinnen. "Bei den Griechen in den letzten Monaten um 30 Prozent, und wir wissen nicht, ob es dabei bleibt."

Die meisten verzehren ihre Ration gleich auf dem Platz, so groß ist der Hunger. Sie hocken auf Bänken und Mauern im Taubendreck, trinken Wasser aus dem Schlauch für die Rasensprengung.

Die Mini-Firmen gehen zugrunde

Noch einmal hat Premier Georgios Papandreou vergangene Woche seine Mehrheit zusammenbekommen, um Sparbeschlüsse und Privatisierungsprogramme mit einem Volumen von 78 Milliarden Euro durchzudrücken. Die Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission wollte das so, und viele Wirtschaftsexperten unterstützen das, um den drohenden Staatsbankrott in letzter Sekunde abzuwenden und die Gemeinschaftswährung Euro vor noch Schlimmerem zu bewahren.

Aber: Spart Papandreou gerade sein Land zu Tode? Savas Robolis, 65, sieht das so oder zumindest so ähnlich. "Die Menschen haben Angst", sagt er: Angst vor einer ungewissen Zukunft geht vor allem bei den abhängig Beschäftigten um, weil die Lasten sozial ungerecht verteilt sind. Robolis ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Athener Panteion-Universität und Direktor des Forschungsinstituts für Arbeit der Gewerkschaftsdachverbände. Sein Name hat als der eines Gutachters Gewicht.

Von den 960.000 griechischen Unternehmen hätten 930.000 im Schnitt nicht mehr als vier Mitarbeiter, rechnet er vor. Das seien Kleinstunternehmen "ohne hohes Wettbewerbsniveau", die vor allem auf Produkte und Dienstleistungen für die 3,5 Millionen privaten griechischen Haushalte spezialisiert seien. Wenn man diesen nun das Einkommen senkt, drückt man automatisch die Nachfrage und den Konsum. Die kleinen Unternehmen, die keine Liquidität hätten, seien schnell am Ende.

"Genau das ist eingetreten", klagt Robolis. Im letzten Jahr machten rund 60.000 dieser Mini-Firmen dicht, für 2011 wird mit noch einmal so vielen Schließungen gerechnet, mindestens.

Meer, Olivenöl, Feta-Käse - und sonst?

Die Zahl der Arbeitslosen stieg 2010 um 230.000 auf 14,8 Prozent, und Arbeitslosigkeit ist fast gleichbedeutend mit sozialem Bankrott. Wer seinen Job verliert, bekommt nur ein Jahr lang Arbeitslosenunterstützung - und das sind nicht einmal 500 Euro monatlich. Danach fällt man praktisch ins Nichts. Von derzeit über 800.000 Arbeitslosen haben nach amtlichen Angaben nur rund 280.000 Anspruch auf staatliche Hilfen. Das bedeutet einen dramatischen Anstieg der Obdachlosigkeit, in der Hauptstadt um bis zu 25 Prozent.

Bis Ende des Jahres wird mit einem Anstieg der offiziellen Arbeitslosigkeit auf 17 bis 18 Prozent gerechnet, real dürften das aber 22 bis 23 Prozent sein. "Das wären 1,2 Millionen Arbeitslose", sagt Robolis. So etwas gab es in Griechenland zuletzt 1961, als die Technisierung die Landwirtschaft umkrempelte. Das Ergebnis damals war eine Auswanderungswelle, unter anderem auch nach Deutschland, und das gleiche droht laut Robolis auch heute. Mit einem Unterschied: Damals flüchteten einfache, unqualifizierte Arbeitskräfte, heute sind es die gut Ausgebildeten mit akademischen Abschlüssen. Robolis befürchtet eine "selektive Auswanderung".

Außer blauem Meer, endlosen Stränden und ein bisschen Olivenöl und Feta-Käse hat Griechenland wirtschaftlich nicht viel zu bieten. Als Motor der Gesellschaft gilt deshalb der private Konsum. Mehr als 70 Prozent der Wirtschaftsleistung hängen von ihm ab, heißt es in einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Aber der Konsum ging im letzten Quartal 2010 aufgrund von Lohn- und Pensionskürzungen um 8,6 Prozent zurück, der Einzelhandel schrumpfte um 12 Prozent, 65.000 Geschäfte mussten schließen, so die Studie. Bis 2015, wenn die neuen Sparmaßnahmen voll gegriffen haben sollen, wird der Lebensstandard für Arbeitnehmer und Rentner im Vergleich zu 2008 um 40 Prozent sinken, hat Robolis hochgerechnet: "Das beunruhigt uns sehr."

Steuersünder müssen keine Konsequenzen fürchten

Die Angst treibt die Menschen auf die Straße. Doch während die Schlangen der Armenspeisung immer länger werden, bleiben viele Vermögende von der Krise weitgehend verschont. Griechische Durchschnittsverbraucher sehen sich inzwischen mit dem dritthöchsten Mehrwertsteuersatz Europas konfrontiert, den dritthöchsten Sozialversicherungsbeiträgen oder der zweithöchsten Benzinsteuer. Zwei von drei Griechen zahlen regelmäßig Steuern, die "entgegen weitverbreiteter Ansichten" (so die Friedrich-Ebert-Studie) bei allen Beschäftigten im privaten Sektor und im öffentlichen Dienst zusammen mit Sozialabgaben vor der Gehaltszahlung automatisch einbehalten werden. Es ist vor allem die kleine Oberschicht, die den Fiskus jährlich um rund 40 Milliarden Euro Steuern bringt.

So hoch jedenfalls schätzt die OECD die jährliche Steuerhinterziehung, die Athener Zentralbank beziffert den Verlust immerhin noch auf 15 bis 20 Milliarden Euro. Konsequenzen müssen die Steuerpreller kaum fürchten. "Ich habe noch nie jemanden gesehen, der wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste", sagt der Athener Politikprofessor Panos Kazakos.

Das ist der Widerspruch, der die Menschen wütend macht. Die Regierung habe angeblich kein Geld für Sozialleistungen, sagt Robolis, während sie gleichzeitig eine Liste von Unternehmen veröffentlicht, die dem Staat neun Milliarden Euro Sozialabgaben schulden - und nichts passiert.

Jetzt soll sich alles ändern, auf einmal. "Aber dieser Zustand existiert doch schon seit 30 Jahren oder länger", schimpft Robolis, er glaubt nicht mehr an die Regierungsversprechen: "Das sind doch nur Schutzbehauptungen."

Mitarbeit: Ferry Batzoglou

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insgesamt 744 Beiträge
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1. Armut
Clawog 16.07.2011
Griechenland sollte darum die EU schleunigst verlassen. Wer will schon in Armut leben.
2. Ist meistens warm in Griechenland....
Jonny_C 16.07.2011
....erfrieren wird so schnell keiner. 27 Taschentücher vollgeheult nach diesem Artikel....
3. Wohin?
Ben Major 16.07.2011
Wie das so ist mit Geld, das ist nicht einfach weg, das hat nur jemand anders. Wo also sind all die Milliarden hin, die sich Griechenland in den vergangenen Jahren geborgt hat, das lässt sich doch sicher rausfinden und dann könnte man mal sehen, ob sich diese Vermögen nicht anzapfen lassen. Der Spiegel war doch mal gut im investigativen Journalismus, das wär doch mal eine Aufgabe.
4. Ein Mix musss es sein
Liberalitärer, 16.07.2011
Europa muss genau den im Artikel beschriebenen Griechen helfen. Griechenland wird nicht viel wettbewerbsfähiger durch Sparprogramme im Öffentlichen Dienst - obwohl die helfen und viel schärfer ausfallen müssten. Auch die Militärausgaben müssen runter. Gleichzeitig muss aber der unternehmerische Geist stimuliert und nicht stranguliert werden. Er ist ja da, aber die kleinen Unternehmen erwischt es. Und ja, nach dem Schuldenschnitt braucht der Staat einen Lastenausgleich - auch zwischen alt und jung.
5. .
brunokoch, 16.07.2011
Griechenland ist das erste "Finanz-Pig", die bekommen noch Bail-Out-Kohle vom deutschen Steuerzahler. Bei Spanien oder Italien ist das nicht mehr möglich, die wird es noch viel übler erwischen.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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