Wirtschaftsminister Rösler im Silicon Valley "Philipp was here"

Auf der Suche nach Investoren für deutsche Start-ups tourt Wirtschaftsminister Philipp Rösler durchs Silicon Valley. Er will den "Spirit" der digitalen Avantgarde erleben. Doch seine Entourage hat es nicht leicht bei den lässigen Hightech-Investoren.

Aus San Francisco berichtet

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Nach Arbeit sieht es nirgends aus. Soll es nirgends aussehen. Wo immer Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler bei seinem Besuch in dieser Woche im Silicon Valley auftaucht, empfangen ihn zunächst: Beachvolleyballfelder, Schwimmanlagen, Tischtennisplatten.

Ob bei Google oder Facebook, den Giganten des digitalen Zeitalters: Wer ihm als Erstes schlendernd über den Weg läuft, das sind junge Menschen mit Milchkaffee in der Hand und einer Sandwich-Box unter dem Arm.

Ganz besonders im Trend: Fahrräder. Die dürfen auf keinem Firmencampus fehlen. Bunt müssen sie aussehen wie bei Google. Und bei Facebook gibt es sogar eine Fahrradwerkstatt. Wer mit seinem Privatrad eine Panne hat, dem wird es noch während der Bürozeit repariert. So nett sind die zu ihren Angestellten.

Die Wellness-Fassade macht den Vizekanzler stutzig: "Wie findet ihr denn eine Balance zwischen diesen ganzen Freizeitangeboten für eure Mitarbeiter und den Zielen, die eure Firma verfolgt?", fragt Rösler den Manager des Suchmaschinen-Riesen, der ihn übers Werksgelände führt. Der reagiert locker: "Am Ende zählt das Ergebnis."

Für den Wirtschaftsminister dürfte es ein kleiner Kulturschock sein. Gewohnt ist er die schmucklose Emsigkeit, die ihm bei Firmenbesuchen in Deutschland entgegenschlägt. Kein Vergleich zur Lässigkeit, die man sich im Silicon Valley verordnet hat.

Doch genau dafür ist er mit mehr als hundert deutschen Start-up-Unternehmen nach San Francisco gekommen: zum Staunen. "Ich will erleben, wie der Spirit hier wirklich ist", sagt er am Rande seiner fünftägigen Reise. Einer, der den "Spirit" seit Monaten im Silicon Valley erlebt, ist der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung Kai Diekmann. In der Start-up-Community "Rocket Space" in San Francisco trifft der FDP-Chef auf den Journalisten, stürzt in dessen Arme. Fotos des Zusammentreffens werden über Twitter und später die Nachrichtenagenturen verbreitet.

Rösler, Diekmann: Tuchfühlung im "Rocket Space"
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Rösler, Diekmann: Tuchfühlung im "Rocket Space"

Weiter geht's. Der oberste deutsche Wirtschaftsförderer will Antworten auf die Frage finden, wie das Hightech-Mekka funktioniert. Dort, wo jeden Monat mindestens eine Firma gegründet wird, die sich in ein Milliardengeschäft verwandelt. Denn seit mehr als 40 Jahren hat Deutschland kein nennenswertes Unternehmen ähnlicher Größenordnung im IT-Bereich hervorgebracht.

Der Software-Hersteller SAP gilt als erste und letzte digitale Erfolgsgeschichte made in Germany. Als Nährboden für eine solche Story hat Rösler die Hauptstadt ausgemacht. In der bunten Subkultur aus Designern, Programmierern und Entrepreneuren soll endlich ein binärer Riese entstehen. Jetzt müssen die beiden Welten nur noch miteinander "gematcht" werden. So heißt das hier im Silicon Valley, wenn sich die richtigen Leute zusammenfinden und das nächste große Ding kreieren: die einen mit den Ideen, die anderen mit den Geldscheinen.

Alle reden an der Westküste über Mobilität, über Big Data und soziale Netzwerke. In Wahrheit dreht es sich vor allem ums Geld. Wer nicht in den ersten sechs Jahren auf hundert Millionen Dollar Umsatz kommt, hat im darwinistischen Kampf der Digitalindustrie versagt.

Röslers Beamte umgarnen die Geldgeber

Das Geschäft ist unbarmherzig, sieht aber nicht so aus: Investoren lungern in den Straßencafés von Palo Alto herum und unterscheiden sich äußerlich nicht wesentlich von den Programmierern, die sich dort das W-Lan schnorren. Sie tragen T-Shirt und verschlissene Jeans, haben aber Milliarden auf dem Konto.

Leute wie diese haben Röslers Beamte in den vergangenen Monaten umgarnt und gewonnen, unter anderem für einen Pitch, bei denen elf der mitgereisten deutschen Start-ups um frisches Kapital buhlen durften.

Vier Minuten hatte jeder Gründer Zeit für den Kampf um Wachstumskapital. MisterSpex stellte seinen Online-Brillenladen vor. Wirkaufens.de ihr Geschäft mit gebrauchten Smartphones. Kreditech wollte seinen Algorithmus verkaufen, der in sozialen Netzwerken die Kreditwürdigkeit von Konsumenten erschnüffeln kann.

Zeit ist in dieser Branche noch kostbarer als Klicks. Das bekamen die deutschen Jungunternehmer zu spüren. Weil vor dem Pitch eine Stunde lang offizielle Reden gehalten wurden, waren die VC's, die Wagniskapitalgeber, schon zum nächsten Termin weitergezogen.

Wie ein Staatsbesuch in China

Das ist schlecht für die digitale Diaspora aus Deutschland. Denn im eigenen Land sitzt das Geld nicht gar so locker. Die Töpfe mit Wachstumskapital öffnen sich eher für ein cleveres Maschinenbauunternehmen, als für diese jungen Lümmel mit ihren kleinen Internetklitschen. So sehen die deutschen Investoren das, und der Wirtschaftsminister weiß das genau. "Der Wagniskapitalmarkt hat sich auch über zehn Jahre nach dem Zerplatzen der New-Economy-Blase noch nicht erholt", beklagt Rösler.

Seine Strategie lautet demnach: US-Investoren auf die deutsche Szene aufmerksam zu machen. "Wird Berlin wahrgenommen?", fragt Rösler nach einem seiner Treffen - und antwortet sicherheitshalber selber: "Ja! Und das ist schon eine gute Message von unserer Tour."

Dabei gilt es für Rösler, eine heikle Balance hinzubekommen. Einerseits auf dem Hype rund um die New Economy 2.0 mitzusurfen, andererseits kritisch zu sein gegenüber der Datensammelwut der Internetkonzerne. Denn Google und Co. gelten daheim bei den Wählern auch als Kraken, die ihre Arme nach den intimsten Informationen ihrer Nutzer ausstrecken. Bei maximaler Lässigkeit bewiesen die Unternehmen den mitgereisten Journalisten, wie minimal sie es mit der eigenen Offenheit meinen.

Apple ließ Rösler nur allein in seine heiligen Hallen, sperrte Medien und mitgereiste Parlamentarier gleich ganz aus. Bei Google und Facebook führte man die Medien 15 Minuten über das Gelände, eskortiert von grimmigen Sicherheitsleuten. Filmen verboten, Fragen stellen - auch nicht okay.

Selbst Rösler und seine Entourage, offiziell um gute Miene bemüht, mussten anschließend gestehen, dass sie der Umgang an Staatsbesuche in China erinnert. Die Diktatur des Geldes kommt eben nicht auf Lederstiefeln daher, sondern auf Sneakers.

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
sosonaja 22.05.2013
1. Hahahahaha
Herr Rösler sollte sich lieber für die innovativen Unternehmen im eigenen Land interessieren, die von unseren Lobbyisten mit Hilfe von Beamten und Politikern vom Markt ferngehalten werden. Aber das würde ja in Arbeit ausarten und man würde sich bei manchen Unternehmen unbeliebt machen!
kanuffke 22.05.2013
2. Muss das sein?
Reicht die PR-Aktion in der BILD nicht? Muss man diese peinlichen Anbiederungen des Herrn Rösler jetzt auch noch hier unkritisch vorgesetzt bekommen? Das Foto von der Umarmung mit Diekmann - sehr apart im ungegeltem Abenteurerlook mit Lederbändchen - spricht Bände. Völlig unangemessen für beide.
ag999 22.05.2013
3.
Vielleicht sollte man hier einfach mal weniger Bürokratie schaffen. Apple oder Microsoft hätte hier nie gegründet werden können. Eine Firma in einer Garage ? Da reicht die Luftmenge nicht für die 2 Mitarbeiter, wo sind die Feuerlöscher ? Gibt es eine Behindertentoilette ? ...
suedseefrachter 22.05.2013
4.
Zitat von sysopDPAAuf der Suche nach Investoren für deutsche Start-ups tourt Wirtschaftsminister Philipp Rösler durchs Silicon Valley. Er will den "Spirit" der digitalen Avantgarde erleben. Doch seine Entourage hat es nicht leicht bei den lässigen Hightech-Investoren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/wirtschaftsminister-roesler-im-silicon-valley-a-901197.html
Als Selbstständiger sehe ich in Rössler gerade mal eine leere Hülle. Der Mensch hat in seinem Leben auch noch nichts geleistet das andere Menschen wirklich in irgendeiner Art und Weise positiv beeinflusst. Er ist nur Konsument und kein gutes Vorbild. Er sollte besser permanent junge Startups fragen welche Schwierigkeiten sie denn haben und genau diese auf den Punkt bringen und versuchen zu entschärfen.
kannmanauchsosehen 22.05.2013
5. Könnte ein guter Schritt sein
Zitat von sysopDPAAuf der Suche nach Investoren für deutsche Start-ups tourt Wirtschaftsminister Philipp Rösler durchs Silicon Valley. Er will den "Spirit" der digitalen Avantgarde erleben. Doch seine Entourage hat es nicht leicht bei den lässigen Hightech-Investoren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/wirtschaftsminister-roesler-im-silicon-valley-a-901197.html
Hat man ihm dort auch gesagt: a) wie schnell man dort eine Firma gründen kann. b) dass 90% aller start-ups wieder verschwinden, dies aber nicht so schlimm ist, da Innovation nun mal so funktioniert. c) wieviel ein US Patent gegenüber einen europäischen Patent kostet d) wie oft man nach einem Fehlstart noch einmal eine Chance bekommt, wenn man nur will (siehe auch Punkt b)) Europa ist der Traum der Etablierten (VW, BASF, Siemens) und teilweise ein Albtraum für Start-ups (Ausnahmen bestätigen die Regel).
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