Putin-Besuch in Belgrad Spiel's noch einmal, Wladimir

Für Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vucic spielte Wladimir Putin schon Klavier. Nun steht der nächste Besuch an. Doch das traditionell gute Verhältnis beider Länder hat Risse bekommen.

Wladimir Putin (rechts) und Aleksandar Vucic im Oktober 2018
REUTERS/ Sputnik/ Kreml

Wladimir Putin (rechts) und Aleksandar Vucic im Oktober 2018


Serbiens und Russlands Staatspräsidenten pflegen eine enge Beziehung. Ziemlich eng, wenn man Aleksandar Vucic glauben mag. Er habe Wladimir Putin "14 oder 15 Mal getroffen", erzählte der serbische Staatschef, ihn auch einmal spät abends allein zu Hause besucht und ihm bei der Gelegenheit eine Ikone geschenkt. Putin habe sie geküsst und später für seinen Gast Klavier gespielt. Dann hätten sie zusammen ein Eishockeyspiel angeschaut. "Wir sprechen immer offen über alles", so Vucic.

An diesem Donnerstag kommt der russische Präsident zu einem Staatsbesuch in die serbische Hauptstadt Belgrad - und Vucic will ihn mit einem Jubelaufgebot empfangen. Mindestens 70.000 Menschen sollen durch das Zentrum Belgrads bis zur Kathedrale des Heiligen Sava ziehen, dort wollen die beiden Präsidenten vor der Menge ihre Reden halten.

Putin hat ein besonderes Geschenk für Vucic dabei: den Alexander-Newski-Orden, eine hohe staatliche russische Auszeichnung. Beide wollen den Ausbau der Militärkooperation ihrer Länder besprechen, außerdem 21 Abkommen zur Wirtschaftsentwicklung unterzeichnen, unter anderem den Anschluss Serbiens an die russisch-türkische Gaspipeline "Turkish Stream".

Für Serbien ist Russland "einer der wichtigsten strategischen Partner", wie Vucic gern betont. Doch die Freundschaftsshow wird nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Risse im Verhältnis der beiden Länder gibt. Und dass Vucics Empfang für den russischen Präsidenten "ein trotziger Appell an den Westen ist, Serbien in einer heiklen politischen Situation mehr zu unterstützen". So formuliert es die serbische Politologin Jelena Milic vom Belgrader Zentrum für Euroatlantische Studien im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Tatsächlich fällt Putins Besuch in eine aufgeheizte Phase. Vucic steht innenpolitisch wegen seiner autoritären Politik unter Druck. Eigentlich hat der einstige Ultranationalist Serbien auf den Weg der euroatlantischen Integration geführt. Die EU-Beitrittsverhandlungen laufen seit 2014, auch die Kooperation mit der Nato intensiviert sich zum Ärger Russlands immer mehr. Allerdings "ohne Beitrittsperspektive", wie die Sprachregelung in Serbien lautet. Voraussetzung für eine weitere EU-Integration wären jedoch eine Lösung des Kosovo-Konfliktes und rechtsstaatliche Reformen im Land. Beides liegt in weiter Ferne.

Die Schutzmächte Kosovos agieren zahnlos

Die Konfrontation zwischen Serbien und Kosovo hat in den letzten Monaten einen neuen Höhepunkt erreicht. Ende November war Kosovo nicht als Mitglied von Interpol aufgenommen worden - vor allem auf Drängen Serbiens. Daraufhin verhängte das Land einen 100-Prozent-Importzoll auf Waren aus Serbien und Bosnien-Herzegowina. Kurz darauf schloss die serbische Ministerpräsidentin Ana Brnabic ein militärisches Eingreifen ihres Landes in Kosovo "als Option" nicht aus. Die kosovarische Regierung wiederum beschloss Ende Dezember gegen den Willen der internationalen Gemeinschaft den Aufbau einer eigenen Armee. So geht es hin und her.

USA, Europäische Union und Nato, die als Schutzmächte Kosovos das erklärte Ziel verfolgen, den Konflikt mit Serbien zu lösen, zeigen sich zunehmend planlos. Der unter EU-Regie geführte Dialog zwischen Serbien und Kosovo wurde vor Monaten abgebrochen. Serbien verlangt als Vorbedingung neuer Gespräche von der EU, härter gegen Kosovos unilaterale Politik vorzugehen.

Weil die EU Serbien und Kosovo nicht mehr an einen Tisch bringen kann, ergriff zuletzt die US-Regierung die Initiative: Präsident Donald Trump forderte Vucic und den kosovarischen Präsidenten Hashim Thaci Ende Dezember in einem Brief zu einem "historischen Abkommen" unter seiner Schirmherrschaft auf - eine indirekte Ermunterung zu einem Gebietsaustausch zwischen Serbien und Kosovo. Die Debatte über derartige "Grenzkorrekturen" hatten Vucic und der kosovarische Präsident Hashim Thaci im vergangenen Sommer selbst angestoßen. International, darunter auch in Deutschland, gibt es jedoch große Vorbehalte dagegen. Auch in Kosovo und Serbien sind Politik und Öffentlichkeit über die Idee zutiefst gespalten.

Allzu große Erwartungen sollte Vucic nicht hegen

Das zeigt sich auch bei den seit Wochen andauernden Protesten gegen Vucics autoritäre Innenpolitik, die im Dezember durch einen brutalen, bisher nicht aufgeklärten Angriff auf einen Oppositionspolitiker ausgelöst wurden. Viele Nationalisten in der Protestbewegung bezeichnen Vucic als "Verräter" und fordern den Stopp jeglicher Verhandlungen mit Kosovo.

"In dieser Situation und als Reaktion auf die US-Initiative meldet sich nun Russland als Akteur", sagte der Politologe Dusan Reljic von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik dem SPIEGEL. "Putin will klarmachen, dass es keine wichtige Region in der Welt gibt, in der er nicht mitmischt." Vucic könne finanziell jedoch nicht allzu viel von Russland erwarten, so Reljic. Außerdem sei Serbien, wie der gesamte Westbalkan, wirtschaftlich ohnehin bereits in die EU integriert - "wenn auch ohne Mitspracherechte und ohne das Geld der Strukturfonds".

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Seite 1
pauli96 17.01.2019
1. Kososvo ist keine wichtige Region
"In dieser Situation und als Reaktion auf die US-Initiative meldet sich nun Russland als Akteur", sagte der Politologe Dusan Reljic von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik dem SPIEGEL. "Putin will klarmachen, dass es keine wichtige Region in der Welt gibt, in der er nicht mitmischt." Aber eben vor Russlands Haustüre und die Serben sind durch Sprache und Religion eng mit den Russen verbunden. Das soll nichts entschuldigen aber weniger Grund als Trump sich einzumischen hat Putin nicht.
deutschserbe 17.01.2019
2. Jelena Milic
Man nimmt Jelena Milic als "Expertin" die von der Nato finanziert wird, um die Beziehung zwischen Serbien und Russland zu kommentieren. Dadurch verliert Ihr wirklich jede kredibilität! Risse existieren in der Jahrhundert alten Beziehung nicht, Russland unterstützt Serbien auf den weg in die Europäischen Union, aber verzichtet nicht auf gute Beziehungen. Was ist daran verwerflich?
muellerthomas 17.01.2019
3.
Zitat von pauli96"In dieser Situation und als Reaktion auf die US-Initiative meldet sich nun Russland als Akteur", sagte der Politologe Dusan Reljic von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik dem SPIEGEL. "Putin will klarmachen, dass es keine wichtige Region in der Welt gibt, in der er nicht mitmischt." Aber eben vor Russlands Haustüre und die Serben sind durch Sprache und Religion eng mit den Russen verbunden. Das soll nichts entschuldigen aber weniger Grund als Trump sich einzumischen hat Putin nicht.
Seit wann liegt Serbien vor Russlands Haustür? Dazwischen liegen so kleine und m.W. souveräne Länder wie Rumänien und die Ukraine.
zardoz77 17.01.2019
4. Haha #2
Russland, also Putin, unterstützt Serbien auf dem Weg in die EU? Selten so eine steile These in den letzten Jahren gehört. Das ist so daneben, dass ich nicht mal dagegen zu argumentieren brauche. Ganz neue Töne und Gedanken. Und die USA unterstützen China sicherlich bei Beitrittsverhandlungen zur Afrikanischen-Union. Der Panslawismus treibt wieder bunte Blüten. Aber Geld aus Moskau landet nicht in Belgrad. Insofern hat sich zu Jugoslawien mal wieder nichts geändert. Russland hat nicht viel zu bieten, streng genommen nur Billig-Panzer, Bürgerkrieg und Elend. Siehe DDR, Syrien, Polen, Baltikum, Nordkorea, Kuba, die Liste ist unendlich. Und am Ende sind die USA immer der Böse.
Raisti 17.01.2019
5.
Zitat von muellerthomasSeit wann liegt Serbien vor Russlands Haustür? Dazwischen liegen so kleine und m.W. souveräne Länder wie Rumänien und die Ukraine.
Das ist doch ermessens Sache. Deutschland wurde auch schon am Hindukusch verteidigt, da liegt noch deutlich mehr dazwischen ;)
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