Wladimir Putins Verschwinden Präsident gesucht

Wladimir Putin ist seit einigen Tagen nicht mehr öffentlich aufgetreten. Medien, Verschwörungstheoretiker und Witzbolde befassen sich mit Gerüchten. Ein reiner Spaß ist die Sache aber nicht.


  • Wladimir Putin hat Grippe.
  • Wladimir Putin wurde gestürzt, sitzt als Gefangener im Kreml, entmachtet von Hardlinern, mit Unterstützung der Russisch-orthodoxen Kirche.
  • Putin hatte einen Schlaganfall.
  • Wladimir Putin ist in der Schweiz, bei der Geburt des Kindes einer russischen Ex-Olympiasiegerin, dessen Vater er sein soll.
  • Wladimir Putin hat Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Oder auch:
  • Wladimir Putin ist tot.

So weit eine kleine Auswahl an Gerüchten, die momentan die Runde machen.

Zwei Fragen beschäftigen derzeit Verschwörungstheoretiker und Medien wie "New York Times", "Washington Post", BBC und "Guardian" gleichermaßen (und, wie Sie merken, da Sie gerade diesen Artikel lesen: auch SPIEGEL ONLINE): Wo ist Russlands Präsident? Und wie geht es ihm?

Gesicherte Informationen darüber gibt es nicht. Wo Fakten fehlen, kommen Gerüchte auf, nicht nur bei Facebook und Twitter, hier charmant zusammengefasst von der BBC. Denn mit Nachfragen kommt man selbst an höchster Stelle nicht weit, etwa im Weißen Haus. Ob US-Präsident Obama etwas über Putins Aufenthaltsort wisse? Der Sprecher der Weißen Hauses sagt: "Ich habe schon genug Schwierigkeiten damit, über den Aufenthaltsort eines Weltpolitikers auf dem Laufenden zu bleiben. Ich verweise Sie in dieser Frage an die Russen. Ich bin sicher, dass sie sehr ansprechbereit sein werden."

"Wenn der russische Führer stirbt, kann sich alles ändern"

Ansprechbar ja, aber hilfreich? Eher nicht. Putins Pressesprecher Dmitri Peskow muss sich vorkommen wie ein Polizist, der vor dem Absperrband eines Tatortes steht und Schaulustige vergeblich darum bittet, weiterzugehen.

Allmählich gehen Peskow die Ideen aus, "alles in Ordnung" auf unterschiedliche Weise zu sagen, Putins Vitalität zu betonen - und den Terminkalender des Präsidenten so hinzubiegen, dass Putins Abwesenheit wie Alltagsgeschäft wirkt.

Inzwischen ist Peskow zunehmend genervt. "Das ist nicht mehr witzig", sagte er laut "New York Times" am Freitag nach einer erneuten Presseanfrage. Gleichzeitig soll er laut überlegt haben, einen Preis für das lustigste Putin-Gerücht auszuloben.

Derlei Ablenkungsmanöver beruhigen die Lage aber nicht - genauso wenig wie der Versuch, Fotos von älteren Putin-Terminen als Aufnahmen von aktuellen Treffen zu verkaufen. Eine vom Kreml auf den 11. März datierte Zusammenkunft mit dem Gouverneur von Karelien etwa soll tatsächlich schon am 4. März stattgefunden haben. "Jeder hat seine freien Tage, aber wenn man der stolze, virile und unbestrittene Führer eines der meistbeobachteten Länder der Welt ist, machen freie Tage die Leute nervös", schrieb die "Washington Post".

Die "New York Times" zitiert einen Journalisten, der seit Jahren über Putin schreibt. "Wenn der US-Präsident stirbt, ändert sich nicht so viel. Aber wenn der russische Führer stirbt, kann sich alles ändern - wir wissen bloß nicht, ob zum Besseren oder Schlechteren, aber gewöhnlich zum Schlechteren."

Umfrage: Fast 90 Prozent der Russen zufrieden mit Putin

Der jüngste öffentliche Auftritt des Präsidenten war am 5. März, als Putin eine im Fernsehen übertragene Rede vor Mitgliedern des Innenministeriums hielt und Italiens Premier Matteo Renzi in Moskau traf. So gewinnt ein für Montag angekündigter Termin in St. Petersburg plötzlich an Bedeutung: Dort soll Putin sich mit dem kirgisischen Präsidenten Almasbek Atambajew treffen.

Renzi und Putin: Treffen am 5. März
DPA/Ria Novosti

Renzi und Putin: Treffen am 5. März

Die Ungewissheit schadet Putins Beliebtheit nicht. Der "Guardian" berichtet über eine Umfrage, wonach 88 Prozent der Russen zufrieden mit ihrem Präsidenten sind, ein Allzeithoch. Ein Scherzkeks twitterte: "Wenn er dieses Jahr stirbt, wird er bei der Wahl 2018 nur 86 Prozent der Stimmen bekommen."

Manche Beobachter vermuten deshalb, dass Putin in den kommenden Tagen selbstsicher wie immer in der Öffentlichkeit erscheinen wird - nach einer ganz bewusst inszenierten Abwesenheit. Das Kalkül des Präsidenten wäre in dem Fall recht offensichtlich: Solange sich alle Welt mit Wladimir Putins Zustand beschäftigt, ist sie von den Problemen Russlands abgelenkt. Und das kommt Putin angesichts der Krise in der Ukraine, Sanktionen des Westens, einer schwachen Währung und einer darbenden Wirtschaft mit Sicherheit gelegen.

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Putins Inszenierungen: Der Jäger, der Fischer, der Kämpfer

ulz



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