Urteil in Pakistan: Gnade für Bin Ladens Witwen

Von , Islamabad

Jahrelang waren sie mit Osama Bin Laden auf der Flucht, nun hat ein Gericht in Pakistan die drei Witwen des Qaida-Chefs verurteilt - zu 45 Tagen Haft wegen illegalen Aufenthalts, ein eher mildes Urteil. Seit der Tötung ihres Gatten sind die Frauen eine wichtige Quelle für die Terror-Ermittler.

Urteil in Pakistan: 45 Tage Haft für Bin Ladens Witwen Fotos
DPA

Polizeiwagen stehen vor dem weißen Haus mit den roten Dachziegeln, Besucher müssen sich ausweisen: Die Villa in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ist der Ort, an dem die Verwandten von Osama Bin Laden unter Hausarrest stehen. Das Gebäude wurde zu einem Gericht umfunktioniert, der Staat hat die drei Witwen sowie zwei erwachsene Töchter am Montag wegen illegalen Aufenthalts in Pakistan angeklagt.

Das Urteil erging am Nachmittag: 45 Tage Haft und 10.000 Rupien, umgerechnet gut 80 Euro, Geldstrafe. Da sie seit bald einem Jahr in Gewahrsam des pakistanischen Geheimdienstes ISI sind, könnte es sein, dass die Zeit des Arrests auf die Strafe angerechnet wird - und sie schon bald in ihre Heimatländer Saudi-Arabien und Jemen abgeschoben werden.

Beobachter vermuten jedoch, dass sie weiter in Pakistan bleiben, da das Land kein Interesse daran hat, dass die Frauen in Freiheit kommen und über ihre Erkenntnisse reden. Für die Ermittler - insbesondere für amerikanische - sind sie von großem Interesse, da viele Fragen in Zusammenhang mit Bin Ladens Flucht nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ungeklärt sind: Wie konnte er, der meistgesuchte Terrorist der Welt, auf den ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt war, neun Jahre lang seinen Jägern entkommen? Wo genau hat er sich bis zu seinem Tod versteckt? Wen hatte er auf der Flucht bei sich?

"Der Vorwurf bei dem jetzigen Prozess lautete: illegale Einreise nach Pakistan und illegaler Aufenthalt", sagt Mohammed Amir Khalil, Anwalt der fünf Frauen, SPIEGEL ONLINE. "Sie haben sich schuldig im Sinne der Anklage bekannt und sind milde verurteilt worden." Im schlimmsten Fall hätte ihnen nach pakistanischem Recht fünf Jahre Haft gedroht.

Jahrelang im Versteck mit Osama gelebt

Bin Laden hatte insgesamt fünf Ehefrauen. Von der ersten wurde er 2001 geschieden, die zweite hatte ihn schon in den neunziger Jahren verlassen. In seinem Versteck im nordpakistanischen Abbottabad lebte er mit seiner dritten Frau Chairia Saber, der vierten Gattin Siham Saber sowie mit Amal Ahmed al-Sadah, der mit 30 Jahren jüngsten Ehefrau. Angeklagt waren außerdem die beiden Bin-Laden-Töchter Marjam, 21, und Sumaja, 20.

Chairia und Siham stammen aus Saudi-Arabien. Das Land hat bereits erkennen lassen, es sei nicht daran interessiert, die beiden Frauen aufzunehmen. Jemen dagegen verlangt die Auslieferung von Amal Ahmed al-Sadah. Der jemenitische Außenminister Abu Bakr al-Kirbi sagte vergangene Woche, Sadah sei keines Verbrechens schuldig. "Wir fordern die pakistanischen Behörden auf, sie in ihr Heimatland zu schicken. Wir sind auch besorgt über das Wohlbefinden ihrer vier Kinder. Sie sollten nicht für die Verbrechen ihres Vaters bestraft werden."

Osama Bin Laden war in der Nacht auf den 2. Mai 2011 von einem US-Sonderkommando in Abbottabad erschossen worden. Seine Ehefrauen überlebten den tödlichen Zugriff auf den Qaida-Chef. Sadah, angeblich die Lieblingsfrau von Bin Laden, befand sich zum Zeitpunkt des Zugriffs mit ihrem Mann im Schlafzimmer im obersten Stock des Hauses. Sie erlitt eine Schussverletzung am Bein, die anderen zwei Frauen blieben unverletzt.

Da die US-Navy-Seals bei dem Einsatz einen Hubschrauber verloren, mussten sie die Frauen und weitere Bewohner des Hauses zurücklassen. Pakistanische Sicherheitskräfte nahmen sie später in Gewahrsam und brachten sie in das Haus, das jetzt zum Gericht umfunktioniert wurde und das pakistanischen Berichten zufolge vom Geheimdienst ISI als Gefängnis genutzt wird.

Jüngste Witwe plaudert

Ursprünglich hatte die pakistanische Regierung geplant, die Angehörigen Bin Ladens nach deren Befragung in ihre Heimatländer abzuschieben. Vergangenen Monat erklärte Innenminister Rehman Malik plötzlich, die Witwen und zwei Töchter würden angeklagt. Was zu dem Sinneswandel führte, ist unklar.

Sadahs Cousin Hamid al-Sadah betonte im Gespräch mit Journalisten, seine Cousine sei keineswegs illegal, sondern im Jahr 2000 gemeinsam mit ihrem älteren Bruder und mit gültigem Visum in Pakistan eingereist. "Sie flogen von Sanaa nach Karatschi", sagte er. Die pakistanischen Behörden hätten sogar Kopien von dem Pass mit dem gültigen Visum veröffentlicht.

Nach ihrer Ankunft in Pakistan überquerte Sadah nach eigenen Angaben die Grenze nach Afghanistan und heiratete dort Bin Laden, weil sie den Wunsch verspürt habe, einen "Gotteskrieger" zu ehelichen.

Während ihrer Zeit in Gewahrsam des Geheimdienstes erfuhren die Ermittler vor allem von der jüngsten Witwe vieles über das Leben Bin Ladens in Pakistan. So sagte Sadah ihnen, Chairia sei eifersüchtig auf sie gewesen und habe letztlich Bin Laden an die Amerikaner verraten.

In weiteren Gesprächen sagte sie, Bin Laden habe seit 2002 ungestört in Pakistan gelebt und in dieser Zeit vier Kinder gezeugt. Einem Vernehmungsprotokoll vom 19. Januar zufolge sagte sie, zwei Kinder seien sogar in staatlichen Krankenhäusern zur Welt gekommen. Vermutlich verwendete Sadah dafür falsche Papiere.

Von ihr erfuhren die Ermittler auch, dass Bin Laden in Pakistan in der Zeit zwischen 2002 und 2004 drei Häuser in Shangla und Haripur bewohnte, in der Nähe von Islamabad. Ab 2005 lebte er dann in Abbottabad, wo er seinen Tod fand.

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
ryul 02.04.2012
Zitat von sysopDPAJahrelang waren sie mit Osama Bin Laden auf der Flucht, nun hat ein Gericht in Pakistan die drei Witwen des Qaida-Chefs verurteilt - zu 45 Tagen Haft wegen illegalen Aufenthalts, ein eher mildes Urteil. Seit der Tötung ihres Gatten sind die Frauen eine wichtige Quelle für die Terror-Ermittler. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825215,00.html
Welche Beweise gibt es denn, das Osama Bin Laden dort lebte und auch dort getötet wurde? Diese ganze Story mit der DNA ist doch so lächerlich, das kann doch keiner wirklich ernst nehmen.
2. Eigenständigkeit der Frau
gerd0210 02.04.2012
Zitat von sysopDPAJahrelang waren sie mit Osama Bin Laden auf der Flucht, nun hat ein Gericht in Pakistan die drei Witwen des Qaida-Chefs verurteilt - zu 45 Tagen Haft wegen illegalen Aufenthalts, ein eher mildes Urteil. Seit der Tötung ihres Gatten sind die Frauen eine wichtige Quelle für die Terror-Ermittler. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825215,00.html
Mein Radio kam auch in den Knast, es hatte vergessen, sich anzumelden. Sorry, ich hab jetzt mal islamisch gedacht, denn die Frau ist dort Eigentum des Mannes und hat ihm widerspruchslos zu gehorchen. Die Frauen in den Knast zu stecken würde doch "Eigenständigkeit" der Frau voraussetzen, oder nicht?
3. Ironie der Geschichte
muwe6161 02.04.2012
Kann es sein das die Frauen und Mädchen welche auf dem Areal gelebt haben, sich nicht der Brisanz ihrer Informationen bewusst sind? Das islamistische Männer die Frauen gerne im Dunkeln fern jeder Erkenntnis halten wollen, scheint nicht nur eine westliche Projektion zu sein. Es wäre eine Ironie der Geschichte wenn die islamistischen Strukturen mit einfachen Befragungen der Frauen und Mädchen, im Austausch mit einer Schulbildung und mit einem selbstbestimmten Leben, erkundet werden können. Vielleicht sollten die westlichen Geheimdienste ihre Satelliten und Deep Packet Inspektoren abschalten und vermehrt einen Schwatz beim waschen von traditioneller islamischer Kleidung abhalten...
4. Freispruch
ErekoseSK 02.04.2012
Die Frauen, die in ihrem Heimatland nicht ein Mal alleine Auto fahren dürfen, sollten sofort frei gesprochen werden. Man sollte nur das Recht haben, sie zu interviewen!
5.
Dragonborn 02.04.2012
Zitat von muwe6161Kann es sein das die Frauen und Mädchen welche auf dem Areal gelebt haben, sich nicht der Brisanz ihrer Informationen bewusst sind? Das islamistische Männer die Frauen gerne im Dunkeln fern jeder Erkenntnis halten wollen, scheint nicht nur eine westliche Projektion zu sein. Es wäre eine Ironie der Geschichte wenn die islamistischen Strukturen mit einfachen Befragungen der Frauen und Mädchen, im Austausch mit einer Schulbildung und mit einem selbstbestimmten Leben, erkundet werden können. Vielleicht sollten die westlichen Geheimdienste ihre Satelliten und Deep Packet Inspektoren abschalten und vermehrt einen Schwatz beim waschen von traditioneller islamischer Kleidung abhalten...
Nein, die waren sich dessen durchaus bewusst. Man plaudert eben nicht mal so einfach über seinen Ehemann in der islamischen Kultur.
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Osama Bin Laden: Ein Leben, um zu töten

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Osama Bin Laden über...
 
Den 11. September
"Wir berechneten im Voraus, wie viele Verluste der Feind erleiden würde. Wir nahmen als Grundlage die Position des Turms und errechneten, wie viele getötet werden würden. Wir schätzten, dass ungefähr drei bis vier Stockwerke getroffen werden würden. Ich war besonders optimistisch ..., weil ich auf diesem Gebiet bereits Erfahrung habe. Ich vermutete, das brennende Benzin würde die Eisenträger des Gebäudes schmelzen. Aber ich dachte nur, dass die Einschlagstelle und die Stockwerke darüber einstürzen würden. Mehr wagten wir nicht zu hoffen."

November 2001, zitiert nach: Abou-Taam/Bigalke: "Die Reden des Osama Bin Laden"
Den Irak-Krieg
"Ich jubele darüber, dass Amerika in den Schlammlöchern des Tigris und Euphrat steckengeblieben ist... Bush glaubt, der Irak und sein Öl seien leichte Beute, und nun steckt er durch die Gnade Gottes fest und kann weder vor noch zurück. Amerika schreit aus voller Kehle, während es vor den Augen der Welt auseinanderbricht."

Oktober 2003, zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"
Amerika
Im September 2007 wandte sich Osama Bin Laden "an die Amerikaner": "So wie ihr euch zuvor aus der Sklaverei der Mönche, Könige und Feudalherren befreit habt, so solltet ihr euch jetzt von den Irreführungen ... des kapitalistischen Systems befreien."

Politische, geschichtliche und moralische Erörterungen vermischend, zeichnet Bin Laden das Bild einer Nation, die auf der Verliererstraße ist. Obwohl militärisch übermächtig, könnten die Amerikaner im Irak nicht gewinnen - weil sie zwar moralisch argumentierten, in Wahrheit aber nur den Interessen internationaler Konzerne folgten.

Das Ansehen der USA sei deswegen ruiniert. Um "den Krieg zwischen uns" zu stoppen, gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder die Mudschahidin stellten die Kampfhandlungen ein, was aber nicht gehe, weil sie eine Pflicht erfüllten. Oder die USA sähen endlich ein, dass sie die Verlierer im Irak seien. Es sehe aber so aus, als würden sie die eigenen Fehler aus dem Vietnam-Krieg und die der Sowjets aus dem Afghanistan-Feldzug wiederholen und sich vor der besseren Einsicht drücken.

Es gebe allerdings einen Ausweg, sagte Bin Laden weiter: Die Amerikaner sollten "nach einem alternativen, aufrechten Weg suchen", in dem es nicht darum gehe, andere zum eigenen Nutzen zu unterdrücken. Natürlich hat dieser Weg auch einen Namen: Die Amerikaner sollen zum Islam konvertieren.
Die Europäer
"Unsere Aktionen sind nur eine Antwort auf eure Aktionen - eure Zerstörung und und euren Mord an unseren Leuten, ob in Afghanistan, im Irak oder Palästina... Nach welchem Glauben sind eure Toten wertvoll und unsere wertlos? Nach welcher Logik zählt euer Blut als echt und unseres als Wasser? Vergeltung ist Teil von Gerechtigkeit, und der, der feindliche Akte zuerst begeht, ist der, der unrecht handelt. Ich rufe alle Männer, insbesondere Gelehrte, die Medien und Geschäfstleute dazu auf, eine permanente Kommission einzuberufen, um in Europa das Bewusstsein für unsere gerechten Gründe zu stärken... Ich mache einen Friedensvorschlag, der im Kern die Verpflichtung darstellt, alle Operationen gegen jeden Staat einzustellen, der sich verpflichtet, keine Muslime oder islamischen Staaten anzugreifen. "

April 2004, zitiert nach: Lawrence: "Messages to the World. The Statements of Osama Bin Laden"
Den "Kampf der Kulturen"
"Ohne jeden Zweifel (glaube ich an den Kampf der Kulturen). Das heilige Buch erwähnt ihn klar. Die Juden und Amerikaner haben das Lügenmärchen vom Frieden auf Erden erfunden. Das ist nur ein Märchen für Kinder."

Nach dem 11. September 2001 auf al-Dschasira. Zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"

Buchtipp

Steve Coll:
Die Bin Ladens
Eine arabische Familie.

Goldmann Verlag; September 2009; 736 Seiten; 12,95 Euro.

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