Wirtschaftsreformen in Nordkorea: Aufschwung durch Atombomben

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Machthaber Kim Jong Un: Widersprüchliche Signale an das Volk

Mit einem Kurswechsel in der Wirtschaft wollte Kim Jong Un für Wohlstand in seinem darbenden Land sorgen. Doch jetzt hat Nordkoreas Machthaber die Reformen schnell gestoppt: Die Versorgung der Soldaten hat oberste Priorität.

Weil er Hunger hatte, stahl der Grenzsoldat nach Dienstschluss in der Kantine etwas zu essen. Er wurde erwischt, es kam zu einem heftigen Streit, am Ende erschoss der Dieb fünf seiner Kameraden.

Der Zwischenfall bei den Grenztruppen im Bezirk Musan im Februar zeigt: Nicht einmal Nordkoreas Militär kann seine Soldaten immer ausreichend ernähren.

Zudem fehlt es an Nachschub: Schon in der Vergangenheit erlebten Besucher des Landes, wie Uniformierte mit gezogenen Waffen zivile Fahrzeuge stoppten, um mitgenommen zu werden - den eigenen Militärfahrzeugen war der Treibstoff ausgegangen.

Die Führer dieser ausgepowerten Truppe drohen den USA und Südkorea an, sie in einem "Flammenmeer" zu vernichten. Notfalls wollen sie gar Atombomben auf das Weiße Haus schießen. Nuklearwaffen seien, verkündet Nordkoreas Regierung ohne Unterlass, die "Lebensader des Volkes", der "Schatz eines vereinigten Landes".

Ein schlecht ernährtes Land und Atombomben - nach Meinung der Herrscher in Pjöngjang passt dies perfekt zusammen. Das Zentralkomitee der nordkoreanischen Arbeiterpartei hat Ende vergangenen Monats sogar eine Parole für diese Politik ausgerufen: "Byungjin", was grob übersetzt heißt: "Fortschritt im Tandem".

Im Klartext: Außer Atomwaffen zu bauen, will die nordkoreanische Führung fortan die Wirtschaft des Landes vorantreiben. Für sie passt das gut zusammen: Mit dem Bau von Atombomben würden Mittel aus der eigentlich geplanten Anschaffung konventioneller Waffen frei, die dann in die Wirtschaft investiert werden sollen. So könne Nordkorea zu einer "großen politischen, militärischen und sozialistischen Wirtschaftsmacht und einem hochzivilisierten Land werden, das in die Epoche der Unabhängigkeit steuert", verkündet seither die Propaganda.

Diese Ankündigungen kommen zu einer Zeit, in der die Nordkoreaner laut Berichten von Flüchtlingen und Geheimdienstlern stark verunsichert sind. Unklar ist ihnen, wohin General Kim Jong Un sie wirklich führen will. Denn seine Signale an das Volk sind höchst widersprüchlich.

So versprach er, die strikte Planwirtschaft zu liberalisieren. Die Politik bekam einen Namen: "Maßnahmen des 28. Juni". Plötzlich war von mehr "Konkurrenz" unter den Staatsbetrieben die Rede, von "neuen Managementmethoden", von besserem Kundenservice - etwa in Pjöngjangs Kaufhaus Nummer eins.

Wichtiger noch: Nordkoreas Staatsbauern sollte ab 1. Oktober vergangenen Jahres erlaubt werden, 30 Prozent ihrer Ernte zu behalten und selbst zu entscheiden, ob sie Reis, Korn oder Kartoffeln den staatlichen Verteilungsstationen abliefern, auf privaten Märkten verkaufen oder als Vorräte bunkern. Das wäre eine Abkehr von der strengen Planwirtschaft, in dem die Kolchosen alle Erträge an staatliche Institutionen übergeben mussten.

Das "Öffentliche Verteilungssystem" entschied dann, wie viel Kilo jeder Haushalt erhalten sollte. Ziel war es im vorigen Jahr, jedem Untertan 600 bis 700 Gramm Reis am Tag zu liefern. Allerdings gelang dies nach Informationen westlicher Hilfsorganisationen nicht: Wegen schlechter Ernten fehlten rund 400.000 Tonnen Getreide.

Neue Klänge aus der Zentrale hörten auch die Staatsbetriebe. Sie sollten ebenfalls selbständiger entscheiden können und sogar mit ausländischen Unternehmen Gemeinschaftsunternehmen gründen dürfen. Fabriken, die nur rote Zahlen schreiben, so Pjöngjangs Devise, müssten geschlossen, die Arbeiter in erfolgreichere Betriebe versetzt werden.

Shoppen auf Staatskosten

Doch nun sind Kim und seine Militärs offenbar auf die Reformbremse getreten. Schon im vergangenen Oktober war nach Informationen der südkoreanischen Webseite Daily NK von der Erlaubnis, fast ein Drittel der Ernte einzubehalten, nicht mehr die Rede. Daily NK zitierte eine Quelle aus Nordkorea: "Kader der Kooperativen sagen, dass keine der Experimentalfarmen dieses Jahr 30 Prozent der Erträge behalten darf .... Sie sagen, dass die Ernte nicht gut ist und sie die Priorität haben, das Militär zu ernähren."

Nordkoreas Bauern sollen in Zukunft sogar weniger Land privat nutzen dürfen als bisher. Statt auf bislang 100 Quadratmetern sollen die Bauern nur noch auf rund 30 Quadratmeter Gemüse anpflanzen. Zudem kappte die Regierung die erlaubten Anbauflächen an Berghängen. Das Kalkül Pjöngjangs: Wenn die Landleute sich weniger um eigenes Land kümmern, konzentrieren sie sich mehr auf die Arbeit in den Kolchosen.

Eine Bevölkerungsgruppe freilich profitiert von Reformen. Stimmen die Informationen des US-Senders Radio Free Asia, erhalten hohe Offiziere neuerdings eine Art von Kreditkarten, mit denen sie in Pjöngjangs Devisenläden Waren mit US-Dollar bezahlen können. Bis zu 1200 Dollar sollen die Karten jeden Monat wert sein, das Geld stammt aus den staatlichen Kassen.

Im Vergleich dazu: Nordkoreas Arbeiter verdienen nach offiziellem Umrechnungskurs im Schnitt monatlich zwei Dollar.

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Mops
Faceoff 04.04.2013
Zitat von sysopMit einem Kurswechsel in der Wirtschaft wollte Kim Jong Un für Wohlstand in seinem darbenden Land sorgen. Doch jetzt hat Nordkoreas Machthaber die Reformen schnell gestoppt: Die Versorgung der Soldaten hat oberste Priorität. Wirtschaftsreformen in Nordkorea: Widersprüchlich Signale an das Volk - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/wirtschaftsreformen-in-nordkorea-widerspruechlich-signale-an-das-volk-a-892524.html)
Na ja, wenn man sich den Mops so ansieht, so gilt die oberste Priorität offensichtlich der Versorgung des allseits geliebten Führers. Erst dann kommen die Soldaten.
2. In dem ganzen Artikel....
clubzwei 04.04.2013
Liest man nichts über die Einfuhrbeschränkungen, die die Staatengemeinschaft gegen Nordkorea erlassen hat. Warum nicht? Warum wird immer verschwiegen, dass Nordkorea Diesen Zustand auch der Tatsache zu verdanken hat, dass es den Erpressungsversuchen des Westens zu Widerstehen Versucht.
3. Der kleine Dicke
madman08 04.04.2013
mit dem schlechten Friseur wie er so gerne tituliert wird führt mommentan sein Militär gerade abd absurdum und sieht nur in dieser Möglichkeit alte Seilschaften zu beenden bzw neue Moeglichkeiten zu erschaffen .Eine gefaehrliche Methode aber leider mommentan einzig Moegliche
4. @clubzwei
gesterngingsnoch 04.04.2013
Na klar, alle bislang von Nordkorea gebrochenen Verträge sind vom kleinen dicken Gröfaz in Pyöngyang aus purer Not gebrochen worden, nur weil ihm der Kaviar und die Ersatzteile für seine Bonzenschleuder Made in Stuttgart ausgegangen sind... Sonst noch Tagträume??
5. Ich glaube der ist verrückt.
berlinwerner 04.04.2013
Und verrückte sind unberechenbar. Es ist eine alte Weisheit die sagt, die Dummen sind gefährlich, denn sie wissen nicht was sie tun. Siehe Hitler der Dumme hat soviel Leid über die Menschen gebracht.
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Fotostrecke
Industriepark Kaesong in Nordkorea: Lange geöffnet, jetzt geschlossen

Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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