Auftritt bei der Uno Putins Triumph

Dieses Mal wird Russlands Präsident die Aufmerksamkeit der Welt gewiss sein, wenn er vor der Uno spricht. Wladimir Putins Position ist vor allem deshalb stark, weil die Nahost-Politik des Westens so schwach ist.

Ein Kommentar von , Moskau

Russischer Präsident Putin: "Verhandlungsposition ist stark"
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Russischer Präsident Putin: "Verhandlungsposition ist stark"


Es kann unerträglich sein, Russland zuzuhören. Dmitrij Kisseljow, Star-Moderator des russischen Staatsfernsehens, ist kein Mann, dem man gerne lauscht. Kisseljow räsoniert schon mal darüber, dass Russland die USA in "radioaktive Asche verwandeln" könne. Die Herzen homosexueller Unfallopfer möchte er lieber verbrennen, statt sie als Organspenden zu verwenden - weil sie angeblich "nicht zum Leben taugen".

Am Vorabend von Wladimir Putins Rede vor der Uno verkündete Kisseljow aber eine Wahrheit, die sich schwer abstreiten lässt. Der Kreml habe das Weiße Haus an den Verhandlungstisch gezwungen. "Russlands Verhandlungsposition ist stark", sagte Kisseljow. "Sonst würden die Amerikaner ja gar nicht mit uns reden."

Es gibt wenige Orte, an denen sich der wiedergewonnene Einfluss Moskaus so manifestiert wie auf der Uno-Bühne in New York. Wladimir Putin hatte dort im Jahr 2000 als Präsident seinen ersten Auftritt. Dem Kreml-Chef wurde ein Platz als Redner 31 zugelost, eine Position unter ferner liefen. Er musste mit dem Staatschef von Zypern tauschen, um auf Position fünf zu rutschen.

Im Rampenlicht war damals Bill Clinton. Der US-Präsident stand kurz vor seinem Abschied aus dem Weißen Haus. Man stehe davor, "die Geschichte der Menschheit im neuen Jahrtausend neu zu schreiben", rief Clinton. Es ging um "größeren Respekt für unsere gemeinsame Menschlichkeit" und darum, "dass wir alle mehr erreichen, wenn wir anderen helfen". Menschenrechte und Demokratie würden sich nach westlichem Vorbild zwangsläufig weltweit durchsetzen.

Das war der Traum.

Verheerende Bilanz im Nahen Osten

15 Jahre nach Clintons Millenium-Rede ist die Bilanz verheerend. Demokratie hat sich weder im Irak durchgesetzt noch in Libyen, Ägypten oder Afghanistan.

Es stimmt schon: Ausgerechnet im Falle Syriens ist es schwer zu sagen, wer mehr zu dem Machtvakuum beigetragen hat, in dem der IS so stark geworden ist. War es der Westen und seine arabischen Partner, die Assads Gegner aufgerüstet haben? Oder doch Moskau, das mit seiner Unterstützung für den Diktator einen schnellen Sieg der Opposition verhinderte?

Es war immer leicht, Kritik aus Russland mit Verweis auf Russlands Waffenlieferungen an brutale Regime beiseitezuschieben. Ja, Moskau hat auch an einem Mann wie Muammar al-Gaddafi gut verdient. Aber Warnungen wurden selbst dann in den Wind geschlagen, wenn sie wohlmeinend waren.

"Auch uns gefällt nicht alles, was im Nahen Osten passiert," sagte der ehemalige Premierminister Jewgenij Primakow 2011 dem SPIEGEL. Russland denke nicht, "dass Bomben die Probleme lösen. Wir verstehen den Nahen Osten besser als viele westliche Länder, wir wissen, wie wichtig es ist, Geschichte, Mentalität und Traditionen zu berücksichtigen. Ich denke nicht, dass in den Ländern des arabischen Frühlings Demokratie nach europäischem Vorbild möglich ist".

Primakow, inzwischen verstorben, war im Westen vor allem als ehemaliger Apparatschik des sowjetischen Geheimdienstes bekannt. Als ehemaliger Korrespondent der Zeitung "Prawda" in Kairo war er aber auch ein exzellenter Kenner des Nahen Ostens. So richtig zuhören mochte aber auch Primakow im Westen dennoch niemand.

Nun zwingt Putin die Welt, ihm zuzuhören. Russlands Präsident wird für ein Bündnis mit Syriens Diktator Assad gegen den "Islamischen Staat" werben - und hart mit der Politik des Westens ins Gericht gehen. Er wird dem Westen einen Spiegel vorhalten.

Wenn das Bild darin aber hässlich ist, muss das nicht nur an Putin liegen.

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Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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Seite 1
hbirinci 28.09.2015
1. Der Putin
als Moralapostel. Das ich das noch miterleben darf.
Al.Ba. 28.09.2015
2. Schwach?
Die Nah-Ostpolitik wird als "schwach" bezeichtnet. Da könnte man denken es geht in die richtige richtung aber nur nichr beherzt genug. Dabei ist sie einfach Plan los und somit nicht schwach sondern falsch.
Msc 28.09.2015
3.
Dass man Primakow nicht zuhören wollte, hatte nichts damit zu tun, dass er Russe war. Ausgewiesenen westlichen Experten wie Peter Scholl-Latour wollte man auch nicht zuhören. Die Politiker lebten lieber in ihrer eigenen Scheinwelt.
Palmstroem 28.09.2015
4. Warum Putin stark ist und der Westen schwach
Wladimir Putin setzt auf nackte militärische Gewalt, der Westen auf Gespräche. Kein Wunder, dass Putin stark ist. Die Krise in den Arabischen Ländern eskalierte mit dem Abzug der US-Truppen, paradoxerweise sollen nun russische Soldaten diese Lücke wieder schließen. Und gerade erleben wir in Afghanistan das gleiche absurde Spiel. Der Westen zieht seine Truppen ab und die Taliban kommen wieder. Und schon machen sich hunderttausende Afghanen aus Angst vor deren Terror auf den Weg nach Westen. Putins Stärke ist die Angst des Westens vor militärischen Aktionen. Mit Friedensmärschen gewinnt man keinen Krieg!
stauner 28.09.2015
5. Guter Punkt!
Es ist eine Ironie der Geschichte, daß immer noch George Bush die Politik im Nahen Osten bestimmt. Obama hat viele Jahre alles versucht um die USA rauszuhalten und Öl in Form von Waffen ins Krisengebiet geleitet. Man sollte auch nicht so genau hiinschauen, wie die IS eigentlich entstand. Auch da kommt Barak Obama vor - und das Geld aus den konservativen Arabischen Diktaturen. Gegenüber dieser US Nahostpolitik erscheiint Putin dann schon fast vernünftig, da wird jeder Zwerg zum Riesen. Nein. Er ist kein Moralapostel. Er hat einfach begriffen, daß man diesen Bürgerkrieg nicht beendet indem man allen Seiten gleichzeitig Waffen liefert.
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