Wirtschaftsmächte Warum China kein G-8-Mitglied wird

Chinas Wirtschaft wächst schneller und ist bedeutender als die der meisten G-8-Staaten. Dennoch wird China die Aufnahme in die G 8 verweigert. Den Chinesen ist das ganz recht: Sie hätten an der Mitgliedschaft mehr zu verlieren als zu gewinnen.

Von , Peking


Peking - China wird auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm offiziell fehlen - und dennoch dabei sein. Staats- und Parteichef Hu Jintao reist an die Ostsee, um sich mit den Regierungschefs der anderen Staaten zu treffen. Möglich macht dies eine diplomatische Konstruktion der G 8, jemanden gleichzeitig auszuschließen und einzubinden: das sogenannte "Outreach"-Treffen, zu dem neben China auch Indien, Mexiko, Brasilien und Südafrika eingeladen werden.

Baustelle in Schanghai: Keine Chance auf G-8-Mitgliedschaft - und auch kein Interesse
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Baustelle in Schanghai: Keine Chance auf G-8-Mitgliedschaft - und auch kein Interesse

Einigen westlichen Experten und Politikern wie Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt ist das nicht genug: Sie fordern, dass China vollwertiges Mitglied werden müsse, wenn die G8 nicht ihr Image als Club der führenden Industrieländer verlieren wollten. Schließlich ist die kommende Supermacht für die Weltwirtschaft weitaus wichtiger als manches G-8-Mitglied: Keine andere Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren so stark gewachsen. Nur in den USA werden jedes Jahr mehr Dollar investiert. China besitzt über tausend Milliarden Dollar an Devisenreserven, die es unter anderem in US-Schatzbriefen angelegt hat.

So nahe die Aufnahme Chinas erscheint, so wenig wahrscheinlich ist sie. Als der britische Premier Tony Blair vor dem letzten Gipfel in St. Petersburg vorschlug, die G 8 zu einer G 13 zu erweitern, stieß er auf beinharten Widerstand der anderen Clubmitglieder. Sie sorgen sich um die Arbeitsfähigkeit der G 8. Die deutsche Bundesregierung etwa verweist darauf, dass Entscheidungen dann noch schwieriger würden und die Abschlussdokumente noch weniger aussagekräftig. Schon die Aufnahme Russlands würden einige gern wieder rückgängig machen. Sie gilt im Rückblick als unüberlegtes Geschenk Bill Clintons an Boris Jelzin.

Als zweites Argument gegen einen Beitritt Chinas wird angeführt, die G 8 verträten die "westliche Wertegemeinschaft". Dieser Gedanke ist stark entwertet, seit Russland in den Club aufgenommen wurde. Aber immerhin ist Russland formal eine Demokratie, während China ein kommunistisches Land ist. So lange China sich nicht zur Demokratie erkläre, sei eine Mitgliedschaft ausgeschlossen, sagt John Kirton, Direktor der G-8-Forschungsgruppe an der Universität von Toronto.

China hat kein Interesse an G-8-Mitgliedschaft

Es ist auch nicht so, dass die Chinesen sich darum reißen würden. Sie scheinen sich in ihrer Rolle vor der G-8-Tür viel wohler zu fühlen als am Konferenztisch. Sie halten die G 8 zwar für eine wichtige Institution, um internationale Probleme anzusprechen. Aber sie haben auch registriert, dass die Runde trotz ihres politischen Schwergewichts bislang nicht viel bewerkstelligt hat.

"Die schnelle Entwicklung der Globalisierung und die Wiederbelebung der Entwicklungsländer lässt die G 8 unfähig zurück, die Weltangelegenheiten zu koordinieren", bilanzierte Shen Jiru, außenpolitischer Experte der Pekinger Akademie für Sozialwissenschaften, im vorigen Jahr. Um Einfluss auf die Weltläufte wiederzugewinnen, müssten die G-8-Staaten ein "neues Konzept der demokratisierten internationalen Beziehungen lernen, Unilateralismus und Egoismus vermeiden und die internationalen Sorgen der Partner respektieren".

Vor allem aber sollten die G-8-Staaten, besonders die USA, ihren "traditionellen historischen Glauben an die westliche Überlegenheit" ablegen, der die Zusammenarbeit zwischen den Nationen blockiere, verlangt Shen und gibt damit präzise die Meinung seiner Vorgesetzten wieder.

Sprecher der Dritten Welt

Peking hat noch andere Vorbehalte, Mitglied der G 8 zu werden: China betrachtet sich trotz eindrucksvollen Wirtschaftsbooms immer noch als Schwellenland. Durchschnittlich verdienen und produzieren die Chinesen pro Kopf viel weniger als Japaner oder Deutsche. "China hat eine Doppel-Identität: Es ist noch immer ein Entwicklungsland, aber es besitzt bereits einige Eigenschaften eines entwickelten Landes", sagt Ruan Zongze vom Chinesischen Institut für Internationale Studien. "Und es wird noch eine Weile ein Entwicklungsland bleiben."

Als Mitglied im Klub der Reichen hätten die Chinesen deshalb mehr zu verlieren als zu gewinnen: Sie würden ihre Rolle als Sprecher der Dritten Welt aufgeben müssen. Auch die vielen Millionen internationaler Hilfe, die jährlich in die armen Gebiete Chinas fließen, wären nicht mehr zu rechtfertigen.

Zudem will Peking nicht riskieren, wie Russland als "Mitglied zweiter Klasse" behandelt zu werden, "das in wirtschaftlichen Fragen nicht viel zu sagen hat", wie Wissenschaftler Ruan meint.

So kommt die jetzige Lösung Staatschef Hu sehr zupass: Er kann als Fürsprecher der Dritten Welt auftreten, unverbindlich mahnen und applaudieren. Gleichzeitig hat er Gelegenheit, seinen Untertanen und der Welt zu beweisen, dass China ein wichtiger Spieler auf der internationalen Bühne geworden ist, der nicht mehr ignoriert werden kann – arm und reich zugleich, aber auf jeden Fall auf dem Weg zur Großmacht.

Mitarbeit: Carsten Volkery



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