Putins Ex-Vertrauter Iwanow Eine Entlassung und viele Fragen

Putins Vertrauter Iwanow verlässt den Kreml. In Moskau wird gerätselt: War der Verwaltungschef amtsmüde, wie die Regierung behauptet? Oder lässt der Präsident Gefährten fallen, weil er an ihrer Loyalität zweifelt?

Sergej Iwanow (l.) und Wladimir Putin
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Sergej Iwanow (l.) und Wladimir Putin

Von , Moskau


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Als das Moskauer Intellektuellen-Blatt "Nesawissimaja Gaseta" im Juli ihre aktuelle Liste der einflussreichsten Politiker Russlands veröffentlichte, stand Sergej Iwanow ganz oben. Soweit oben zumindest, wie man in Russland in einer solchen Rangliste stehen kann, wenn man nicht Wladimir Putin ist. Platz zwei, noch vor Ministerpräsident Dmitrij Medwedew, seinem alten Rivalen.

Medwedew gilt als Vertreter des wirtschaftsliberalen Flügels im Kreml. Iwanow dagegen war das prominenteste Gesicht der Fraktion der "Silowiki". Übersetzt heißt der Begriff ungefähr "Männer der Stärke". So werden die Funktionäre aus Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden genannt.

Am Freitag hatte Iwanow aber seinen Auftritt als Mann der Schwäche: Der Kreml verkündete seinen Rücktritt als Chef der einflussreichen Präsidialverwaltung. Iwanow gehe auf eigenen Wunsch. Er wolle dieses "mühevolle Arbeitsfeld" einfach nicht länger als vier Jahre beackern und auf einem neuen Posten "genauso dynamisch" arbeiten. Iwanow soll sich jetzt um Umweltschutz kümmern.

Mit Iwanow verlässt ein Mann den Kreml, der mit Präsident Putin und dessen Politik vertraut ist wie nur wenige andere. Beide kennen sich aus gemeinsamen Tagen beim sowjetischen Geheimdienst KGB. In Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, arbeiteten sie in der gleichen Abteilung. Iwanow galt lange als erfolgreicher: Er wurde nach Kenia und Finnland entsandt, Putin in die damalige DDR. Ein Einsatz im feindlichen Westen galt aber als prestigeträchtiger.

Putin brachte zu Beginn seiner Karriere in Moskau viele Sankt Petersburger Vertraute mit in die russische Hauptstadt. Iwanow dagegen machte schon vorher Karriere. Er stieg bis zum stellvertretenden Leiter der Auslandsaufklärung SWR auf. Erst 1998 - Putin war gerade Chef des mit dem SWR konkurrierenden Inlandsgeheimdienstes FSB geworden, holte ihn sein alter Bekannter in sein Team. Iwanow war da schon General.

"Mit Iwanow bin ich auf einer Wellenlänge", formulierte es Putin einmal in einem Interview zu Beginn seiner ersten Amtszeit. Iwanow besetzte für Putin Schlüsselposten: Er wurde Verteidigungsminister und war zuständig für die Anfänge einer umfassenden Armeereform. Während Iwanows Amtszeit schrumpfte Russlands Militär von 3,5 Millionen Mann auf 1,1 Millionen. Der Kreml wollte lieber eine schnelle, schlagkräftige Truppe als eine überdimensionale, schwerfällige Streitmacht wie zu Sowjetzeiten.

Mit Condoleezza Rice zum Ballett

Aus seiner Zeit im Verteidigungsministerium rührt auch Iwanows größter Fauxpas: Als sich das ganze Land über die damals in Russlands Armee üblichen brutalen Rekrutenquälereien empörte - ein Wehrpflichtiger wurde so verletzt, dass ihm Beine und Genitalien amputiert werden mussten - sagte Iwanow, es sei doch "nichts Bedeutendes passiert".

Iwanow avancierte außerdem zu Putins Verbindungsmann mit Washington. Die Beziehung zu US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice war freundschaftlich. Bei einem Staatsbesuch sonderten sich die beiden gelangweilt von der Gesellschaft ab und gingen stattdessen zu einer Ballettaufführung. Rice: "Sergej war hart und ein wenig misstrauisch in Bezug auf die Vereinten Staaten, aber auf ihn konnte man sich verlassen."

Iwanow gilt als Vertreter des Falken-Lagers innerhalb des Kreml. Als die USA beschlossen, in Osteuropa ein Raketenabwehrschild zu installieren, hielt er öffentlich entschlossen dagegen. Sein schneidiger Ton kam beim Volk gut an. 2007 galt er deshalb als Favorit auf die Nachfolge Putins im Kreml. Der Präsident durfte damals nach seinen ersten zwei Amtszeiten nicht noch einmal kandidieren.

Putin ließ zwei Kandidaten sich warmlaufen - den wirtschaftsliberalen Medwedew und den "Silowik" Iwanow. Der Moskauer Starjournalist Michail Zygar glaubt, Iwanow sei sich angesichts guter Umfragewerte damals womöglich zu sicher gewesen. In Moskau hält sich das Gerücht, bei einem Gespräch habe Iwanow auf eine Frage geantwortet, die eigentlich an Putin gerichtet war. "Antwortest du jetzt schon an meiner Stelle?", soll der scheidende Staatschef geblafft haben. Die Präsidentschaft ließ er dann Medwedew zukommen, Iwanows Rivalen.

Iwanows Nachfolger Anton Waino
DPA

Iwanows Nachfolger Anton Waino

Der Moskauer Politologe Alexej Muchin glaubt, Iwanow sei tatsächlich amtsmüde gewesen. Der Abschied aus dem Kreml stehe in Zusammenhang mit einer "familiären Tragödie", so Muchin. Iwanows Sohn war vor zwei Jahren beim Tauchen tödlich verunglückt.

Andere Beobachter zweifeln aber an der Darstellung vom freiwilligen Rücktritt. Putin baue vielmehr gerade die Führungselite des Landes um. Mehrere Gouverneure wurden durch Männer aus den Geheimdiensten ersetzt. Vor Iwanow hatte auch schon ein anderer Putin-Vertrauter seinen Platz räumen müssen, der eigentlich als unantastbar galt: Wladimir Jakunin, lange Jahre mächtiger Eisenbahnchef. Putin entferne gezielt alte Gefährten, weil er an ihrer bedingungslosen Loyalität zweifle. "Putin ist ein Zar, deshalb braucht er ein Team jüngerer Leute, die ihm hundert Prozent ergeben sind und keine andere Autorität in ihrem Leben hatten als ihn", glaubt der Politologe Igor Bunin.

Iwanows Nachfolger im Kreml heißt Anton Waino und ist 44 Jahre alt.


Zusammenfassung: Mit Sergej Iwanow hat ein langjähriger Vertrauter von Wladimir Putin überraschend seinen Rücktritt als Leiter der Kreml-Verwaltung erklärt. Er ist jetzt nur noch für den Umweltschutz zuständig. An einem freiwilligen Entschluss wird in Moskau gezweifelt. Putin verjüngt zurzeit die Führungselite des Landes. Iwanows Nachfolger ist erst 44.

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adsoftware 12.08.2016
1. Woher kommt das Interesse an Putins Ministern?
Merkel hat schon viele Minister gefeuert. Darüber wurde in Russland kein Wort verloren. Nun baut Putin seine Spitzenposten um, na und?
globus1 12.08.2016
2. Staatsführungen brauchen kreative Köpfe
In der Praxis suchen sich Staatsführungen Konsensköpfe, das ist etwas anderes und macht auf Dauer nicht glücklich.
Sangit raju 12.08.2016
3. Die Revolution...
... frisst ihre eigenen Kinder. Zitat: Pierre Victurnien Vergniaud; Quelle: Wikipedia
hapeschmidt2 12.08.2016
4. Meine...
Meine Güte. Passiert doch überall auf der Welt. Nix besonderes. Wie steht`s in Rio?
pragmat 12.08.2016
5. Amtsmüde
In Klartext heißt das: er hat sich vorführen lassen und hat auch kein Chuzpe mehr. Dieses Schicksal teilt er mit einem gewissen US-Präsidenten.
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