Audienz beim Papst Ein Friedensengel für Putin

Von den G7 wird er geächtet, in Rom hingegen mit offenen Armen empfangen: Russlands Präsident Putin konnte sich beim Italien-Besuch als seriöser Staatsmann präsentieren - und durfte zur Privataudienz beim Papst.

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Italien ist ein gutes Pflaster für Wladimir Putin. Gerade noch wurde Russlands Präsident auf dem G7-Treffen im bayerischen Elmau von den westlichen Industrieländern als gefährlicher Störenfried geächtet. Am Mittwoch führte ihn Italiens Regierungschef, G7-Teilnehmer Matteo Renzi, in bester Stimmung über die Mailänder Weltausstellung Expo 2015 und trank Spumante mit ihm.

Dazu gab es für den Gast aus dem Kreml am Abend noch ein nettes Plauderstündchen mit dem italienischen Staatspräsidenten und ein herzliches, aber kurzes Wiedersehen mit seinem "Freund" Silvio Berlusconi. Und davor lud, zur Krönung des Tages, Papst Franziskus zur Privataudienz.

Putin kam, wie meist, deutlich verspätet. Aber der Papst nahm es ihm offenbar nicht weiter übel und begrüßte den Gast mit einem deutschen "Willkommen". Etwa eine Stunde zogen sich die beiden sodann mit ihren Dolmetschern zurück. Sie hatten sich wohl viel zu sagen. Was, war von Putin jedenfalls nicht zu erfahren. "Ein Vergnügen und eine große Ehre" sei es gewesen, den Papst wieder zu sehen, sagte er dem Pontifex artig zum Abschied. Was der, wieder auf Deutsch, mit einem "Danke" quittierte. Dann ließ Putin sich von Erzbischof Georg Gänswein zurück zu seinem Auto bringen und fuhr ohne weiteren Kommentar ab.

Papst appelliert an Putin

Auch Vatikan-Sprecher Federico Lombardi war nicht viel redseliger. Der Papst habe zu einer großen, ernsthaften Anstrengung aller Beteiligten aufgerufen, zu einem Frieden in der Ukraine auf der Basis der Verträge von Minsk zu finden, erklärte er anschließend. Wichtig sei vor allem, die fatale humanitäre Lage dort endlich zu beenden. Offenbar um Putin zu motivieren, schenkte der Papst seinem Gast eine Medaille mit einem Friedensengel.

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Kreml-Chef beim Papst: "Willkommen", Herr Putin!
Moskaus Staatsmedien hatten schon vorab gejubelt. Der Besuch in Italien, das Treffen mit dem Papst zeige, dass Russland keineswegs isoliert sei. Sogar das Oberhaupt der katholischen Welt suche das Gespräch mit dem Kreml-Chef. In Washington, London und Berlin ist man eher vergrätzt. Dort argwöhnt man schon länger, dass der argentinische Papst politisch näher bei Moskau als bei Washington stehe. Ganz anders als einst der Pole Johannes Paul II., der stets engsten Kontakt zu US-Präsident Ronald Reagan hielt.

In der Tat hatte Franziskus schon ein paar Monate nach seinem Amtsantritt Kontakt zu Putin gesucht. Während in Washington und Paris die Vorbereitungen auf eine Bombardierung von Syriens Hauptstadt Damaskus liefen, schrieb der römische Katholikenführer dem Gastgeber des G20-Gipfels in Sankt Petersburg im September 2013 in einem Brief, er möge sich für eine friedliche Lösung der Syrien-Krise einsetzen. Franziskus selbst organisierte Protestveranstaltungen gegen Militäraktionen in Syrien, etwa einen weltweiten "Tag des Hungers". Übers Internet verbreitete "Papa Francesco@Pontifex.it" seine Botschaft: "Nie wieder Krieg!" Männer und Frauen des Friedens sollten seine Glaubensbrüder sein, denn der Gebrauch von Waffen bringe stets nur Schmerz und Leid.

Während in Syrien weiter gestorben und gelitten wird, steht jetzt der Ukraine-Konflikt oben auf der weltpolitischen Agenda. Und da ist der starke Mann aus Moskau nicht Schlichter oder Richter, sondern Akteur, der selbst für Schmerz und Leid verantwortlich ist. Die russischen Interventionen im Osten der Ukraine hat der Westen scharf verurteilt und Russland mit Sanktionen belegt. Die Marschroute - keine Gespräche mit, sondern Druck auf Moskau - wurde jetzt in Elmau bestätigt.

Bereitet der Papst einen Moskau-Besuch vor?

Doch Papst Franziskus plädiert "gegen Sanktionen, für einen Dialog". Deshalb hat er öffentlich nichts gegen Russlands Rolle in der Region gesagt, nur vor einem "Bruderkrieg" gewarnt. Und so kann er jetzt im vertraulichen Gespräch Putin einiges sagen, was der Kreml-Chef sich von anderen kaum bieten ließe. Und zumindest ein bisschen muss er dem Papst auch zubilligen, sonst verliert der die Lust auf solche Treffen. Damit wäre beiden nicht gedient. Denn obwohl sie sehr unterschiedliche Ziele verfolgen, können beide einander sehr nützlich sein. Nicht nur in weltpolitischen, auch in kirchlichen Fragen.

Für Papst Franziskus ist die Wiederzusammenführung der in diverse Kirchen und Gruppen zersplitterten katholischen Welt "ein Herzensanliegen", wie es im Vatikan heißt. Bei dem Unterfangen könnte Putin eine wichtige Rolle spielen. Denn der gläubige russisch-orthodoxe Christ hält in seiner Heimat nicht nur alle politischen Fäden in der Hand. Sein Wort hat auch in der Kirche großes Gewicht. Darauf setzt Franziskus.

Seit geraumer Zeit bemühen sich die römischen Papisten und die Moskauer Orthodoxen um Verständigung. Man redet, anders als früher, wieder miteinander. Man verbündet sich auch gegen den "Werteverfall" im Westen. Man empört sich gemeinsam über die martialische Rolle der Griechisch-Orthodoxen in der Ukraine. Aber der richtige Durchbruch ist noch nicht gelungen: Das "historische Treffen" zwischen dem römischen Papst und dem Moskauer Patriarchen, schon von Johannes Paul II. gleich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Weltreiches angestrebt, steht noch immer aus. Doch jetzt, sagten Vatikan-Insider vorab, werde Franziskus mit seinem Besucher über einen Papstbesuch in Moskau reden.

Zuvor steht im September noch eine päpstliche Reise in die USA an. Und - demonstrativ oder provokativ? - auf dem Weg dorthin wird er zwei Tage Station im sozialistischen Kuba machen. Das wird Kritikern wieder Anlass geben, an der rechten Gesinnung des Kirchenoberhaupts zu zweifeln. Dabei haben Kuba-Besuche Tradition: Auch der bayerische, kommunistischen Neigungen völlig unverdächtige Benedikt XVI. war zwei Tage bei den Castros. Zudem hat Franziskus durch seine Vermittlung zwischen US-Präsident Barack Obama und Kubas Staatschef Raúl Castro eine entscheidende Rolle bei der Wiederannäherung der beiden Länder gespielt - und damit für Washington ein altes, lästiges Problem abgeräumt.


Zusammengefasst: Russlands Präsident Wladimir Putin traf in Italien alles, was Rang und Namen hat: Premierminister Renzi, Staatspräsident Mattarella, Ex-Premier Berlusconi und Papst Franziskus. Der Papst mahnte Putin zum Frieden in der Ukraine - und bereitet offenbar einen Moskau-Besuch vor.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
gersco 10.06.2015
1. Er konnte sich vielleicht als seriöser Staatsmann...
...präsentieren oder inszenieren, allerdings bleibt das Problem: Er ist halt keiner mehr! Allem Schein zum Trotz ist das wohl verdientermaßen mittlerweile allgemein bekannt.
batmanmk 10.06.2015
2. Was zu beweisen war
Da müssen die Obamaversteher mal ganz stark sein: Mit der proklamierten Isolation Russlands durch die sog. "Weltgemeinschaft" ist es in der Realität nicht allzu weit her. Wer Russland isolieren will, der braucht mächtig viel Isofilm.
LDaniel 10.06.2015
3. Der Papst
Der Papst hat den großen Vorteil, keine reellen Entscheidungen treffeb zu müssen, sondern kann unrealistisches Wunschdenken verbreiten
SachDebattierer 10.06.2015
4. Hört, hört, ...
Zitat von gersco...präsentieren oder inszenieren, allerdings bleibt das Problem: Er ist halt keiner mehr! Allem Schein zum Trotz ist das wohl verdientermaßen mittlerweile allgemein bekannt.
Nennen Sie uns doch mal aus dem Hut 3 Persönlichkeiten, die ihrer Meinung nach den Titel "Seriöser Staatsmann" verdienen. Das ist gemein, ... ich weiß ;-)
marco1217 10.06.2015
5. Da haben sich 2 gefunden :)
Natürlich verstehen sich Papst und Putin gut. Bei Themen wie Homosexualität z.B. sind sie ja auf einer Wellenlänge...
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