Putin-Sieg in Russland Fünf Lehren aus der 77-Prozent-Wahl

Wladimir Putin ist mit einem Rekordergebnis als russischer Präsident wiedergewählt worden, selbst im kritischen Moskau stiegen seine Zustimmungswerte. Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Abstimmung.

Putin bei Siegesfeier in Moskau
DPA

Putin bei Siegesfeier in Moskau

Von und , Moskau


1. Putin, der 77-Prozent-Präsident

Der Wahlsieg stand von vornherein fest. Überraschend ist seine Höhe: Fast 77 Prozent der Stimmen hat Wladimir Putin erhalten, deutlich mehr als bei seinen früheren Wahlen 2000, 2004 und 2012.

Insgesamt sollen 56 Millionen für ihn gestimmt haben. Damit wäre zum ersten Mal ein russischer Präsident von mehr als der Hälfte aller Wahlberechtigten gewählt worden.



Hinter dem guten Ergebnis stecken verschiedene Gründe. Einer ist der Wahlboykott, zu dem der liberale Oppositionspolitiker Alexej Nawalny aufgerufen hatte. Er hat viele Anhänger in der Hauptstadt Moskau. Weil sie fernblieben und weil der Kreml Putin-Anhänger mobilisierte, stieg Putins Stimmenanteil in Moskau von deutlich unter 50 auf 71 Prozent.

Ein anderer Grund ist Druck auf die Wähler und Manipulation - aber die gab es früher auch schon. Schließlich hat nach Angaben seines Wahlkampfmanagers die außenpolitische Konfrontation dem Amtsinhaber geholfen. Die USA hatten vor der Wahl Strafmaßnahmen gegen Moskau wegen der Einmischung in die Präsidentschaftswahlen verhängt, Großbritannien wegen der Giftattacke gegen den Ex-Spion Sergej Skripal.

Wahlergebnisse bei der Präsidentschaftswahl 2012 und 2018

Region Ergebnis Putin 2018 Ergebnis Putin 2012 Wahlbeteiligung 2018 Wahlbeteiligung 2012
Adygeja 81,17 64,07 74,31 67,89
Republik Altai 70,62 66,87 64,82 67,24
Baschkortostan 77,69 75,28 75,45 76,31
Burjatien 73,72 66,2 75,2 66,15
Dagestan 90,73 92,84 87,5 91,3
Inguschetien 83,17 91,91 81,96 86,46
Kabardino-Balkarien 93,38 77,64 91,8 73,04
Kalmykien 81,66 70,3 69,65 62
Karatschai-Tscherkessien 87,64 91,36 87,41 91,28
Karelien 73,04 55,38 57,2 55,38
Komi 71,44 65,02 60,4 70,04
annektierte Krim 92,15 71,54
Mari El 73,99 59,98 66,43 58,69
Mordwinien 85,35 87,06 77,86 89,58
Sacha (Jakutien) 64,38 69,46 71 74,56
Nordossetien-Alanien 81,51 70,06 89,99 80,71
Tatarstan 82,09 82,7 77,42 82,99
Tuwa 91,98 90 93,66 93,16
Udmurtien 76,23 65,75 63,27 64,38
Chakassien 69,16 58,4 65,87 64,68
Tschetschenien 91,44 99,759 91,54 99,61
Tschuwaschien 77,29 57,93 76,23 73,64
Gebiet Altai 64,66 57,35 65,4 59,03
Tschita 72,03 65,69 57,99 59,92
Kamtschatka 69,44 59,84 67,74 61,09
Krasnodar 81,35 63,72 77,87 70,78
Krasnojarsk 74,28 60,16 60,34 59,47
Perm 75,35 60,16 66,51 59,47
Primorje 65,26 57,31 61,12 64,42
Stawropol 80,55 64,47 73,85 60,27
Chabarowsk 65,78 56,15 64,23 61,95
Amur 67,04 62,84 62,15 60,39
Archangelsk 75,27 57,97 59,2 58,16
Astrachan 76,95 68,76 60,42 56,21
Belgorod 79,71 59,3 73,24 74,34
Brjansk 81,6 64,02 79,87 66,96
Wladimir 73,65 53,49 65,01 53,07
Wolgograd 77,56 63,41 68,14 63,81
Wologda 72,41 59,44 66,2 61,62
Woronesch 78,88 61,34 64,56 67,98
Iwanowo 71,37 61,85 58,55 59,92
Irkutsk 73,06 55,45 55,68 56,01
Kaliningrad 76,35 52,55 62,3 59,29
Kaluga 76,16 59,02 68,17 63,51
Kemerowo 85,42 77,19 83,35 79,09
Kirow 70,41 57,93 62,75 61,3
Kostroma 68,71 52,78 60,52 61,42
Kurgan 73,3 63,39 61,74 64,15
Kursk 81,01 60,45 64,48 64,01
Leningrad 79,01 61,9 66,89 63,24
Lipezk 80,84 60,99 72,18 65,62
Magadan 72,3 56,25 71,91 58,96
Oblast Moskau 74,49 56,85 63,62 61,34
Murmansk 76,37 60,05 66,36 60,34
Nischni Nowgorod 77,26 63,9 65,98 66,88
Nowgorod 72,65 57,91 57,3 58,64
Nowosibirsk 71,06 56,34 60,41 63,23
Omsk 67,31 55,55 60,49 61,64
Orenburg 72,97 56,89 66,09 61,19
Orjol 76,77 52,84 72,17 68,04
Pensa 79,98 64,27 73,75 68,12
Pskow 75,05 59,69 65,34 61,18
Rostow 78,97 62,66 64,77 63,73
Rjasan 76,34 59,74 65,14 64,15
Samara 75,82 58,56 66,9 60,77
Saratow 78,33 70,64 66,49 66,44
Sachalin 66,92 56,3 61,22 57,27
Swerdlowsk 74,6 64,5 62,35 58,79
Smolensk 73,49 56,69 61,27 59,04
Tambow 81,81 71,76 72,04 70,07
Twer 74,55 58,02 57,58 58,7
Tomsk 71,23 57,07 59,27 58,22
Tula 79,2 67,77 68,66 69,45
Tjumen 79,75 73,1 78,93 79,14
Uljanowsk 74,27 58,18 64,33 63,52
Tscheljabinsk 73 65,02 66,41 62,7
Jaroslawl 71,84 54,53 64,12 63,48
Moskau 70,88 46,95 59,95 58,1
St. Petersburg 75,01 58,77 63,87 62,05
Jüdisches Autonomes Gebiet 67,48 61,59 60,25 58,52
Autonomer Kreis der Nenzen 71,15 57,05 63,62 62,49
Autonomer Bezirk der Chanten und Mansen 76,23 66,41 69,74 64,06
Tschukotka 82,31 72,64 82,28 81,56
Autonomer Bezirk Jamal-Nenzen 85,54 84,58 91,9 93,34
Sewastopol 90,19 71,44
Baikonur (Republik Kasachstan) 78,35
Territorium außerhalb der Russischen Föderation 84,4

Quelle: Zentrale Wahlkommission; RBK; Ergebnisse in Prozent

2. Die Wahlbeteiligung, ein sprunghaftes Wesen in Russland

Wurde sie kurz nach Schließung der Wahllokale noch mit 60 Prozent angegeben, verschwand die Ziffer in den Einblendungen des staatlichen TV-Senders Rossija 24, auch auf der Seite der Wahlkommission gab es keine Angaben. 60 Prozent - das hätte die schlechteste Wahlbeteiligung bei einer Präsidentschaftswahl seit dem Zerfall der Sowjetunion bedeutet. Am Montag meldete die Wahlkommission dann plötzlich eine Quote von 67,5 Prozent.



Auch das ist nicht der Wert, den man sich im Kreml gewünscht hatte. 70 Prozent, so hatte die Zielvorgabe an die Gouverneure in den Regionen gelautet. Das wirkt angesichts der massiven Mobilisierungsmaßnahmen verwunderlich. "Der Druck, wählen zu gehen, war massiv", sagte der Leiter der OSZE-Wahlbeobachtungsmission, Michael Link.

Ella Pamfilowa, die Leiterin der Wahlkommission, sah hingegen ganz andere Gründe für die Teilnahme an der Wahl - nämlich außenpolitische: "Unser Volk hält in schwierigen Zeiten zusammen." Sie danke bestimmten Führern westlicher Länder, "die ihren positiven Beitrag dazu geleistet haben, zur Konsolidierung und Vereinigung des russischen Volkes bei der Wahl beizutragen".

3. Welche Manipulationen gab es?

Die unabhängigen Wahlbeobachter von Golos sprachen von weniger Gesetzesverletzungen am eigentlichen Wahltag als noch 2012. Sie nahmen über 3000 Manipulationsversuche auf:

  • Zusätzliche Stimmzettel: In der Hälfte der Wahllokale waren Kameras installiert, deren Aufnahmen ins Internet übertragen wurden. In vielen Fällen sah man dort Wahlhelfer, die ganze Stapel von Stimmzetteln in die Urnen stopften. Videos wie dieses aus der Region Kemerowo machten die Runde in den sozialen Netzen:
  • Wechsel des Wahllokals: Diesmal wurde es Wählern einfacher gemacht, nicht an ihrem Meldeort abzustimmen. 5,5 Millionen Wähler nahmen das wahr. Allerdings ermöglichte die Neuerung auch neue Formen der Manipulation. So wurden mancherorts Studenten staatlicher Universitäten gezwungen, sich am Studienort zu registrieren, damit ihre Wahlteilnahme kontrolliert werden konnte.
  • Statistische Anomalien: Der Physiker Sergej Schpilkin fand in den Wahlergebnissen Auffälligkeiten, die den Gesetzen der Statistik widersprechen. Schpilkin ist bekannt für seine Analyse früherer Wahlen. Er veröffentlichte auf Facebook eine Untersuchung über den Zusammenhang von Wahlergebnis und Wahlbeteiligung in fast hunderttausend Wahllokalen. Schpilkin schätzt diesmal den Anteil statistisch auffälliger Stimmen für Putin auf zehn Millionen.
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Wahl in Russland: Putins Sieg

4. Unterschiede in den Regionen

Wie bei den Abstimmungen zuvor weichen Wahlergebnis und Wahlbeteiligung in den Regionen stark voneinander ab. Besonders hoch ist die Zustimmung für Putin auf der von Russland vor vier Jahren annektierten Krim: 92,15 Prozent meldeten die Behörden für den Präsidenten. Das Ergebnis wirkte wie ein zweites Referendum für die "Wiedereingliederung".

Hoch sind Wahlbeteiligung und Wahlergebnis traditionell auch in den nationalen Republiken des Kaukasus und an der Wolga. In Tschetschenien gingen angeblich 92 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl, 91 Prozent stimmten angeblich für Putin. Dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht, war diesmal leicht zu erkennen: Dort, wo unabhängige Wahlbeobachter anwesend waren, lagen diese Zahlen deutlich niedriger, die Wahlbeteiligung betrug etwa in Grosny 29 bis 34 Prozent. "In diesen Wahllokalen waren die Ergebnisse so wie in Moskau. Das ist, als würde man eine schmutzige Glasscheibe putzen, und plötzlich sieht man das wahre Bild", kommentierte Roman Udot, Chef von Golos.

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18 Jahre an der Macht: Die Ära des Wladimir Putin

5. Putin und das Ausland

Im Ausland wählten etwa eine halbe Million Russen. Darunter waren auch 2954 Stimmen, die in Syrien abgegeben wurden, darunter wohl viele Soldaten. Die Staatsmedien zeigten nicht nur Bilder von der Militärbasis Hmeimim, sondern auch Schlangen in Deutschland und Großbritannien.

In London wählten 3673 Russen: Hier bekam Putin sein schlechtestes Ergebnis im Ausland mit 51,8 Prozent, die Liberale Xenia Sobtschak landete mit 23,42 Prozent auf Platz zwei.

In Deutschland wählten in den diplomatischen Vertretungen in Berlin, München, Hamburg, Bonn, Leipzig und Frankfurt am Main nach Berechnungen des SPIEGEL 33.799 russische Bürger. Putin gewann hier haushoch mit 82,84 Prozent der Stimmen, Sobtschak folgte mit großem Abstand mit 6,84 Prozent.

Für detaillierte Informationen zu den Kandidaten klicken Sie hier.

Im Video: Putin sichert sich vierte Amtszeit im Kreml

Mitarbeit: Ekaterina Kuznetsova, Tatiana Chukhlomina



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
andreika123 19.03.2018
1. Also wirklich
Die Russische Wahl wir von Medien mehr diskutiert als die eigene. Was ist das Problem, ihr probiert die Menschen zu manipulieren. Jetzt nicht der Böse Putin ist schuld sonder das Volk. Alles dumme lasen sich leicht manipulieren. Hier wird jeder der nicht mit der Meinung der Regierung einverstanden ist gleich in die rechte Ecke gestellt, als dumm und ungebildet dargestellt. Ihr seit nicht besser. Hört auf mit hetzen.
mr.zoui 19.03.2018
2.
Hinter dem guten Ergebnis stecken verschiedene Gründe. Einer ist der Wahlboykott, zu dem der liberale Oppositionspolitiker Alexej Nawalny aufgerufen hatte. Er hat viele Anhänger in der Hauptstadt Moskau. Weil sie fernblieben und weil der Kreml Putin-Anhänger mobilisierte, stieg Putins Stimmenanteil in Moskau von deutlich unter 50 auf 71 Prozent. Dazu finde ich irgenwie keine belastbaren Daten. Hat die jemand oder ist diese Behauptung nur Frau Hebels Affinität für Nawalny geschuldet?
goldstein.84 19.03.2018
3. ERST einmal
gratulation an Herr Putin, das ist eine sehr simple Sache, wenn bei uns auch ein EINZIGER Politiker da wäre der Politik für das VOLK und nicht für´s Finanz-Kapital-Kartell macht, glauben Sie mir der würde in Deutschland auch eine Zustimmung von 65% bis 75% erlangen aber solch einen Politiker(in) gibt es in Deutschland NICHT. Noch nicht mal im HORIZONT
goldstein.84 19.03.2018
4. ERST einmal
gratulation an Herr Putin, das ist eine sehr simple Sache, wenn bei uns auch ein EINZIGER Politiker da wäre der Politik für das VOLK und nicht für´s Finanz-Kapital-Kartell macht, glauben Sie mir der würde in Deutschland auch eine Zustimmung von 65% bis 75% erlangen aber solch einen Politiker(in) gibt es in Deutschland NICHT. Noch nicht mal im HORIZONT
LucianGreta 19.03.2018
5. Stapelweise Wahlzettel... gestopft...
Ich habe mir soeben Ihr "Beweisvideo" angesehen, liebe Redaktion. Stapelweise Wahlzettel in die Urnen "gestopft" - und einen Wahlbetrug entdeckt? Sowas erkennen Sie in diesem Video? Also ich sah lediglich zwei Menschen, die jeweils EINEN Zettel ohne jegliches Stopfen in die Urne steckten! Was für eine Bewandnis es damit auf sich hat, können Sie aus 2500 km Entfernung sicher kaum beurteilen. Und ich auch nicht... Was ist eigentlich los bei Ihnen in der Redaktion? Drogenkonsum oder einfach nur so notorisch antirussich eingestellt, dass man schlichtweg sieht, was man sehen will ?!?
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