Von Hasnain Kazim, Islamabad
Polizeiwagen stehen vor dem weißen Haus mit den roten Dachziegeln, Besucher müssen sich ausweisen: Die Villa in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ist der Ort, an dem die Verwandten von Osama Bin Laden unter Hausarrest stehen. Das Gebäude wurde zu einem Gericht umfunktioniert, der Staat hat die drei Witwen sowie zwei erwachsene Töchter am Montag wegen illegalen Aufenthalts in Pakistan angeklagt.
Das Urteil erging am Nachmittag: 45 Tage Haft und 10.000 Rupien, umgerechnet gut 80 Euro, Geldstrafe. Da sie seit bald einem Jahr in Gewahrsam des pakistanischen Geheimdienstes ISI sind, könnte es sein, dass die Zeit des Arrests auf die Strafe angerechnet wird - und sie schon bald in ihre Heimatländer Saudi-Arabien und Jemen abgeschoben werden.
Beobachter vermuten jedoch, dass sie weiter in Pakistan bleiben, da das Land kein Interesse daran hat, dass die Frauen in Freiheit kommen und über ihre Erkenntnisse reden. Für die Ermittler - insbesondere für amerikanische - sind sie von großem Interesse, da viele Fragen in Zusammenhang mit Bin Ladens Flucht nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ungeklärt sind: Wie konnte er, der meistgesuchte Terrorist der Welt, auf den ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt war, neun Jahre lang seinen Jägern entkommen? Wo genau hat er sich bis zu seinem Tod versteckt? Wen hatte er auf der Flucht bei sich?
"Der Vorwurf bei dem jetzigen Prozess lautete: illegale Einreise nach Pakistan und illegaler Aufenthalt", sagt Mohammed Amir Khalil, Anwalt der fünf Frauen, SPIEGEL ONLINE. "Sie haben sich schuldig im Sinne der Anklage bekannt und sind milde verurteilt worden." Im schlimmsten Fall hätte ihnen nach pakistanischem Recht fünf Jahre Haft gedroht.
Jahrelang im Versteck mit Osama gelebt
Bin Laden hatte insgesamt fünf Ehefrauen. Von der ersten wurde er 2001 geschieden, die zweite hatte ihn schon in den neunziger Jahren verlassen. In seinem Versteck im nordpakistanischen Abbottabad lebte er mit seiner dritten Frau Chairia Saber, der vierten Gattin Siham Saber sowie mit Amal Ahmed al-Sadah, der mit 30 Jahren jüngsten Ehefrau. Angeklagt waren außerdem die beiden Bin-Laden-Töchter Marjam, 21, und Sumaja, 20.
Chairia und Siham stammen aus Saudi-Arabien. Das Land hat bereits erkennen lassen, es sei nicht daran interessiert, die beiden Frauen aufzunehmen. Jemen dagegen verlangt die Auslieferung von Amal Ahmed al-Sadah. Der jemenitische Außenminister Abu Bakr al-Kirbi sagte vergangene Woche, Sadah sei keines Verbrechens schuldig. "Wir fordern die pakistanischen Behörden auf, sie in ihr Heimatland zu schicken. Wir sind auch besorgt über das Wohlbefinden ihrer vier Kinder. Sie sollten nicht für die Verbrechen ihres Vaters bestraft werden."
Osama Bin Laden war in der Nacht auf den 2. Mai 2011 von einem US-Sonderkommando in Abbottabad erschossen worden. Seine Ehefrauen überlebten den tödlichen Zugriff auf den Qaida-Chef. Sadah, angeblich die Lieblingsfrau von Bin Laden, befand sich zum Zeitpunkt des Zugriffs mit ihrem Mann im Schlafzimmer im obersten Stock des Hauses. Sie erlitt eine Schussverletzung am Bein, die anderen zwei Frauen blieben unverletzt.
Da die US-Navy-Seals bei dem Einsatz einen Hubschrauber verloren, mussten sie die Frauen und weitere Bewohner des Hauses zurücklassen. Pakistanische Sicherheitskräfte nahmen sie später in Gewahrsam und brachten sie in das Haus, das jetzt zum Gericht umfunktioniert wurde und das pakistanischen Berichten zufolge vom Geheimdienst ISI als Gefängnis genutzt wird.
Jüngste Witwe plaudert
Ursprünglich hatte die pakistanische Regierung geplant, die Angehörigen Bin Ladens nach deren Befragung in ihre Heimatländer abzuschieben. Vergangenen Monat erklärte Innenminister Rehman Malik plötzlich, die Witwen und zwei Töchter würden angeklagt. Was zu dem Sinneswandel führte, ist unklar.
Sadahs Cousin Hamid al-Sadah betonte im Gespräch mit Journalisten, seine Cousine sei keineswegs illegal, sondern im Jahr 2000 gemeinsam mit ihrem älteren Bruder und mit gültigem Visum in Pakistan eingereist. "Sie flogen von Sanaa nach Karatschi", sagte er. Die pakistanischen Behörden hätten sogar Kopien von dem Pass mit dem gültigen Visum veröffentlicht.
Nach ihrer Ankunft in Pakistan überquerte Sadah nach eigenen Angaben die Grenze nach Afghanistan und heiratete dort Bin Laden, weil sie den Wunsch verspürt habe, einen "Gotteskrieger" zu ehelichen.
Während ihrer Zeit in Gewahrsam des Geheimdienstes erfuhren die Ermittler vor allem von der jüngsten Witwe vieles über das Leben Bin Ladens in Pakistan. So sagte Sadah ihnen, Chairia sei eifersüchtig auf sie gewesen und habe letztlich Bin Laden an die Amerikaner verraten.
In weiteren Gesprächen sagte sie, Bin Laden habe seit 2002 ungestört in Pakistan gelebt und in dieser Zeit vier Kinder gezeugt. Einem Vernehmungsprotokoll vom 19. Januar zufolge sagte sie, zwei Kinder seien sogar in staatlichen Krankenhäusern zur Welt gekommen. Vermutlich verwendete Sadah dafür falsche Papiere.
Von ihr erfuhren die Ermittler auch, dass Bin Laden in Pakistan in der Zeit zwischen 2002 und 2004 drei Häuser in Shangla und Haripur bewohnte, in der Nähe von Islamabad. Ab 2005 lebte er dann in Abbottabad, wo er seinen Tod fand.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Osama Bin Laden | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH