"Süddeutsche Zeitung" im Kreml-Feuer Putins Presselüge

Wladimir Putin stellt die Enthüllung der Panama Papers als US-Komplott dar. Die "Süddeutsche Zeitung" sei ein Werkzeug Washingtons, Eigentümer der Redaktion die Bank Goldman Sachs. Das ist reine Fiktion.

Von , Moskau


Als Wladimir Putin zum Gegenschlag ausholt, gegen die Kritiker, die Westpresse, die vermeintlich dunklen Kräfte, die Russland am Werk wähnt hinter der Enthüllung der Panama Papers, haben ihm die Medien die größtmögliche Bühne bereitet. Drei staatliche Fernsender übertragen live seine TV-Fragestunde, hinzu kommen drei Radiosender.

Russia Today, der Auslandssender des Kreml, streamt den vierstündigen Marathon im Internet, mit Übersetzung auf Deutsch, Englisch und Französisch. Bei der Sendung wird nichts dem Zufall überlassen. Schon vor Tagen hat die Regie die 200 handverlesenen Gäste im Studio vor den Toren Moskaus zur Generalprobe in einem abgeschiedenen Pensionat zusammengetrommelt.

Ein Frager will wissen, warum der Präsident nicht Stellung bezogen habe zu dem Bericht, über Offshorefirmen seines Freunds Sergej Roldugin seien Hunderte Millionen Dollar geflossen. Oder wie es der russische Fragende formuliert: "Warum reagieren sie nicht auf den Rufmord von Seiten der westlichen Medien?"

Putin beginnt mit einer Ehrenerklärung für den Cellisten Roldugin, der sein ganzes Geld aufgewandt habe, um zwei wertvolle Geigen und zwei Cellos zu erstehen. Eines stamme von Stradivari, Baujahr 1732, und Roldugin vermache diese Kostbarkeiten nun dem russischen Staat, obwohl er Schulden gemacht habe für die Instrumente. Das erklärt zwar nicht, warum eine russische Staatsbank auf die Idee kam, Roldugin eine für Cellisten ungewöhnliche Kreditlinie von 650 Millionen Dollar einzuräumen, aber mit solchen Details hat sich das russische Fernsehen in den Berichten über die Panama Papers ohnehin nie beschäftigt.

Dann griff Putin jene an, die den Datenschatz aus Panama ausgewertet hatten: die Journalisten. "Hinter diesen Provokationen stecken amerikanische offizielle Einrichtungen", sagte der Präsident. Das war noch nicht neu, sondern entsprach der bisherigen Moskauer Verteidigungslinie, die Rechercheverbünde ICIJ und OCCRP unter Feuer zu nehmen. Zu deren Geldgebern gehören große US-Stiftungen, auch der wegen seines Ukraine-Engagements im Kreml verhasste Milliardär George Soros ist ein Sponsor.

Putin ging aber weiter. Er beschuldigte sogar die bei der Enthüllung federführende "Süddeutsche Zeitung". Er habe sich bei seinem Pressesprecher Dmitrij Peskow erkundigt, das Blatt "sei Teil einer Mediaholding, die dem amerikanischen Finanzkonzern Goldman Sachs gehört. Das heißt: Überall gucken die Ohren der Auftraggeber heraus. Sie schauen heraus, aber sie werden noch nicht einmal rot."

Stützt sich der Kreml auf Wikipedia-Informationen?

Süddeutscher Verlag in München
AFP

Süddeutscher Verlag in München

Die "Süddeutsche Zeitung" dementiert jede Verbindung zu Goldman Sachs. Auch Auszüge aus Firmenregistern weisen als Eigentümer des Süddeutschen Verlags die mit 81,25 Prozent beteiligte Südwestdeutsche Medien Holding GmbH in Stuttgart und die Münchner SV Friedmann Holding GmbH aus. Goldman Sachs ist an keiner der beiden Firmen beteiligt.

Auf Twitter machten daraufhin Spekulationen die Runde, der Kreml wolle die "SZ" in den Augen der Russen diskreditieren, um von den Panama-Enthüllungen abzulenken. Dagegen spricht, dass die "SZ" in der Berichterstattung des russischen Staatsfernsehens über die Panama Papers bislang kaum eine Rolle spielte. Statt die "SZ" zu erwähnen, der die Daten als Erstes zugespielt worden waren, schossen sich die Sender auf die Rechercheverbünde ICIJ und OCCRP und deren Verbindungen zu Geldgebern in den Vereinigten Staaten ein.

Möglich wäre auch, dass der Kreml einer irreführend formulierten Information im Internet aufgesessen ist. Über den Kauf des Süddeutschen Verlags im Jahr 2008 durch die Südwestdeutsche Medien Holding heißt es auf der englischen Wikipedia-Seite, am Kauf sei auch der "Stuttgarter Verleger Dieter von Holtzbrinck beteiligt gewesen, mit Unterstützung durch das Investmenthaus Goldman Sachs".

Holtzbrinck war im Jahr 2007 ein Kaufinteressent und wollte die Investmentbank Goldman Sachs ins Boot holen, um den Deal zu stemmen. Den Zuschlag bekamen dann aber andere.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.